1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Hessen: Digitale Therapie ist keine Dauerlösung

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Körper und Geist hängen zusammen – davon sind Psychologie und Psychotherapie überzeugt.
Körper und Geist hängen zusammen – davon sind Psychologie und Psychotherapie überzeugt. © epd

Die Präsidentin der Psychotherapeutenkammer erteilt dem Kassenchef eine Absage. Standard müsse die Behandlung in der Praxis bleiben.

Eine Psychotherapie am Computer? Was vor Corona kaum Akzeptanz fand, hat sich im Lockdown als machbare Alternative erwiesen.

Mit Einschränkungen, wie Heike Winter betont, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Sie hält nichts davon, die virtuelle Sprechstunde als generellen Standard zu etablieren. Das fordert hingegen Martin Till, Landeschef der Barmer-Krankenkasse in Hessen. „Auch zukünftig sollten unseren Versicherten eine Psychotherapie uneingeschränkt und von Anfang an im Videosetting durchführen können“, sagt er. „Dafür sollte die Videosprechstunde fest in den Versorgungsalltag integriert werden.“

Videosprechstunden eingeschränkt

Anlass ist das Auslaufen der Corona-Sonderregelung, die virtuelle Sprechstunden ohne Beschränkungen ermöglicht hatte. Seit dem 1. April ist der persönliche Erstkontakt vor dem Beginn einer Psychotherapie wieder obligatorisch. Die Zahl der Videosprechstunden pro Therapeut:in auf 30 Prozent aller Behandlungsfälle eingeschränkt. Präsidentin Winter hält es für sinnvoll, sich erst einmal in der echten Welt kennenzulernen und auch gegen die 30 Prozent hat sie nichts einzuwenden. „Sammeln wir Erfahrung und dann schauen wir einmal.“ Eine Lösung für das Problem der langen Wartezeiten sei das nicht.

Videosprechstunde

Digitale Angebote in der Gesundheitsversorgung wurden seit Pandemiebeginn deutlich häufiger wahrgenommen.

Während im vierten Quartal 2019 lediglich sechs Ärztinnen und Ärzte in Hessen die Videosprechstunde mit der Barmer abrechneten, waren es im ersten Quartal 2020 bereits 955 gewesen. Im ersten Quartal 2021 stieg die Zahl auf 1982.

Spitzenreiter unter allen Fachgruppen in Hessen waren die pyychologischen Psychotherapeut:innen, die 66 Prozent ihrer Sprechstunden zwischen Januar 2020 und Juli 2021 online durchgeführten. Auf Rang zwei landeten mit rund acht Prozent die Kinder- und Jugendpsychotherapeut:innen, gefolgt von den Allgemeinmediziner:innen mit rund fünf Prozent. jur

Krankenkassenchef Till will möglichst schnell zurück zu den Regeln, die bis März galten. Digitale Angebote in der Gesundheitsversorgung würden seit Pandemiebeginn deutlich häufiger wahrgenommen. Sie könnten – so vermutet der Krankenkassenchef – dazu beitragen, die Versorgung in Hessens ländlichen Gebieten zu sichern. Die Entscheidung will er den Therapeut:innen überlassen: „Voraussetzung für die Wahl des richtigen Therapiesettings ist, dass sie im Einzelfall keine Bedenken bezüglich der Behandlungssicherheit und -qualität haben und die Patienten entsprechend aufklären.“

Videosprechstunden eingeschränkt

In der Tat hätten die meisten Kolleg:innen ihre Skepsis gegenüber des Einsatzes neuer Medien verloren. Dank zertifizierter und datenschutzkonformer Videotechnik setzen sie ihre Behandlungen während des Lockdowns fort, sagt Winter. „Es hat sich gezeigt, dass es funktioniert.“ Bedingung ist allerdings: eine stabile Internetverbindung, ein Endgerät mit größerem Bildschirm und eine Möglichkeit, sich räumlich vom Umfeld zu separieren. Manchmal war die notwendige Ruhe einzig im Auto zu finden. „Wir mussten sehr kreativ sein.“

Über die Rückkehr in Präsenz seien beide Seite glücklich. „Man sieht, wie erleichtert alle sind.“ Das Zusammensein in einem Raum führe zu einer Nähe, die selbst das tollste digitale Kommunikationsmittel nicht ersetze könne. „Das weiß jeder, der eine Erfahrung mit einer Fernbeziehung hat.“ Emotionalität gehe verloren. „Es ist schwer, jemand zu trösten.“ Unmöglich werde es bei der Expositionstherapie, bei der etwa Spinnenphobiker mit dem Objekt ihrer Angst konfrontiert werden. Oder in der Traumatherapie, wenn die Patient:innen wegdriften.

„Die meisten sind froh, nicht mehr den ganzen Tag vor der Glotze zu sitzen“, weiß Winter aus den Rückmeldungen ihrer Kolleg:innen. Doch es gebe Ausnahmen, wo die Videosprechstunden eine echte Erleichterung darstelle. Etwa bei sehr langen Anfahrtswegen oder einem eng getakteten Alltag mit vielen beruflichen und familiären Verpflichtungen. „Das ist eine Option, die sollte man unbedingt beibehalten,“ sagt die Kammerpräsidentin. „Der Standard muss aber die Behandlung in der Praxis bleiben.“ Derzeit noch mit FFP2-Maske und möglichst geimpft.

Auch interessant

Kommentare