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Eltern, Lehrer und Schüler klagen: Hessen bietet ein Schreckensbild von Schule

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Von: Peter Hanack

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Beim Thema Bildung und Chancengleichheit gibt es noch Luft nach oben.
Beim Thema Bildung und Chancengleichheit gibt es noch Luft nach oben. © Frank Hammerschmidt

Elternvertreter, Schulsprecherin und die Gewerkschaft GEW halten die Lage an den Schulen in Hessen für untragbar. Es fehlten Lehrkräfte, Unterricht falle aus und den Kinder und Jugendlichen gehe es in großer Zahl nicht gut. So hätten die psychischen Auffälligkeiten zugenommen.

Lehrkräftemangel, eine unzureichende hygienische Ausstattung, Schüler und Schülerinnen, die mit ihren psychosozialen Problemen weitgehend allein gelassen werden, dazu Unterrichtsausfall und „zu wenig Interesse der politisch Verantwortlichen“ am Wohl der Kinder und Jugendlichen: Vertreter:innen von Eltern, der Schülerschaft und den Lehrkräften haben am Mittwoch in Frankfurt ihre Sicht auf die Situation in Hessen Schulen dargelegt.

„Wir haben an den Schulen insgesamt einen unwürdigen Zustand. Die Bildungsqualität nimmt immer mehr ab“, sagte Volkmar Heitmann, Vorsitzender des Landeselternbeirats. Habe der Beirat der hessischen Schulpolitik im vergangenen Jahr noch ein „knapp ausreichend“ attestiert, so sei das aktuell nicht mehr möglich. „Leider gibt es dieses Jahr einen blauen Brief“, so Heitmann.

Wer es sich leisten kann nimmt Nachhilfe

Fest macht er das etwa daran, dass die psychosoziale Unterstützung mangelhaft sei - und das, obwohl durch Corona die Probleme von Schülern und Schülerinnen deutlich zugenommen hätten. Ebenso sei die Unterrichtsabdeckung mangelhaft. Überall fehle qualifiziertes pädagogisches Personal. Wer könne, leiste sich Nachhilfe, was die soziale Spaltung der Gesellschaft befördere. Unzureichend sei auch die Hygiene, etwa weil Luftfilteranlagen fehlten. „Kinder und Jugendliche sind den politisch Verantwortlichen wenig Wert“, lautet sein bitteres Fazit.

Fachkräftemangel hält auch Roman George, Referent für Bildungspolitik bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen, für eines der größten Probleme. Besonders an Grund- und Förderschulen sowie an berufsbildenden Schulen fehle Personal. Hinzu komme der Mangel an ausgebildeten Lehrkräften für die MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschafte, Technik) oder den musischen Bereich mit Musik, Kunst und Darstellendem Spiel. Zunehmend würden Menschen als Lehrkräfte eingesetzt, die über keine ausreichende pädagogische Qualifikation verfügten, so George weiter. In Hessen sei die Situation besonders schlecht, da Lehrkräfte hier bundesweit besonders viele Pflichtstunden geben müssten. Auch sei die Bezahlung der Grundschullehrkräfte schlechter als in den meisten Bundesländern.

Volle Klassen in Hessen

787 000 Schülerinnen und Schüler gehen in Hessen zur Schule. Das sind 25 400 mehr als im vorigen Schuljahr.

59 000 hatten vergangene Woche ihren ersten Schultag, 1700 mehr als 2021.

55 680 Lehrerstellen gibt es. pgh

Landesschulsprecherin Pia Rosenberg sagte, die Belastungen auch für Schüler und Schülerinnen seien extrem hoch. Etwa ein Drittel leide unter psychischen Auffälligkeiten. Jedoch seien in Hessen ein Schulpsychologe oder eine Schulpsychologin für weit mehr als 6000 Kinder und Jugendliche zuständig. Insgesamt, so auch ihr Fazit, könne es in Hessen mit der Bildungspolitik nicht so weitergehen wie bislang. Das belege auch eine repräsentative Umfrage der Landesschüler:innen-Vertretung, deren Ergebnisse am heutigen Donnerstag vorstellt werden sollen.

Qualifierung nötig

Dass überhaupt noch junge Menschen Lehrer:in werden wollten und die meisten aktiven Pädagog:innen in ihrem Beruf blieben, liege daran, dass sie ihre Aufgabe als besonders wichtig und erfüllend erlebten, sagte George. Weil das aber auf Dauer nicht genüge, forderte er eine bessere Bezahlung von Grundschullehrkräften, eine Ausbildungsoffensive an den Hochschulen, bessere Arbeitsbedingungen sowie eine Qualifizierung von Aushilfskräften sowie die Entfristung von deren Arbeitsverträgen.

Auch Elternsprecher Heitmann hat einen Vorschlag: „100 Milliarden Euro wie für die Bundeswehr für die Schulen, das könnte etwas bewegen“, sagt er.

Siehe „Die große Unzufriedenheit: Umfrage der Landesschüler:innenvertretung“

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