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So könnte das Mahnmal für die Opfer an der Odenwaldschule aussehen
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So könnte das Mahnmal für die Opfer an der Odenwaldschule aussehen

Hessen

Odenwaldschule: Das schwierige Gedenken für die Opfer sexuellen Missbrauchs

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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In Heppenheim könnte die Gesellschaft mit einem mächtigen Mahnmal ein Zeichen für Opfer des monströsen sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule setzen. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung macht sich dafür stark. Doch es gibt Streit darüber.

Heppenheim - Es ist ein wuchtiges Denkmal, das der Dimension der sexualisierten Gewalt an der ehemaligen Odenwaldschule gerecht werden soll. Vier mal vier Meter groß, 3,40 Meter hoch sollen Stahlplatten in die Höhe ragen, die Türklinken in unerreichbarer Höhe.

So könnte der Gedenkort im Heppenheimer Ortsteil Ober-Hambach aussehen, wo jahrzehntelang viele Hundert Kinder und Jugendliche zu Opfern des sexuellen Missbrauchs geworden sind und einer der übelsten pädosexuellen Täter der Republik lange Zeit als Schulleiter waltete. Es wäre ein Zeichen mit bundesweiter Ausstrahlung. Deshalb schaltet sich auch der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, in die Diskussion ein. Er würde ein solches Mahnmal befürworten.

Odenwaldschule: Es gibt eine ältere Skulptur

Doch die Debatte hat sich verhakt. Wie so oft in der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs stehen sich Gruppen von Betroffenen gegenüber. Nicht alle Opfer halten ein solches Mahnmal für sinnvoll und notwendig. Auch weil es bereits eine ältere Skulptur gibt, deren Bedeutung verschieden interpretiert wird. Das wiederum macht es manchen Entscheidungsträgern schwer, Position zu beziehen.

Die Überlegungen, die von dem Missbrauchsbetroffenen Adrian Koerfer ausgingen, sind weit fortgeschritten. Mehrere Entwürfe liegen vor. Im Juni entschied eine Jury, welches Mahnmal sie bevorzugen würde. Drei Opfer sexuellen Missbrauchs gehörten dem Gremium an, darunter ein ehemaliger Odenwaldschüler, dazu drei Professoren der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach und drei Vertreter:innen der Politik.

Odenwaldschule: „Wir wollen öffentliches Gedenken“

„Jetzt geht es darum, auf politischer Ebene zu einer Einigung zu kommen und klar zu machen: Wir wollen dieses Mahnmal. Wir wollen öffentliches Gedenken. Wir wollen eine Gedenkstätte für die Opfer der Verbrechen, an deren Begünstigung unsere Institutionen beteiligt waren“, sagt Koerfer.

Das Mahnmal, für das sich die Jury unter sieben Entwürfen entschieden hatte, stammt von ihm – ohne dass die Jurorinnen und Juroren wussten, wer die Urheberinnen und Urheber waren. Auch das erschwert die Angelegenheit, denn es wird in der internen Debatte problematisiert, dass der Antreiber im gleiche Zusammenhang als Künstler in Erscheinung tritt. Von Koerfer jedenfalls stammt das Werk mit den ineinander verkeilten Eisenplatten, die man für riesige Türen halten kann.

Wie der Missbrauch an der Odenwaldschule an die Öffentlichkeit kam

Das Missbrauchssystem an der reformpädagogischen Internatsschule war 1999 durch einen Bericht in der Frankfurter Rundschau öffentlich bekanntgeworden. Erst nach einem weiteren FR-Artikel gut zehn Jahre später zog es Konsequenzen nach sich. Auch das Land Hessen und der Landkreis Bergstraße hatten vorher nicht reagiert, die für die Aufsicht über den Schul- und Internatsbetrieb zuständig waren. Daher geht es nun vor allem darum, ob die staatlichen Stellen bereit sind, ein Zeichen der Erinnerung zu setzen, das auch ihre eigene Verantwortung berücksichtigt.

Noch im Juli 2010, kurz nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe, war die Stahlskulptur „Keimen und Wachsen“ des Altschülers Daniel Brenner auf dem Gelände aufgestellt worden. Sie zeigt einen Baum ohne Krone, einen austreibenden Keimling und eine Hand. Sie sollte ein Ort des Gedenkens an die Opfer werden. Aus Koerfers Sicht war das lediglich ein „pied-à-terre“, ein erstes öffentliches Zeichen der Opfer, die sich zu outen begannen. Andere Opfer halten Brenners Denkmal hingegen nach wie vor für ausreichend. Zu ihnen zählt die Vorsitzende des Opfervereins „Glasbrechen“, Sabine Pohle.

Odenwaldschule: Immer mehr Opfer

Als Brenner seine Skulptur schuf, war das wahre Ausmaß des Missbrauchsskandals unbekannt. Zunächst wurde die Zahl der Betroffenen auf 70 Schülerinnen und Schüler geschätzt, doch viele ahnten, dass es mehr sein könnten. Ende 2010 kamen die von der Schule beauftragten Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann nach der Befragung vieler Betroffener zu dem Schluss, dass mindestens 132 Schüler und Schülerinnen zu Opfern von Übergriffen geworden seien.

Heute geht man davon aus, dass mehr als 500, vielleicht sogar 1000 Schülerinnen und Schüler sexualisierte Gewalt an der Schule erleben mussten. Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler Jens Brachmann (Rostock) und Florian Straus (München) nach umfangreichen Recherchen. Die meisten Täter seien in den 1960er bis 1980er Jahren an der Odenwaldschule beschäftigt gewesen.

Chronik

1910 Die Odenwaldschule wird in Ober-Hambach, einem heutigen Ortsteil von Heppenheim, gegründet. Die Gründer Paul und Edith Geheeb setzen auf eine ganzheitliche Erziehung „vom Kinde aus“. Zum Leitspruch wird Paul Geheebs Gedanke „Werde, der du bist“. Spätere Recherchen ergeben Hinweise darauf, dass bereits zu Geheebs Zeiten Schülerinnen und Schüler an der Odenwaldschule sexuellem Missbrauch ausgeliefert waren.

1963 Die Schule wird zur Unesco-Projektschule. Sie gilt als Vorzeige-Institution der Reformpädagogik. Im Laufe der Jahrzehnte besuchen zahlreiche Schülerinnen und Schüler die Odenwaldschule, die später bekannt werden. Dazu zählen der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, die Schriftsteller Klaus Mann, Wolfgang Hildesheimer, Max Kruse und Jakob Arjouni oder der Theater-Regisseur Thomas Bockelmann.

1972-1985 Amtszeit des Schulleiters Gerold Becker. Der pädophile Mann missbraucht eine Vielzahl von Kindern an der Schule und hält seine schützende Hand über eine Reihe weiterer Sexualtäter. Becker genießt in der Öffentlichkeit Renommee als Pädagoge, ebenso wie sein Lebensgefährte, der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig. Becker stirbt 2010, ohne rechtlich belangt worden zu sein. Von Hentig bestreitet, etwas von den Taten des Freundes mitbekommen zu haben.

1999 Durch einen Bericht der Frankfurter Rundschau wird der Missbrauchsskandal öffentlich. Unter den Pseudonymen Jürgen Dehmers und Thorsten Wiest schildern zwei Ex-Schüler in dem Artikel des FR-Journalisten Jörg Schindler die systematische sexuelle Gewalt. Die Schule verspricht eine Aufklärung, die aber nicht erfolgt.

2010 Kurz vor der Feier zum 100. Jahrestag der Odenwaldschule schreibt Jörg Schindler in der FR erneut über die sexualisierte Gewalt. Dieses Mal entbrennt eine breite öffentliche Debatte, auch vor dem Hintergrund von Fällen des sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der katholischen Kirche. Die Odenwaldschule beauftragt die Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann mit einer Untersuchung. In ihrem Abschlussbericht stellen sie fest, dass zwischen 1965 und 1998 mindestens 132 Schülerinnen und Schüler Opfer von Übergriffen durch Lehrer geworden seien. Der Verein Glasbrechen, in dem sich Opfer zusammenschließen, geht von einer weit höheren Zahl aus. Die Bundesregierung schafft, auch als Reaktion auf die Berichte von der Odenwaldschule, das Amt eines/einer Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs.

2011 schildert der Ex-Schüler Andreas Huckele, der hinter dem Pseudonym Jürgen Dehmers steckte, das System der sexuellen Ausbeutung von Minderjährigen in der Odenwaldschule aus seinen Erfahrungen in einem Buch. Für „Wie laut soll ich noch schreien“ wird Huckele ein Jahr später mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

Seit 2011 kommt mühsam ein Prozess voran, in dem Opfer Geldzahlungen von der Schule in Anerkennung ihres Leidens erhalten. So wird die Stiftung „Brücken bauen“ eingerichtet. Sie hat bis heute mehr als 600 000 Euro an ehemalige Schülerinnen und Schüler ausgezahlt, in Anerkennung erlittenen Leids und für die Finanzierung von Therapien.

2014 Die Polizei durchsucht die Wohnung eines Mathematik-Lehrers der Odenwaldschule. Er räumt ein, Dateien von einem Kinderporno-Anbieter im Internet heruntergeladen zu haben.

2015 Die Odenwaldschule meldet Insolvenz an und muss schließen.

2019 Die Wissenschaftler Jens Brachmann (Rostock) und Florian Straus (München) legen eingehende Untersuchungen zum Missbrauch an der Odenwaldschule vor. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass mehr als 500, vielleicht sogar 1000 Schülerinnen und Schüler Opfer der sexualisierten Gewalt an der Schule geworden sind. Brachmann nennt allein fünf Haupt- und Intensivtäter, darunter den ehemaligen Schulleiter Gerold Becker. Keiner von ihnen wurde strafrechtlich belangt. pit

Rörig will ein „angemessenes Mahnmal“ für Opfer sexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule

Ein Mahnmal in Heppenheim sollte dieser monströsen und jahrzehntelangen Gewalt gerecht werden, findet Koerfer. Die gleiche Position vertritt eine Reihe prominenter Unterstützerinnen und Unterstützer des Vorhabens. An vorderster Stelle spricht sich der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, für das Projekt aus. Rörig sagte der Frankfurter Rundschau: „Die Errichtung eines angemessen Mahnmals gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen, das der riesigen Dimension des Unrechts entspricht, das den Odenwaldschülern dort durch Lehrkräfte angetan wurde, unterstütze ich sehr.“

Auch Brigitte Tilmann, die ehemalige Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt, die bei ihren Recherchen mit vielen Betroffenen des sexuellen Missbrauchs Kontakt hatte, wünscht sich ein deutlich sichtbares Mahnmal. Es gehe dabei „um die öffentliche Feststellung: Da ist Unrecht geschehen“, betont Tilmann.

Odenwaldschule: Den Schrecken des Ortes sichtbar machen

Das Land Hessen könnte dabei eine treibende Kraft sein. Der Grünen-Landtagsabgeordnete Marcus Bocklet, der seit langer Zeit an der Seite der Betroffenen der Odenwaldschule steht, gehörte der Jury an, die sich für den Koerfer-Entwurf entschied. „Ich finde ihn sehr beeindruckend“, sagt der Grünen-Politiker. Ihm gehe es um ein Mahnmal, „das den Schrecken dieses Ortes sichtbar macht“. Die schwarz-grüne Landesregierung ist nach Bocklets Worten bereit, die Errichtung eines solchen Mahnmals finanziell zu unterstützen.

Auch Matthias Wilkes fände es gut, wenn das gelänge. Der CDU-Politiker amtierte zwölf Jahre lang als Landrat des Kreises Bergstraße, in der Zeit, als der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule öffentlich wurde. „Der Landkreis Bergstraße hat wie das Land Hessen Schuld auf sich geladen“, befindet Wilkes. Ein Mahnmal halte er für „notwendig“, zumal sich eine Reihe von Schüler:innen wegen des Missbrauchs das Leben genommen hätten. Da brauche es mehr als die „kleine Erinnerungsstätte“, die Brenner geschaffen habe. Er fühle sich „moralisch verpflichtet“, dafür zu kämpfen, auch wenn er schon seit sechs Jahren kein politisches Amt mehr bekleide, erklärt Wilkes.

Glasbrechen-Vorsitzende hat Einwände

Doch neben den Befürworter:innen gibt es auch Gegner:innen eines großen Mahnmals, nicht zuletzt die Ex-Odenwaldschülerin und einstige Mitstreiterin Koerfers, Sabine Pohle. Sie steht heute an der Spitze des Opfervereins „Glasbrechen“, aus dem sich Koerfer und andere zurückgezogen haben. „Herr Koerfer hat irgendwann entschieden, dass man ein weiteres Mahnmal bräuchte“, beschreibt Pohle die Entwicklung aus ihrer Sicht. „Warum man ein weiteres braucht, hat sich für uns nicht erschlossen.“

Sie halte das Denkmal von Daniel Brenner, „das wir alle gemeinsam ausgesucht haben“, nach wie vor für angemessen. „Wenn man das an einem anderen Ort haben will, kann man darüber sprechen“, fügt sie noch hinzu – denn Kritiker:innen halten den Standort des Brenner-Denkmals für zu abgelegen und das Denkmal selbst für zu unscheinbar. Pohle wendet noch ein, das Geld für ein Mahnmal solle besser verwendet werden, um Opfern eine höhere Entschädigung zu zahlen.

Heppenheims Bürgermeister sieht keinen Handlungsbedarf

In dieser Gemengelage fällt es manchen Entscheidungsträgern schwer, Position zu beziehen. Etwa dem Bürgermeister von Heppenheim, Rainer Burelbach (CDU). Ihm sei bekannt, „dass eine Gruppe ein weiteres Mahnmal will“, schildert er. Aber „auf einmal gab es Streitereien zwischen zwei Opferorganisationen“. Mit E-Mails, in denen er teilweise beschimpft worden sei. In dieser Situation strebe er kein neues Mahnmal an. „Wenn das zu Streit führt, sehe ich keinen Grund“, stellt Burelbach fest.

Mit dem Eigentümer des Grundstücks, auf dem früher die Schule stand, habe er vereinbart, dass das Brenner-Denkmal von Überwucherungen freigemacht werde. Dabei könne es aus seiner Sicht bleiben.

„Ein Zeichen der Gesellschaft“

Die Juristin Tilmann möchte sich hingegen nicht damit abfinden, dass der Streit zwischen den Opfergruppen die Errichtung eines Mahnmals lähmt. Nach ihrer Erfahrung ist es oft vorgekommen, dass sich die Betroffenen von sexualisierter Gewalt in internen Zwist verstrickt haben. Aus ihrer Sicht hat das mit den Schwierigkeiten bei der Aufarbeitung zu tun, die alle Beteiligten so enorm emotional belaste.

Zentral ist für Tilmann aber, dass nicht die Betroffenen dafür verantwortlich seien, ein Signal zu setzen, sondern die Gesellschaft und deren Institutionen. „Es geht um ein Zeichen der Gesellschaft für die Anerkennung des Leidens der Opfer“, betont Tilmann. (Pitt von Bebenburg)

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