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Hessen: Fahrrad auf dem Weg zum urbanen Verkehrsmittel

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Von: Jutta Rippegather

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Radfahrerinnen und Radfahrer auf einem sicheren Weg: Hier besteht noch Nachholbedarf. panthermedia.net / Kevers
Radfahrerinnen und Radfahrer auf einem sicheren Weg: Hier besteht noch Nachholbedarf. panthermedia.net / Kevers © PantherMedia / kevers

In den Großstädten gewinnt das Rad an Attraktivität. Besserungsbedarf sehen Nutzerinnen und Nutzer noch bei der Sicherheit.

Komfortable Radschnellwege sind durchaus eine Alternative zur Autofahrt: 36 Prozent der Nicht-Rad-Pendelnden in Hessen würden umsteigen, wenn es eine solche Radautobahn auf ihrem Weg zur Arbeits- oder Bildungsstätte geben würde. 79 Prozent der Rad-Pendelnden in Hessen würden noch häufiger in die Pedale treten als bisher. „Radschnellwege scheinen ein Weg zu sein, mehr Leute dazu zu bringen, mit dem Rad zu pendeln“, schlussfolgert Tim Gensheimer vom Sinus-Institut am Mittwoch bei der Präsentation des „Fahrrad-Monitor Hessen 2021“.

In einer repräsentativen Online-Befragung ist das Institut dazu das zweite Mal der Frage nach dem subjektiven Stimmungsbild der Radfahrenden in den Regionen in Hessen nachgegangen. In einer Ausnahmesituation: Die 25-minütigen Befragungen fanden im Mai und Juni vergangenen Jahres statt, als die Pandemie das Mobilitätsverhalten der meisten Menschen maßgeblich beeinflusste.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich etwa die Abnahme der regelmäßigen Radnutzung. Wer zu Hause arbeitet oder lernt, benötigt keine Verkehrsmittel. Umgekehrt trat so mancher in den Großstädten lieber in die Pedale, um einer möglichen Ansteckungsgefahr in Bus und Bahn zu entgehen. „In Frankfurt und den anderen kreisfreien Städten hat das Rad deutlich gewonnen, aber auch das Auto“, sagt Franziska Jurczok vom Sinus-Team. Das Fahrrad entwickele sich zum „urbanen Verkehrsmittel“.

Fahrradmonitor 2021

Alle zwei Jahre erhebt der Bund seit 2009 repräsentativ das subjektive Stimmungsbild der Radfahrendne in Deutschland. Im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums befragt das Unternehmen Sinus Markt- und Sozialforschung dazu in einer repräsentativen Online-Studie Bürgerinnen und Bürger zwischen 14 und 69 Jahren.

Bundesländer können seit 2017 ergänzend regional spezifisch repräsentative Umfrageergebnisse ermitteln lassen. 2019 hat das Hessische Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Wohnen erstmalig solch einen „Boost“ beauftragt.

2021 wurden für den zweiten Boost 1004 in Hessen lebende Personen im Mai und Juni 2021 befragt. Die Auswahl erfolgte repräsentativ mittels Quotenstichprobe. Das Ministerium verfolgt dabei das Ziel, im Rahmen der Nahmobilitätsstrategie für Hessen den Kommunen regionalspezifische Daten zur Verfügung zu stellen, um eine gezielte Stärkung und Förderung des Radverkehrs auf lokaler Ebene zu unterstützen. jur


Ergebnisse der Befragung:

In der Corona-Pandemie gingen 40 Prozent der Befragten aus Hessen häufiger zu Fuß, 28 Prozent nahmen häufiger das eigene Fahrrad (Befragungszeitraum Mai und Juni 2021).

Im Verkehrmittelvergleich haben Fahrrad beziehungsweise Pedelec das höchste Wachstumspotential. 42 Prozent der 14- bis 69-Jährigen wollen es künftig häufiger nutzen. (Bundesdurchschnitt 40 Prozent). 76 Prozent fahren selten Fahrrad, 59 Prozent mehrmals im Monat. Die regelmäßige Nutzung ist wegen Corona gesunken. Denn normalerweise nutzen 20 Prozent der Berufstätigen das Fahrrad regelmäßig auf dem Weg zur Arbeit. Kinder fahren deutlich mehr als Erwachsene.

Die wichtigsten Argumente fürs Rad sind Umweltfreundlichkeit (47 Prozent), Gesundheit (42 Prozent) und Kosten (32 Prozent).
Beim Zufußgehen spielen Gesundheit (67 Prozent) und Umwelt (53 Prozent) eine noch größere Rolle.

Spaß macht das Radeln 54 Prozent. Zwei Drittel fühlen sich im Straßenverkehr sehr sicher bis meistens sicher. Eine deutliche Steigerung im Vergleich zu 2019 (56 Prozent). Frauen fühlen sich mit 42 Prozent wesentlich unsicherer als Männer (27 Prozent). Hauptgründe: zu viel Verkehr (60 Prozent), zu schnelle Autos (56), zu wenig separate Radwege (56). Einen Helm tragen 51 Prozent immer oder meistens (Bundesschnitt 45 Prozent).

Ein Drittel (33 Prozent) nutzt das Rad intensiv, also mehr als 30 Kilometer pro Woche. Bundesdurchschnitt: 30 Prozent. Ein paar Mal im Monat wird das Rad genutzt für Einkäufe, kurze Erledigungen (55 Prozent), Besuche bei Freunden, Familien oder Bekannten (45 Prozent) sowie für Tagesausflüge (41 Prozent). Die Mitnahme des Rads in Nah- und Regionalverkehrszügen ist für 62 Prozent sehr wichtig, 50 Prozent sind damit zufrieden.

Ein kurzer Fahrradurlaub (bis zu drei Übernachtungen) kommt für 36 Prozent in Frage, für 24 Prozent auch ein längerer. Die meisten Radurlaube (82 Prozent) beinhalten die Nutzung anderer Verkehrsmittel.

Das herkömmliche Fahrrad (50 Prozent) hat die Nase vorn, gefolgt vom Mountainbike (36) und Trekkingrad (23). Pedelecs verwenden 20 Prozent, drei Prozent nutzen Lastenräder. 28 Prozent planen in den nächsten zwölf Monaten den Kauf eines neuen Fahrrads. 1048 Euro wollen sie dafür im Schnitt ausgeben. Beim Neukauf fällt die Wahl am häufigsten auf Pedelecs (43 Prozent), Mountainbikes (37) und herkömmliche Fahrräder (22). Einen Lastenradkauf planen aktuell 4 Prozent.

Mehr Informationen unter www.nahmobil-hessen.de





Als Hauptmotive für die Nutzung des Vehikels nannten die Befragten die Kosten, den Profit für Umwelt und Gesundheit. Nachteile im Vergleich zum Auto sehen sie beim Komfort, der Schnelligkeit und Flexibilität. Auch die begrenzten Transportkapaziäten nannten viele als Manko.

Lastenräder sind noch rar. Bessere Abstellmöglichkeiten in den Ortszentren und an Bahnhöfen, eine freundlicheres Miteinander mit dem Autofahrer:innen – auch das steht auf dem Wunschzettel der Radelnden. Mehr Radwege, eine räumliche Trennung vom motorisiertem Verkehr, das könnte das Sicherheitsgefühl verbessern, das auch so manche:n vom Umsteigen abhält.

Für Karin Müller, verkehrspolitische Sprecherin der Grünen- Landtagsfraktion, zeigen die Ergebnisse, dass die Menschen gerne mehr Fahrrad fahren würden, wenn dafür die Voraussetzungen stimmen. „Deshalb bauen wir in Hessen massiv die Radinfrastruktur aus, damit es noch einfacher und sicherer wird. Dann kann jede und jeder unkompliziert und sicher Fahrrad fahren.“

Ähnliche äußerte sich ihr Parteifreund Tarek Al-Wazir, der als hessischer Verkehrsminister Sinus mit der Befragung beauftragt hatte: Drei von vier Hessinnen und Hessen radelten, das Sicherheitsgefühl wachse, das Rad etabliere sich zum Alltagverkehrsmittel. „Die Ergebnisse zeigen, dass wir mit unserer Nahmobilitätspolitik auf dem richtigen Weg sind.“ Bei Planung und Bau der notwendigen Infrastruktur unterstütze das Land Städte, Gemeinden und Landkreise. Zu den Hilfen zähle auch die regionale Erhebung des Fahrrad-Monitors Hessen.

Koalitionpartnerin CDU sieht Schwarz-Grün ebenfalls auf einem guten Weg: Das Fahrrad gewinne als preiswertes und ökologisches Verkehrsmittel, sagte Markus Meysner, verkehrspolitischer Sprecher. „Um diesen Trend weiter zu steigern und den Radverkehr noch sicherer zu machen investieren wir zusammen mit dem Bund und den Eigenanteilen der Kommunen allein in diesem Jahr weitere 85 Millionen Euro in die Radwegeinfrastruktur.“

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