Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ausgestrahlt: die Reaktorkuppel von Block A des Atomkraftwerkes Biblis. Die Brennstäbe sind bereits entfernt.
+
Ausgestrahlt: die Reaktorkuppel von Block A des Atomkraftwerkes Biblis. Die Brennstäbe sind bereits entfernt.

Hessen

Hessen: Die Rückbaufabrik Biblis - eine Zeitreise

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
    schließen

Deutschland hat sich für den Atomausstieg entschieden. Ein Besuch im ehemaligen hessischen Atomkraftwerk Biblis fühlt sich an wie eine Zeitreise. Vieles sieht aus wie früher. Dabei hat sich fast alles geändert.

Die markanten Reaktorgebäude mit den riesigen Betonkuppeln und die enormen Kühltürme stehen noch. Sie werden auch dort bleiben, mindestens für die nächsten zehn Jahre, auf dem Gelände am Rhein wie an anderen deutschen AKW-Standorten.

Von außen könnte man glauben, dass sich im Atomkraftwerk Biblis nichts geändert hat. Doch das wäre weit gefehlt. Aus dem Stromproduzenten ist ein Rückbau-Unternehmen geworden. Das ist technisch kaum weniger anspruchsvoll.

Neue Herausforderung für den Ingenieur

Olaf Pretzsch kennt beide Seiten. Als der Ingenieur vor 16 Jahren im Kraftwerk zu arbeiten begann, ging es um den sicheren Betrieb dieser hochumstrittenen, aber im südhessischen Biblis fest verwurzelten atomtechnischen Anlage. Pretzsch wachte zeitweise als Schichtleiter über die Abläufe in dem 1974 in Betrieb genommenen Block A oder im Block B, der 1976 ans Netz gegangen war. Da war Pretzsch, heute 44 Jahre alt, noch nicht auf der Welt.

Jetzt hat Pretzsch eine ganz andere, aber gleichfalls verantwortungsvolle Aufgabe zu bewältigen. Er ist als Strahlenschutzbeauftragter für die Freigabe von freigemessenen Abfällen vom Kraftwerksgelände zuständig. Und für deren sachgerechte Entsorgung.

Behälter voller Kabel und Rohre

In einer großen Halle, in der früher alle Arten von Ersatzteilen für den Kraftwerksbetrieb lagerten, stehen jetzt jede Menge silberne Container, die hier TBV genannt werden. TB steht für Transportbehälter, das V für Vollwandstapelbehälter. Die TBV sind gefüllt mit Abfällen, mit Metall, Kunststoff, Kabeln, Rohren.

Hier müssen alle durch, die ins Innerste wollen: Sicherheitsschleuse in Biblis, Block A.

Um sicherzugehen, dass sie wirklich keinen Grenzwert für Radioaktivität überschreiten, werden die gefüllten Behälter per Gabelstapler auf das Förderband der Freimessanlage gehoben. Sie sieht so aus wie ein Förderband am Flughafen, mit dem Handgepäck durchleuchtet wird. Nur dass hier genauestens gemessen wird, wie viel Strahlung von den Objekten ausgehen.

Unter dem Grenzwert

Olaf Pretzsch schaut zu, wie ein TBV hineingeschoben wird, der mit Aluminiumleisten vollgepackt ist. Eine Metalltür schließt sich dahinter, die Messung beginnt und nach kaum mehr als einer Minute spuckt das Gerät die Messdaten aus: 0,04 Becquerel pro Gramm. Deutlich unter dem zulässigen Grenzwert von 0,1 Becquerel.

Das Aluminium ist damit freigemessen und könnte wiederverwertet oder auf eine Deponie gebracht werden. Theoretisch. Praktisch geht das nicht. Denn bisher haben die Verantwortlichen vom Landkreis Bergstraße keine Deponie gefunden, die bereit wäre, die Stoffe abzunehmen. In ganz Deutschland nicht. Der Kreis selbst verfügt über keine geeignete Deponie.

Bis 2032 wird zurückgebaut

So stapeln sich die freigemessenen Abfälle in orangefarbenen Containern von der Größe von Lkw- oder Schiffscontainern, die vor der Halle gestapelt werden. Derzeit warteten 250 Tonnen Material auf den Abtransport, berichtet Olaf Pretzsch. „Und es wird von Tag zu Tag mehr.“ Bis zum Ende der Rückbau-Arbeiten in Biblis, das für das Jahr 2032 angepeilt wird, dürften es 3000 Tonnen werden.

Worin liegt das Entsorgungsproblem? Warum will niemand den Abfall aus Biblis haben? Es sei „eine Frage, wie viel Deponieraum zur Verfügung steht“, sinnierte die hessische Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) jüngst im FR-Interview. Verantwortlich seien aber „möglicherweise auch Besorgnisse“, räumte sie ein.

Von außen wirkt es wie früher: Biblis, Block A.

Abfall aus dem Kraftwerk in Biblis wird leichthin als Atommüll wahrgenommen. Selbst jener Abfall, der kein Atommüll ist. Und das ist der mit Abstand größte Teil.

Es geht dabei nicht um die Brennelemente, die über Jahrzehnte in dicht verschlossenen Castorbehältern auf dem Kraftwerksgelände in Biblis zwischengelagert werden, ehe ein bundesweites Endlager geschaffen wird. Es handelt sich auch nicht um die mittelschwer radioaktiv belasteten Abfälle aus Biblis, die im Schacht Konrad in Niedersachsen untergebracht werden.

Bauteile wurden freigemessen

Die aktuellen Entsorgungsprobleme betreffen vielmehr Bauteile, die auf dem Kraftwerksgelände angefallen sind und die von Pretzsch und seinen Kolleg:innen freigemessen wurden. Sie entsprechen also den wissenschaftlichen und gesetzlichen Vorgaben für unbelastete Abfälle. Selbst das Öko-Institut in Freiburg geht davon aus, dass Deponien mit solchen Abfällen später unbedenklich zur Wohn- oder Freizeitnutzung überbaut werden können.

Ende der AKWs

Im Jahr 2011 beschließt die Bundesregierung nach dem Super-Gau im japanischen Atomkraftwerk Fukushima den Atomausstieg. Die hessischen Meiler Biblis A, der seit 1974 läuft , und Biblis B, der 1976 ans Netz ging, werden dauerhaft abgeschaltet. Das Betreiberunternehmen RWE kündigt an, das Atomkraftwerk in Biblis abzureißen.

Die Entsorgung der Kernbrennstoffe beginnt im November 2015. Zwei Jahre später startet der Rückbau. Im Jahr 2019 ist das Kraftwerk in Biblis frei von Kernbrennstoffen – als zweites deutsches AKW nach Unterweser.

Im Zwischenlager auf dem Gelände des ehemaligen AKW steht allerdings noch hoch radioaktives Material. In einer Halle, die der Bundes-Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) gehört, befinden sich 108 gefüllte Castor-Behälter. Je 51 davon sind vor und nach Abschaltung des AKW eingelagert worden. Die übrigen sechs Castoren kamen im Jahr 2020 aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield.

Sieben deutsche AKWs wurden 2011 gemeinsam mit Biblis vom Netz genommen. Es folgten die Stilllegungen von Gundremmingen B (2017), Philippsburg 2 (2019) sowie Brokdorf, Grohnde und Gundremmingen C (2021). Ende 2022 läuft die Atomkraft in Deutschland aus mit der Abschaltung der AKWs Isar, Neckarwestheim und Emsland. pit

Allerdings sind sie nicht frei von jeglicher Radioaktivität und das macht die Diskussion so schwierig. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass sie stets einer leichten radioaktiven Umgebungsstrahlung ausgesetzt sind, die für sie aber unbedenklich ist. Deswegen wirbt der Kraftwerksbetreiber RWE für Verständnis, in Person der Öffentlichkeitsarbeiter Alexander Scholl vom Kraftwerk Biblis, das heute „Rückbauanlage Biblis“ heißt, und Jan-Peter Cirkel von der RWE-Zentrale in Essen, die die Journalisten der Frankfurter Rundschau durch das Kraftwerksgelände führen.

Grenzwert beträgt zehn Mikrosievert

Die durchschnittliche Jahresbelastung eines Menschen in Deutschland liege bei mehr als 2000 Mikrosievert, erläutern sie. Wer viel fliege oder im Schwarzwald wandere, habe eine noch deutlich höhere Belastung. Als freigemessen gelten Materialien mit einer Belastung unterhalb von zehn Mikrosievert – und selbst diese sei bezogen auf den rein theoretischen Fall, dass eine Person sich das ganze Jahr über neben der Strahlenquelle aufhalte. Auch die Grünen-Politikerin Hinz, eine Atomkraftgegnerin der ersten Stunde, betont: „Die Wissenschaft ist einhellig der Meinung, dass diese zehn Mikrosievert eine Belastung sind, die man im Sinne der Gesundheitsgefährdung vernachlässigen kann.“

Im Reaktorkern unter der Kuppel von Block A: Ein Techniker schaut auf sein Messgerät. Dort, wo früher Strom produziert wurde, geht der Rückbau voran.

Nicht alle vertrauen darauf. Etwa der SPD-Landtagsabgeordnete Gerald Kummer. Fachleute forderten „eine deutliche Absenkung dieses Werts“, sagt der Sozialdemokrat. Studien wiesen auf höhere Gesundheitsrisiken hin, als man früher angenommen habe. Kummer hat daher Verständnis für Kreise, die den Müll nicht haben wollen, den er als „strahlende Abfälle“ bezeichnet.

Langjähriges Misstrauen

Auch die Bürgerinitiative Atomerbe Biblis bezweifelt, dass die freigemessenen Abfälle unbedenklich sind. Ihr Vorstandsmitglied Tanja Krämer-Ahlers nennt die Öffentlichkeitsarbeit von RWE „eine Farce“. Da schwingt langjähriges Misstrauen mit, das die Energiekonzerne durch früheres Abwiegeln mitverursacht haben.

Doch die Atomkraftgegnerinnen und -gegner haben gewonnen, zumindest in Deutschland. Hier werden die letzten AKW bis Ende dieses Jahres abgeschaltet: Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2. Die Energiewirtschaft hat sich vom Modell Atomkraft verabschiedet. Nun lautet ihr Geschäftsmodell Rückbau. In diesem Jahr, spätestens im ersten Halbjahr 2023, soll eine „Rückbaufabrik“ auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks fertig installiert sein. Mit einer gemeinsamen Warte, von der alle Bauarbeiten auf dem Gelände überwacht werden können.

Mit Klebeband überklebt

Heute sehen die beiden Überwachungswarten in den Blöcken A und B noch fast wie früher aus. Eine Vielzahl von Anzeigebildschirmen ringsum wirken wie aus der Bodenstation für einen Weltraumflug. Doch wer genau hinsieht, bemerkt: Die meisten Bildschirme sind mit gelbem Klebeband überklebt. Ihre Daten werden nicht mehr benötigt.

Das Kraftwerk stammt aus den 70er Jahren - an vielen Stellen fühlt man sich wie bei einer Zeitreise.

Einst waren bis zu 1000 Beschäftigte im AKW Biblis tätig, am Schluss waren es etwa 700 dauerhaft Beschäftigte. Der Abbau sei sozialverträglich gelungen, berichten Scholl und Cirkel, mit Altersteilzeit oder Vorruhestandsregelungen. Heute werden bei weitem nicht mehr so viele Menschen benötigt, aber der Rückbau bleibt eine große Herausforderung für Olaf Pretzsch und seine Kolleginnen und Kollegen. Derzeit seien rund 280 Mitarbeiter:innen von RWE in der Anlage tätig, plus jene, die von Partnerfirmen gestellt würden. Deren Zahl schwanke, je nach Aufgaben, zwischen 100 und 200.

Ein neues Gaskraftwerk wird gebaut

Auch Strom wird irgendwann wieder in Biblis produziert, voraussichtlich ab Oktober. Vor dem Haupteingang zum ehemaligen Atomkraftwerk wächst ein Gaskraftwerk in die Höhe. Einige der bald elf Schornsteine, die jeweils 30 Meter hoch werden, sind schon zu sehen. Wenn die Anlage mit ihren elf Turbinen à 30 Megawatt Leistung fertiggestellt ist, soll sie als Reserve dienen – für Fälle, in denen Strom im Netz fehlt.

Auf dem Kraftwerksgelände erinnern die Tätigkeiten eher an eine Gebäudebaustelle. „Das ist Hausbau rückwärts“, formuliert Cirkel. „Sehr viel Handarbeit“ sei das, fügt sein Kollege Scholl hinzu. Rohre werden zerkleinert, Kabel und vieles andere. Mit Spezialsägen wird alles auf das Format einer TBV-Kiste gebracht, 1,20 Meter mal 80 Zentimeter. Im Tiefgeschoss des ehemaligen Reaktorgebäudes entsteht nach und nach die „Rückbaufabrik“ mit den Geräten für diese Arbeiten.

Der Aufzug stammt von 1971

Alles anders als früher also? Keineswegs. Im Reaktorinneren fühlt es sich an wie ehedem, obwohl die Brennstäbe nicht mehr da sind, obwohl Wasserreservoirs zur Notflutung abgebaut wurden, obwohl die vier riesigen Dampferzeuger nach und nach verschwinden. Doch vieles lässt den Besuch wie eine Zeitreise erscheinen – beige Kunststofftelefone mit Tasten, grüne und rote Bodenmarkierungen aus der gleichen Zeit oder ein Aufzug aus dem Jahr 1971.

Strahlenschützer Olaf Pretzsch.

Zumal der Zugang zum Abklingbecken, in dem heute nichts mehr abklingt, nach wie vor über die Schleuse erfolgt. Das heißt: Die Beschäftigten kleiden sich komplett um, von der orangefarbenen Werksunterwäsche bis zum orangefarbenen Overall, und stecken das Dosimeter ein. Dann geht es hoch auf 21 Meter, wo das Becken noch so blau daliegt wie einst. Nur die Halterungen für die Brennelemente sind leer. Die hoch radioaktiven Teile wurden unter Wasser in Castorbehälter geladen, von einem riesenhaften roten Kran in die Materialschleuse gehievt und von dort nach unten gefahren, ins Zwischenlager.

Überprüfung per Wischtest

Auf der Materialschleuse prangt das Schild „WT-Messpunkt wöchentlich“. WT, das steht für den „Wischtest“, die Überprüfung einer äußeren Kontamination, die auch Jahre nach dem Herunterfahren des Kraftwerks weiterhin zu den Routinen zählt.

Nach dem Aufenthalt in diesem innersten Bereich des früheren AKW stellt sich jede und jeder ins Messgerät, egal ob Beschäftigte oder Gäste, bis nach zehn Sekunden die Botschaft erleuchtet: „Nicht kontaminiert“. Erst dann geht es nach draußen, zurück in die Umkleide, die ebenfalls nach den 1970ern aussieht.

Doch der Eindruck täuscht. Wir schreiben das Jahr 2022 – und in Biblis hat eine neue Zeit begonnen. Auch wenn in anderen Ländern und in der EU die Atomkraft weiter hofiert wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare