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Hessen: Bessere Hilfe bei Post Covid

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Von: Jutta Rippegather

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Eine Intensiv-Pflegerin versorgt einen schwer an Covid-19 erkrankten Patienten auf der Intensivstation. Eine Studie aus den USA hat die Co-Infektion mit Grippe und Corona untersucht.
Eine Intensiv-Pflegerin versorgt einen schwer an Covid-19 erkrankten Patienten auf der Intensivstation. © Boris Roessler/dpa

Erstkontaktstelle an Uniklinik Frankfurt eröffnet. Und in den Krankenhäusern herrscht akute Personalnot.

Die Frankfurter Universitätsklinik hat eine zentrale Anlaufstelle für den Erstkontakt bei Post Covid geschaffen. Dort gibt es ein ausführliches Erstgespräch und eine komplexe Diagnostik, um festzustellen, in welcher Spezialambulanz Betroffenen am besten geholfen werden kann. Bei Atemnot oder Husten ist es naheliegend: Die Pneumologie ist die richtige Adresse. Doch Post Covid kann jedes Organ in Mitleidenschaft ziehen, kognitive oder psychiatrische Schäden verursachen, Muskel- und Gelenkschmerzen. „Die Liste ist sehr lang“, sagt Maria Vehreschild. Die größten Probleme bereiteten die „relativ diffusen Diagnosen“, ergänzt Lungenexperte Gernot Rohde, der gemeinsam mit der Infektiologin die Post-Covid-Ambulanz in Frankfurt leitet. Gegen das Fatigue-Syndrom etwa gebe es keine gängigen Medikamente auf dem Markt. Die Klinik versuche, Betroffene in Therapiestudien zu vermitteln, in denen sie behandelt werden.

Nach drei Monaten Diagnose empfohlen

Von Post Covid sprechen Expert:innen, wenn Symptome drei Monate nach der Ansteckung noch nicht verschwunden sind. „Dann ist eine weitere Diagnose nötig“, sagt Rohde. Rund zehn Prozent der bislang zwei Millionen Covid-Erkrankten in Hessen seien davon betroffen, sagt Vehreschild, etwa 40 Prozent davon so stark, dass sie in ihren Alltag eingeschränkt sind. Der Bedarf nach medizinischer Hilfe ist zu groß, die drei hessischen Ambulanzen an den Unikliniken Frankfurt, Gießen und Marburg können ihnen nicht stillen. „Seit Herbst 2020 verzeichnen wir einen deutlichen Ansturm“, sagt Rohde bei dem Pressegespräch in Wiesbaden, zu dem Gesundheitsdezernent Kai Klose (Grüne) eingeladen hat. Es gebe eine Warteliste, der früheste freie Termin sei Ende Dezember. Die niedergelassene Ärzteschaft sei eine große Hilfe bei der Diagnostik und um die Patient:innen zu lenken.

Corona

Die Inzidenz in Hessen hat am Donnerstag die 1000er-Marke geknackt. Laut Robert Koch-Institut lag die Zahl der Neuinfektionen je 100 000 Einwohner:innen innerhalb von sieben Tagen bei 1073. Eine Woche zuvor waren es 992. Hinzu kommt eine hohe Dunkelziffer.

59 Todesfälle gab es im Zusammenhang mit Covid innerhalb einer Woche. Die Hospitalisierungsinzidenz sank laut Sozialministerium von 7,13 auf 6,74. Auf den Intensivstationen lagen 122 Covid-Fälle, auf den Normalstationen 1422. Vollständig geimpft sind 75,2 Prozent der Bevölkerung. dpa/jur

Die meisten hätten leichtere Symptome. Doch er sehe auch komplett entzündete Lungen oder Atemwegserkrankungen, an denen eine normale Lungenfunktionsprüfung scheitere. Es gebe die große Gruppe mit „Belastungsintoleranz“ - auch junge kerngesunde Leute, die keine zwei Etagen Treppensteigen mehr schaffen.

Sommerwelle

Die Frankfurter Ambulanz war ein Provisorium. Die Erstkontaktstelle ist eine organisatorische Verbesserung, doch keine personelle. Alle Fachkräfte werden benötigt, um den aktuellen Betrieb aufrecht zu erhalten. Kliniken verschieben seit einigen Wochen wieder planbare Eingriffe, sagt Jürgen Graf, Ärztlicher Direktor der Frankfurter Uniklinik. In diesem Sommer gönnt das Virus den Beschäftigten keine Atempause. „Wir waren schon ein bisschen überrascht von der Geschwindigkeit.“ Die Situation sei „sehr schwierig“ – auch wegen des sehr hohen Krankenstands. Auf freiwilliger Basis dürften symptomfreie infizierte Beschäftigte nach fünf Tagen Isolation wieder arbeiten – mit Mund-Nasen-Schutz und wenn sie sich in den Pausen separieren. Die Erfahrung habe gezeigt, dass keine Gefahr für Patient:innen besteht. „Wir kommen langsam an die Grenze einer akut schwierigen Situation“, sagt Graf. Gleichwohl werde kein Urlaub gestrichen. Nach zweieinhalb Jahren Pandemie sei die Stimmung in der Belegschaft schlecht. „Wir brauchen gesunde und motivierte Kräfte.“Angesichts dieser Entwicklung rät der Klinikdirektor zu mehr Vorsicht: Um die Übertragung neuer Varianten zu verhindern sollten Urlaubsrückkehrer in Innenräumen Maske tragen. Die „politische Grundhaltung“ das Stück Stoff als Freiheitsbeschränkung abzulehnen sei nicht sinnvoll. Im Herbst/Winter müsse es wieder striktere Regeln geben - noch verschärft zum Schutz vulnerabler Gruppen. Von der Bundespolitik erwartet er, dass sie zügig entscheidet, wie es nach Ablauf des Infektionsschutzgesetzes Ende September weitergehe. „Wir müssen uns vorbereiten können.“.

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