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Personalnot in Hessen: Bis 2028 gehen 630 000 Menschen in Rente und viel zu wenige kommen nach

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Von: Peter Hanack

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Die Gastronomie sucht händeringend Personal. Auf Dauer aber sind es andere Branchen, denen die Fachkräfte ausgehen, zum Beispiel die Lastwagenfahrer.
Die Gastronomie sucht händeringend Personal. Auf Dauer aber sind es andere Branchen, denen die Fachkräfte ausgehen, zum Beispiel die Lastwagenfahrer. © dpa

Weil es zu wenig Nachwuchs gibt, fehlen in Hessen bis zu 180 000 Arbeitskräfte. Das Land startet nun eine Fachkräfte-Initiative. Aber die Lücken werden wohl weiter wachsen.

Hessen steuert auf einen massiven Mangel an Arbeitskräften zu. Bis zum Jahr 2028 werden voraussichtlich fast 180 000 Beschäftigte fehlen – dabei sind die Beamten und Selbstständigen noch nicht mitgezählt. Besonders groß ist der Mangel an akademisch Gebildeten, aber auch dem Handwerk fehlt der Nachwuchs, betroffen sind vor allem die ländlichen Regionen, doch auch in den Städten mangelt es allenthalben an Personal. Das Land versucht, mit einer Fachkräfteinitiative gegenzusteuern, die am Donnerstag gestartet worden ist.

Schon heute klagen zahlreiche Unternehmen, Verwaltungen und Handwerksbetriebe darüber, dass sie Ausbildungsplätze und frei werdende Stellen kaum oder gar nicht besetzen könnten. Stimmen die Zahlen des Instituts für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) zur Entwicklung des hessischen Arbeitsmarkts, ist das erst der Anfang. Denn es kommt noch viel schlimmer.

In dem betrachteten Zeitraum bis 2028 – das entspricht in etwa dem üblichen Zeithorizont der Personalplanung von Arbeitgebern – scheiden hessenweit knapp 630 000 Menschen altersbedingt aus dem Berufsleben aus. Das ist die Generation der Babyboomer, also die Jahrgänge mit den höchsten Geburtenraten in den 1960er Jahren.

Zu wenig Akademiker

Aufgrund teils wachsenden Bedarfs in einigen Branchen werden bis 2028 laut IWAK sogar nahezu 720 000 Fachkräfte gebraucht, um die Lücken zu schließen. Allein im Jahr 2032 werden voraussichtlich fast 80 000 Arbeitnehmer:innen in den Ruhestand treten. Tatsächlich aber sind insgesamt nur knapp 540 000 nachrückende Fachkräfte zu erwarten – fast 180 000 zu wenig.

„Man kann erschrecken, wie fürchterlich die Prognosen sind“, sagte dazu Christa Larsen vom IWAK. Doch es sei auch gut zu wissen, „was da auf uns zukommt“. Nur dann könne man auch kreativ und innovativ versuchen, die Probleme anzugehen statt zu verzagen.

Prognosen

IWAK , das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur der Goethe-Universität, hat im Auftrag des Hessischen Ministeriums für Soziales und Integration regionale Berufsprognosen bis zum Jahr 2028 erstellt.

Weitere Informationen zur hessischen Fachkräfteinitiative gibt es beim Ministerium unter soziales.hessen.de und unter iwak-frankfurt.de pgh

Die bereits vorhandenen Engpässe seien nur „Vorboten einer sich zuspitzenden Entwicklung“, sagte auch Sozialminister Kai Klose (Grüne) anlässlich des Starts der hessischen Fachkräfteinitiative. Sein Ministerium hat in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität Frankfurt und dem dort ansässigen IWAK die regionale Berufsprognosen erstellt. Auch die Stabsstelle zur Fachkräftesicherung, die die Aktivitäten in Hessen bündeln soll, ist in seinem Ministerium angesiedelt. Im Vordergrund der Eröffnungsveranstaltung, die online mit fast 300 Teilnehmenden stattfand, standen erst einmal die Zahlen, die die Zukunftsaussichten beschreiben.

Demnach fehlen vor allem in der Kranken- und Altenpflege, aber auch in der Kinderbetreuung, Arbeitskräfte. Zwischen 13 und 15 Prozent werden es 2028 nach den Prognosen sein. Zum Mangel an Nachwuchs kommt in den Sozialberufen laut Larsen ein steigender Bedarf hinzu, der die Lücke besonders groß werden lässt. Markant auch die Lage im Verkehrssektor. Dort geht bis 2028 mehr als ein Drittel der Belegschaft in Rente. Jeder zehnte heutige Arbeitsplatz lässt sich nach den IWAK-Prognosen dann wohl nicht mehr besetzen.

Nicht ganz so dramatisch, mit sechs bis acht Prozent aber auch erheblich, ist der Mangel in der Informationstechnik, beim Bau und in der Energiebranche. „Und das ist eine eher konservative Schätzung“, so Larsen. Sie geht tatsächlich sogar von zweistelligen Werten aus. Dies sei besonders besorgniserregend, denn in diesen Bereichen gehe es um Transformationsprozesse hin zur Digitalisierung und der Anpassung an den Klimawandel und Energiekrise. In der Industrie dagegen sei die Lage aufgrund eines schrumpfenden Arbeitskräftebedarfs eher entspannt, bei Handel, Banken und Versicherungen gebe es wegen der zunehmenden Digitalisierung sogar einen Arbeitskräfteüberschuss.

Länger arbeiten

Je stärker man an die Ränder Hessens geht, desto größer werden laut IWAK die Probleme. Vor allem dem Odenwald, Vogelsberg und Schwalm-Eder_Kreis gehen die Arbeitskräfte aus. Dort liegt der zu erwartende Nachwuchs 15 bis 17 Prozent unter dem tatsächlichen Bedarf – mindestens. „Wir gehen davon aus, dass 2028 jeder fünfte Arbeitsplatz, den es 2021 gab, nicht nachbesetzt werden kann“, sagt Larsen.

Lösungsansätze könnten sein, Ältere länger im Beruf zu lassen, die Digitalisierung voranzutreiben und mehr ausbildungsorientierte Studiengänge zu schaffen. Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) hatte sich dafür ausgesprochen, ausländische Berufsabschlüsse schneller anzuerkennen.

Siehe auch: „Zukunftswerkstätten sollen Strategien entwickeln“

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