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Hessen: Kinderarztpraxen am Limit

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Von: Jutta Rippegather

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Eine Kinderärztin untersucht ein Kleinkind.
Eine Kinderärztin untersucht ein Kleinkind. © Christoph Boeckheler/epd

Die Gleichzeitigkeit von drei Infektionswellen trifft auf durch Corona verunsicherte Eltern. Die Ärzteschaft und Apotheker müssen aufklären.

Der Vierjährige und seine große Schwester haben starken Husten. Der Kinderarzt ist lediglich per E-Mail erreichbar. Er habe zurückgeschrieben, dass er sich nur um die ganz schlimmen Fälle kümmern könnte, berichtet ihr Vater aus Offenbach. Ein Frankfurter kassierte drei Absagen von Vertretungspraxen und fuhr am Ende mit der sechsjährigen Tochter in die Notaufnahme eines Krankenhauses, wo er sieben Stunden warten musste. „Sie hatte drei Tage lang hohes Fieber, ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen.“

Schwerer Winter

Die Lage in den hessischen Kinderarztpraxen und Kinderkliniken ist angespannt - wie überall in Deutschland. „Alle arbeiten am Limit“, sagt Ralf Moebus, Vorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Hessen. Ein „schwerer Winter“ sei das und ein sehr ungewöhnlicher.

Gleich drei Infektionswellen fallen zusammen, verursacht von Rhinoviren, von RS-Viren und einer viel zu frühen Grippe. Die RSV-Welle ebbe laut Robert-Koch-Institut langsam ab, berichtet Moebus. „Aber bei der Influenza gehen die Zahlen bei den Null- bis Vierjährigen durch die Decke.“

Das neue Klopapier

Ein weiterer Grund, sagt Moebus, sei die Unterversorgung mit Kinderärzt:innen im Land. Wie viele Kolleg:innen hat auch er für seine Praxis in Bad Homburg einen Aufnahmestopp für Neupatient:innen angeordnet - mit Ausnahmen für chronisch Kranke, Neugeborene, Notfälle.

Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV)

Die Übertragung erfolgt insbesondere durch Tröpfcheninfektion, möglich ist sie auch über Hände, Gegenstände und Oberflächen.

Infektionen können in jedem Lebensalter auftreten - symptomlos, als einfache Atemwegsinfektionen, aber auch schwerer. Typische sind anfangs Symptome der oberen Atemwege wie Schnupfen, Husten, Halsschweh. Im Verlauf kommen oft stärkerer Husten, schnelleres Atmen, pfeifende Geräusche beim Ausatmen oder Atemnot hinzu. Bei Frühgeborenen sind Atempausen möglich.

Das Beachten der bekannten Hygieneregeln (Händewaschen, Husten und Niesen in Armbeuge, Reinigung kontaminierter Gegenstände) kann die Ausbreitung minimieren. jur

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Und da sind dann noch die Eltern: „Die haben wir in der Corona-Situation so verunsichert, die denken gleich das Schlimmste.“ Dabei sei ein Infekt kein Anzeichen von Schwäche, sondern trainiere das Immunsystem. „Mit Fieber kommen die meisten Kinder gut zurecht, die Eltern aber nicht, weil sie in großer Sorge sind.“ Angefacht werde die Verunsicherung noch durch Medienberichte über überquellende Kinderkliniken und Lieferengpässe bei Medikamenten.

In der Tat ein Problem, sagt Holger Seyfarth. Und zwar eines, auf das er als Vorsitzender des Landesapothekerverbands die Landespolitik seit Jahren hinweise. „Im Frühjahr fehlten Brustkrebsmedikamente, im Moment sind es bestimmte Antibiotika, Fieber- und Hustensäfte für Kinder.“ Wegen des Preisdrucks sei die Herstellung überwiegend dorthin verlagert worden, wo derzeit die Lieferketten gestört seien - nach Asien.

Deshalb kommt es zu Hamsterkäufen. Oder wie Seyfarth sagt, „Fiebersaft ist das neue Klopapier“. Das sei verständlich, aber andere kranke Kinder dürften nicht leer ausgehen. „Wenn wir den Müttern das erklären, dann haben sie dafür Verständnis.“ Gespräche, die das Apothekenpersonal zusätzlich Zeit kosten. Moebus appelliert an die Eltern, keine rezeptfreien Medikamente zu horten. „Wir sind wegen des Mangels an Schmerzmitteln und fiebersenkenden Medikamenten für Kinder in Saftzubereitung besorgt“, sagte er dieser Tage nach einem Gespräch mit Hessens Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne). Dieser versicherte am Freitag in Wiesbaden, die Lage ernst zu nehmen und im Blick zu behalten. „Die große Zahl an Erkrankungen treffen auf Personal, das nach fast drei Jahren Corona-Pandemie ohnehin besonders belastet ist.“

Ein baldiges Ende ist nicht in Sicht. Moebus geht davon aus, dass der Höhepunkt noch nicht erreicht ist. Er praktiziert seit einem Vierteljahrhundert als niedergelassener Arzt. Nach seiner Erfahrung geht es zum Jahresanfang erst richtig rund: „Im Januar haben Kinderärzte am meisten im ganzen Jahr zu tun.“

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