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Hessen: Kampf gegen den Pflegenotstand

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Von: Jutta Rippegather

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Sind kampferprobt: die Beschäftigten der Uniklinik Gießen-Marburg.
Sind kampferprobt: die Beschäftigten der Uniklinik Gießen-Marburg. dpa © dpa

Verdi fordert bessere Arbeitsbedingungen an der Uniklinik Gießen-Marburg. Betroffene berichten aus ihrem Alltag.

Am Ende kommen ihr die Tränen: „Ich finde es so traurig, keine Zeit mehr für die Menschen zu haben, das ist einfach nur traurig“, sagt Nilüfer Cankut. „Deshalb brauchen wir Personal.“ Sie liebe ihren Beruf, fügt die examinierte Krankenpflegerin dann noch hinzu. Als sie auf der Pneumologischen Station an der Uniklinik in Marburg im Jahr 1995 anfing, war der Vormittag mit vier Examinierten besetzt, sagt sie. „Mittlerweile sind wir nur noch zwei.“

Und es könnte noch schlimmer kommen: Immer mehr Kolleg:innen reduzierten ihre Arbeitszeiten oder spielten mit dem Gedanken, ganz aufzuhören. An diesem Punkt ist Cankut (noch) nicht. Aber sie stellt sich immer häufiger die Frage, ob ihre Kräfte ausreichen, bis sie in 19 Jahren das Rentenalter erreicht hat.

Unterschriften gesammelt

Cankut ist eine von Tausenden, die ihre Unterschrift unter die Forderungen nach einem Tarifvertrag zur Entlastung gesetzt haben und nach einer Beschäftigungssicherung, die alle Kolleg:innen einschließt - auch die Transportdienste, die IT.

Damit ein Krankenhaus gut funktioniert, müssen viele Rädchen ineinander greifen, sagt Viktor Wildemann, der beim Patiententransport am Standort Gießen tätig ist, der nach der Privatisierung vor 17 Jahren ausgegliedert wurde. Wildemann treibt die Sorge um, dass für ihn nicht die Beschäftigungsgarantie gilt, die das Land mit dem Rhön-Konzern ausgehandelt hat. Dabei trage auch sein Beruf bei zu einer guten Krankenversorgung. „Das ist Teamarbeit.“

Zukunftsvertrag

Vor einer Woche hatten sich Land und der Rhön-Konzern als Betreiber der Uniklinik auf die Eckpunkte eines neuen Zukunftspapiers für die nächsten zehn Jahre geeinigt. Ende Januar soll es unterschriftsreif sein.

Verabredet sind rund 530 Millionen Euro Landesmittel. Rhön sagt rund 250 Millionen Euro zu plus rund 60 Millionen Euro für ein Joint Venture für Forschungsprojekte. Es soll eine Beschäftigungsgarantie geben und ein Ausgliederungsverbot. jur

Am heutigen Mittwoch, 14. Dezember, will Verdi die Unterschriftenliste mit den Forderungen an die Landesregierung und die Verantwortlichen vom Rhön-Konzern übergeben. 100 Tage geben sie ihnen Zeit, sie zu erfüllen, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Fabian Dzewas-Rehm. Nach den Unikliniken in Jena, Berlin, Mainz oder Frankfurt soll auch das private Haus in Mittelhessen mit einem Entlastungstarifvertrag dafür sorgen, dass die Menschen wieder gerne zur Arbeit gehen und manche gar in den Pflegeberuf zurückkehren.

Ziel sei für jede Abteilung eine klar definierte Anzahl von nicht-ärztlichem-Personal, Details will die Belegschaft in den nächsten Wochen erarbeiten. Liegt die Besetzung darunter, werden die Verbliebenen entweder mit Geld oder Freizeit entschädigt. Eine Motivation für den Arbeitgeber, es nicht zu Unterbesetzungen kommen zu lassen.

Keine Zeit für die kranken Kinder

Denn das frustriert, wie Michaela Newel eindrücklich schildert. Sie arbeitet seit 2017 auf der Kinderonkologischen Station in Gießen, auch dort hat sich die Schichtbesetzung halbiert. „Die Qualität hat abgenommen, wir sind meistens nur zu dritt.“ Dabei haben die Fallzahlen zugenommen. Immer mehr Kliniken ziehen sich aus der Versorgung der Kleinen zurück. Ihr fehle die Zeit, um an den Diagnosegesprächen mit den Eltern teilzunehmen, sagt Newel. Mit ihnen zu reden, um ihnen ihre Ängste zu nehmen. Sich im Spätdienst auch um die weniger schweren Fälle zu kümmern. „Nach so einem Dienst fühlt man sich superschlecht, ausgelaugt und fragt sich, warum man diesen Beruf macht.“ Mit einem Tarifvertrag Entlastung verbindet sie die Hoffnung, ihren Beruf wieder so auszuüben zu können, wie sie es gelernt hat. „Viele Kollegen haben gesagt, sie würden ihre Arbeitszeit wieder aufstocken oder nicht kündigen, wenn die Arbeitssituation sich verbessert.“

Die Uniklinik teilte mit, sie werde die Verdi-Forderungen „zunächst in Ruhe intern überprüfen und bewerten“. Vor Unterzeichnung des Zukunftsvertrags seien Gespräche über die Frage der Beschäftigungssicherung nicht möglich.

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