In der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen kommt es immer wieder zu Suizidversuchen. Foto: epd
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In der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen kommt es immer wieder zu Suizidversuchen. Foto: epd

Flüchtlingspolitik

Hessen: Fast 30 Suizidversuche unter Flüchtlingen

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Knapp 30 Geflüchtete haben seit Anfang 2021 in Hessen versucht, sich das Leben zu nehmen. Der hessische Flüchtlingsrat führt das auf den hohen Druck durch das „Abschieberegime“ zurück.

In hessischen Erstaufnahmeeinrichtungen haben seit Beginn des vergangenen Jahres fast 30 geflüchtete Menschen versucht, sich das Leben zu nehmen. Ein Mann aus Eritrea beging im März des vergangenen Jahres Suizid, indem er sich selbst Verletzungen zufügte. Diese Zahlen gehen aus einer Antwort der hessischen Landesregierung auf eine Parlamentsanfrage der Linksfraktion hervor.

Demnach gab es im vergangenen Jahr 19 Fälle, in denen Flüchtlinge durch Selbstverletzung, Sprünge aus dem Fenster oder die Einnahme von Tabletten versuchten, ihr Leben zu beenden. Die betroffenen Geflüchteten kamen aus unterschiedlichen Ländern der Erde, etwa Türkei, Syrien, Irak, Afghanistan, Marokko und Algerien. Im laufenden Jahr gab es bereits acht Fälle, in denen Menschen, die in Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes wohnten, Suizidversuche unternommen haben. Die Betroffenen kamen beispielsweise aus Marokko, Algerien und Bosnien-Herzegowina. Insgesamt waren deutlich öfter Männer als Frauen betroffen.

Im Jahr 2019 hatte es insgesamt 50 und im Jahr 2020 genau 24 Suizidversuche unter Bewohner:innen der Erstaufnahmeeinrichtungen gegeben.

Weil die Linksfraktion danach gefragt hatte, listeten Sozial- und Innenministerium in ihrer aktuellen Antwort zudem acht Fälle auf, in denen es bei Abschiebungen oder Abschiebeversuchen zu Suizidversuchen kam. Laut Landesregierung trifft dies auf zwei Fälle aus diesem Jahr und sechs Fälle aus dem vergangenen Jahr zu, wobei es 2021 in zwei Fällen bei der Androhung eines Suizids blieb. Diese Zahlen sind allerdings unvollständig, da Suizidversuche bei Abschiebungen nicht erfasst werden und die Statistik aus den Akten von Regierungspräsidien oder der Polizei zusammengestellt werden musste. Bei sieben dieser acht Fälle waren Geflüchtete betroffen, deren Asylgesuch abgelehnt worden war. Im Jahr 2020 hatte es in Hessen acht Suizidversuche in Zusammenhang mit Abschiebungen gegeben.

Abschiebe-Workshops

Dass Abschiebungen besonders belastende Situationen für die Betroffenen sind, ist den Behörden durchaus bewusst. Alle Polizist:innen in Hessen würden in ihrer Ausbildung „im Umgang mit traumatisierten oder in Festnahmesituationen häufig hoch emotionalisierten Personen in praktischen sowie theoretischen Modulen geschult“, heißt es in der Antwort der Landesregierung. Beamt:innen der Bereitschaftspolizei, die oft in Abschiebefällen eingesetzt würden, erhielten zudem eine zweitägige Fortbildung zu dem Thema.

Timmo Scherenberg, der Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrates, führte die gegenüber 2019 und 2020 gesunkene Zahl von Suizidversuchen auf die geringere Zahl von Abschiebungen während der Corona-Pandemie zurück. Suizidversuche bei Geflüchteten seien Verzweiflungstaten, die oft mit der Angst vor Abschiebungen zusammenhingen, sagte Scherenberg der Frankfurter Rundschau. Das Hauptproblem sei der Druck durch das „Abschieberegime“.

Da Asylverfahren von Bewohner:innen der Erstaufnahme meist noch nicht abgeschlossen seien, gehe er davon aus, dass die Abschiebungen von dort meist nach den sogenannten Dublin-Regelungen in ein anderes EU-Land gingen, so Scherenberg. Aber auch das führe bei Betroffenen zu existenzieller Not.

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