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Documenta: Stockende Aufklärung von Antisemitismus-Skandal – Beauftragter schmeißt hin

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Von: Jutta Rippegather

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Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. dpa
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, sollte bei der Aufklärung des Antisemitismus-Skandals auf der Documenta helfen. (Archivbild) © dpa

Die Aufklärung des Antisemitismus-Skandals auf der Documenta steht vor einigen Hürden. Auch die Ministerin kämpft vor Ort gegen Widerstände.

Kassel – Meron Mendel gibt seine Beraterfunktion im Antisemitismus-Skandal der Documenta fifteen auf. Die von den Verantwortlichen versprochene Aufklärung sei bislang ausgeblieben, sagte der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank am Freitag (08. Juli) zur Begründung. Generaldirektorin Sabine Schormann habe weder geeignete Rahmenbedingungen geschaffen, noch das notwendige Tempo eingelegt.

Die Bildungsstätte werde die Diskussion mit Veranstaltungen und pädagogischen Angeboten weiter vorantreiben, kündigte Mendel an. Er sollte mit anderen Antisemitismus-Expert:innen prüfen, ob noch weitere Werke mit antisemitischen Motiven auf der Schau zu sehen sind. Vor mehr als zwei Wochen war eine solche Arbeit mitten in Kassel ausgestellt worden.

Antisemitismus-Skandal auf der Documenta: Rückschlag für die Aufarbeitung

Hessens Kulturministerin Angela Dorn (Grüne) zeigte Verständnis für die Entscheidung: Mendel habe mit viel Energie versucht, sich mit der Documenta-Gesellschaft auf eine Struktur für die Aufarbeitung zu einigen. „Dass das nicht gelungen ist, ist ein Rückschlag für die Aufarbeitung, denn Professor Mendel hat mit seiner großen fachlichen Expertise beim Thema Antisemitismus und seinem klaren Bekenntnis zur Documenta eine wichtige Brückenfunktion.“

Die Gesellschafter hätten sich klar für eine Aufarbeitung ausgesprochen und Sabine habe Schormann den Auftrag angenommen. „Ich halte ein Expertengremium weiter für dringend notwendig“, so Dorn weiter. Im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst des Landtages habe sie dafür am Donnerstag fraktionsübergreifend breite Zustimmung erhalten. Der Rückzug Mendels mache die für nächste Woche terminierte außerordentliche Aufsichtsratssitzung noch dringender.

In der Ausschusssitzung hatte Dorn sich für eine Änderung der Strukturen der Documenta in Kassel ausgesprochen. Sie unterstütze entsprechende Vorschläge ihrer Parteifreundin und Kulturstaatsministerin Claudia Roth. „Die Rolle der Documenta als eine der weltweit bedeutendsten Kunstausstellungen muss sich im Aufsichtsrat widerspiegeln.“ Außer Vertreter:innen aus der Stadt und dem Land sei bundesweite und internationale Expertise notwendig. Kommunikation helfe, das Vertrauen in die Documenta zurückzugewinnen. Seit der Absage der geplanten Diskussionsforen führe sie zahlreiche Gespräche, insbesondere mit der jüdischen Gemeinschaft und jüdischen Intellektuellen.

Documenta: Hindernisse bei der Aufklärung des Antisemitismus-Skandals

Dorn drängt auf eine „gründliche Aufklärung“ im Antisemitismus-Skandal. Die Menschenwürde sei massiv verletzt, eine klare Grenze überschritten worden. Zu klären sei, wie und warum es dazu kommen konnte, dass die Motive ausgestellt wurden. Dazu gelte es, Hindernisse zu beseitigen: „Ich habe gespürt, dass man sich mit dem Bemühen um eine ehrliche Analyse vor Ort nicht nur beliebt macht.“

In der vom Land beantragten außerordentlichen Aufsichtsratssitzung sollen auch die Antworten der Generaldirektorin Schormann auf einen Fragenkatalog Dorns bewertet werden. Die FDP hatte jüngst gefordert, Schormann abzuberufen. Dorn erinnerte in der Ausschusssitzung daran, dass Generaldirektorin und Künstlerische Leitung im Vorfeld der Ausstellungseröffnung wiederholt versichert hatten, dass keine antisemitischen Werke ausgestellt werden. „Darauf musste sich die Landesregierung verlassen.“ Die von ihr und Claudia Roth vorgeschlagene Kommission zur externen Beratung zum Thema Antisemitismus habe der Aufsichtsratsvorsitzende und Kasseler SPD-Oberbürgermeister Christian Geselle als „Eingriff in die künstlerische Freiheit“ abgelehnt.

Die Vorsitzende der hessischen Linksfraktion, Elisabeth Kula, forderte nach der Ausschusssitzung schnellstmöglich und umfänglich Aufklärung statt Schuldzuweisungen zwischen politischen Ebenen. „Nichtsdestotrotz muss die Documenta auch weiterhin ein Platz für künstlerische Freiheit und kritischen Diskurs sein und bleiben.“ (Jutta Rippegather)

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