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Hessen: Das Comeback des Feldhamsters

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Von: Jutta Rippegather

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Der gepflügte Acker bietet keinen Schutz. Wohl aber die Blühfläche nebenan.
Der gepflügte Acker bietet keinen Schutz. Wohl aber die Blühfläche nebenan. Peter Jülich © Peter Jülich

Hessen fördert die Zusammenarbeit von Naturschutz und Landwirtschaft. Mit Erfolg, wie der Nachhaltigkeitsbericht zeigt. Mehr als 1200 Hamsterbaue gibt es zwischen Viernheim und Gießen.

Der Feldhamster ist schon im Winterschlaf. Er würde sich sowieso nicht zeigen angesichts des Trubels, der am Montag am Acker von Uwe Schreiber in Hochheim herrscht. Selbst der Landwirt ist auf der von ihm angelegten Blühfläche noch keinem Exemplar begegnet. Hingegen hat er schon Rebhühner entdeckt, Fasane oder Feldhasen, die hier Schutz suchen. Die Grauammer ist wieder da, der Wiedehopf. Das unaufgeräumt wirkende Feld hinter ihm zieht auch Insekten an, und Schmetterlinge im Sommer. „Schon nach drei Jahren ist eine extrem hohe Artenvielfalt entstanden“, sagt Schreiber, der mit seiner Familie am Projekt „100 nachhaltige Bauernhöfe“ teilnimmt.

Der Mensch profitiert

Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) hat den Biobetrieb im Main-Taunus-Kreis ausgewählt, um am Montag den Biodiversitätsbericht 2021 vorzustellen. Schwerpunkt ist diesmal Naturschutz und Landwirtschaft. Die Zusammenarbeit, so die Botschaft, klappe immer besser. Man rede miteinander „auf Augenhöhe“, sagt die Ministerin, am runden Tisch des Landes und in den Landschaftspflegeverbänden der Landkreise. Die Interessen sind oft die gleichen. Der Schutz von Pflanzen und Tieren stärke die Bodenfruchtbarkeit. „Das ist für die Landwirte existenziell“, sagt Hinz. Ihr Ministerium fördert mit diversen Programmen das Engagement für Feldhamster und Co. Im Doppelhaushalt 2023/24 will die schwarz-grüne Koalition noch eine Schippe drauflegen: 23 Millionen Euro zusätzlich sieht der Entwurf vor. Investitionen, von denen vor allem der Mensch profitiert, wie Umweltministerin Hinz betont. „Wir schützen die Artenvielfalt und damit unser Leben und unsere Zukunft.“ Die Biodiversitätsstrategie umzusetzen, sei allerdings nur gemeinsam mit der Landwirtschaft möglich.

Bestes Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit seien die vor vier Jahren ins Leben gerufenen Feldflurprojekte, die sich dem Schutz bedrohter Arten in der Landwirtschaft widmen – etwa dem Feldhamster, der seinen Lebensraum auf landwirtschaftlich genutzten Flächen hat. „Erstmals seit Beginn der Erfolgskontrolle für den Feldhamster in Hessen haben wir 2022 mehr als 1200 Feldhamsterbaue nachgewiesen“, sagt Tobias Erik Reiners, Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz. „2018 waren es noch 311 Baue.“ Demnach schlummern derzeit 1200 Exemplare unter der Erde zwischen Gießen und Viernheim. Denn Hamster sind Einzelgänger – außer während der zwei Tage, an denen sie sich fortpflanzen.

Biodiversitätsbericht 2021

26,2 Millionen Euro Naturschutzmittel standen im Haushalt 2021 des Umweltministeriums zur Verfügung.

7621 Projekte in hessischen Natura 2000- und Naturschutzgebieten wurden umgesetzt, 16,2 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche ökologisch bewirtschaftet, artenreiche Agrarökosysteme auf 16 500 Hektar gefördert.

Zehn Prozent des Staatswaldes ist dauerhaft ungenutzt. jur

https://umwelt.hessen.de

Reiners freut sich aber nicht nur über das Comeback des Nagetiers, das sich von angebauten Kulturen wie Weizen oder Ackerbohnen ernährt, von Klee, Luzernen, Kartoffeln, das aber auch Ackerwildkräuter sowie Insekten benötigt, um gesund und fit zu bleiben. „Hier in Hochheim haben wir wieder 25 Reviere der Grauammer. In der Wetterau sind es mehr als 110 Reviere.“

Bebauung rückt näher

Wenn die Hochheimer Hamster Ende April aus ihren Bauten klettern, sollen sie einen reich gedeckten Tisch finden. Mit Leguminosen, Ringelblume, Anis, Fenchel, Dill, Pimpernelle, wilder Möhre, Schwarzkümmel, Koriander: Aus 50 Sorten besteht das Saatgut, das Schreiber demnächst aufbringen will. Er hofft, dass sich das Engagement für den Artenschutz nachhaltig lohnt. Die Bebauung in Hochheim rückt immer näher. „Ich weiß nicht, ob in zehn Jahren hier noch Äcker sind.“

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