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Hessen: „Landwirtschaft ist aufdie Artenvielfalt angewiesen“

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Von: Jutta Rippegather

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Michael Rothkegel, ist seit 1988 Geschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen. Der gebürtige Duisburger lebt in Offenbach und hat Agrarwissenschaft studiert. jur
Michael Rothkegel, ist seit 1988 Geschäftsführer des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Hessen. Der gebürtige Duisburger lebt in Offenbach und hat Agrarwissenschaft studiert. jur © Privat

BUND-Experte Michael Rothkegel über die Notwendigkeit von Blühstreifen und die wahren Gründe für den Hunger in der Welt.

Herr Rothkegel, der hessische Bauernverband und die hessische FDP fordern ein Rollback in der Landwirtschaft. Man könne sich nicht leisten, die guten Äcker brachliegen zu lassen, während in anderen Teilen der Welt die Menschen hungern müssen, weil die Weizenlieferungen aus der Ukraine ausbleiben. Sollte man jetzt in der Krise eine Ausnahme machen?

Nein, Blühflächen oder Ackerrandstreifen dienen der Biodiversität. Sie wieder intensiv landwirtschaftlich zu nutzen wäre falsch. Wir brauchen diese Flächen, weil wir auch in Hessen ein Problem mit der Artenvielfalt haben, wir müssen etwas für deren Schutz tun. Die Landwirtschaft ist auch auf ein intaktes Ökosystem angewiesen, damit Insekten ihre Pflanzen bestäuben.

Wie steht der BUND zu dem Vorschlag des Bundeslandwirtschaftsministeriums, diese Flächen zumindest zur Futtermittelproduktion zu nutzen, das heißt ohne dass dort gespritzt wird?

Da sind wir nicht dagegen. Aber grundsätzlich sollten sie für die ökologische Vielfalt vorgehalten werden. Ohne diese Artenvielfalt ist auch eine zukunftsfähige Landwirtschaft nicht möglich.

Die hessische Umweltministerin Priska Hinz von den Grünen rühmt sich, große Fortschritte bei der Bemühung um mehr Biodiversität in der Landwirtschaft erreicht zu haben. Sind Sie zufrieden mit dem, was die Landesregierung in den vergangenen Jahren erreicht hat?

Es gibt in Hessen sehr gute Ansätze. Wir haben hier ja nicht die Probleme wie Niedersachen oder Nordrhein-Westfalen mit sehr großer Tierhaltung und der entsprechenden Problematik mit der Gülleverwertung. Es wird eine ganze Menge seitens der Landesregierung getan. Es gab den Runden Tisch Landwirtschaft und Naturschutz, in dem vereinbart wurde, dass der Anteil der Brachflächen in bestimmten Bereichen auf sieben Prozent erhöht werden soll. Die Landwirte werden dabei finanziell unterstützt. Aber auch Hessen kann noch mehr machen.

Zum Beispiel?

Vom Pestizideinsatz runterzukommen und den ökologischen Landbau fördern. Da tut Hessen wirklich eine ganze Menge und das muss weitergehen. Das für 2025 angepeilte Ziel von 25 Prozent ökologische Landwirtschaft ist sinnvoll und notwendig. Mittel- bis langfristig müssten es 100 Prozent sein.

Kritiker:innen sagen, das mindert die Erträge. Blühstreifen sind nicht so wichtig, wie eine Kompensation der Ernteausfälle durch den Krieg in der Ukraine.

Wir haben eine erhebliche Fläche in Deutschland, die für den Futtermittelanbau genutzt wird. Der Fleischkonsum in Deutschland ist viel zu hoch, da müssen wir runter. Dadurch würde Fläche frei für den Getreideanbau für die direkte Ernährung des Menschen. Auf rund 800 000 Hektar in Deutschland wachsen Agrokraftstoffe. Die Bundesregierung muss die Beimischungspflicht aussetzen. Auch dort kann dann Getreide für die menschliche Ernährung angebaut werden.

Blühflächen machen gerade vier Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen aus und werden in der Regel auf den weniger ertragreichen Böden angelegt. Auf diesen Flächen kann kein Ertrag an Getreide erreicht werde, um auf den Weltmärkten das Getreideangebot nennenswert zu erhöhen.

Wo würden Sie ansetzen, um den Hunger in der Welt zu bekämpfen?

Der Hunger auf der Welt ist ein Verteilungsproblem. Ein Problem der Preise, die auf dem Weltmarkt für Getreide verlangt werden. Das hat auch mit Nahrungsmittelspekulation zu tun. Hunger wird nicht gestillt, wenn man in Hessen auf den vier Prozent der Fläche zusätzlich Getreide anbaut. Außerdem bedeutet eine Intensivierung der Landwirtschaft höheren Düngemitteleinsatz. Dieser Dünger wird energieaufwendig hergestellt und muss zum Teil importiert werden – auch aus Russland. Wenn wir uns aus der Energieabhängigkeit befreien wollen, müssen wir auch den Düngemitteleinsatz reduzieren.

Interview: Jutta Rippegather

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