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Hessen: Ambulante Versorgung in Gefahr

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Von: Jutta Rippegather

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Ärztestreik war am Mittwoch in Hessen.
Ärztestreik war am Mittwoch in Hessen. Peter Jülich © Peter Jülich

Die Ärzteschaft vermisst Wertschätzung. Bei einem Protesttag bleiben viele Praxen geschlossen.

Es ist Mittwoch und die Rollläden der Praxis von Jürgen Burdenski bleiben den ganzen Tag unten. „Wer heute anruft, erreicht nur ein Band, das für dringende Fälle auf meine Vertretung hinweist“, sagt der Hausarzt aus Frankfurt-Preungesheim. Das gleiche Bild in Bad Homburg. Auch Kollegin Petra Hummel beteiligt sich an dem Protesttag der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Hessen.

Verständnis bei den Patient:innen

Im Vorfeld habe sie mit vielen Patient:innen gesprochen, sagt Hummel. Fast alle hätten Verständnis für die Aktion gezeigt. „Nur eine hat geschimpft, weil sie sich nicht hat impfen lassen können.“ Außer Hausärzt:innen haben am Mittwoch auch Fachärzt:innen ihre Arbeit niedergelegt. Wie viele es sind? Burdenski kann keine Zahl nennen.

Niedergelassene Ärzte wie er sind Selbstständige. Auch wegen der Herbstferien oder Krankheit seien derzeit Praxen geschlossen. Es fehlt die Übersicht darüber, wie viele dem Aufruf der Berufsverbände gefolgt sind.

Der Protest richtet sich gegen die Gesundheitspolitik in Berlin. Generell. Nicht gegen eine bestimmte Partei, wie der 56 Jahre alte Burdenski versichert. „Seit vielen Jahren wird das System vor die Wand gefahren.“ Hummels Hauptkritik gilt nicht den Honoraren, die die gestiegenen Kosten bei weitem nicht abdecken. „Der finanzielle Aspekt ist nicht das Wichtigste.“ Die 53-Jährige hat die Nase voll von der wachsenden Bürokratie, von Krankenkassen und Politikern, die dem Praxenpersonal immer mehr Arbeit abverlangten. „Es fehlt die Wertschätzung in Politik, Medien, der Bevölkerung.“

Die Krankenhäuser stünden viel stärker im Fokus. Dabei seien es die niedergelassenen Haus- und Fachärzt:innen gewesen, die in der Pandemie einen „Schutzwall“ vor den Kliniken gebildet hätten. Und dies noch tun: „Die ganze Zeit haben wir ihn hochgehalten.“ Dieser Einsatz werde nicht gewürdigt. „Mehr als 95 Prozent der Covid-Patienten werden von uns versorgt“, ergänzt Burdenski, der sich - wie Hummel - im Hausärzteverband Hessen engagiert und Bezirksvorsitzender für seine Region ist.

Zweiter Protesttag folgt

Entzündet hat sich der Protest an Plänen, die finanziellen Anreize zur Aufnahme neuer Patient:innen zu streichen und den Inflationsausgleich in den kommenden Jahren auszusetzen. Ein Affront, der das Fass zum Überlaufen brachte. Deutschlandweit. In anderen Bundesländern gab es ebenfalls Aktionen oder es wird sie noch geben - auch in Hessen soll Ende November ein zweiter Protesttag folgen. Wieder mit Praxisschließungen - ein drastisches Mittel, das die Ärzteschaft sehr selten anwendet.

Es ginge ihnen um mehr als eine Verbesserung in ihrem Arbeitsalltag, der geprägt sei von 60-Stunden-Wochen, sagt Hausärztin Hummel. Der Gesetzgeber verschwende viel Geld in Projekte, von denen weder die niedergelassenen Ärzte profitierten noch die Patient:innen. Beispiel Impfzentren: „Die haben nicht viel Arbeit und kosten wahnsinnig viel.“ Oder IT-Geräte in den Praxen, die nach fünf Jahren ausgetauscht werden müssten. Unnötig und Unsinn, urteilte dieser Tage der Chaos-Computer-Club.

Entwicklungen, die ihren Beruf unattraktiv machen, befürchten Hummel und ihr Frankfurter Kollege. Sie sehen die Gefahr, dass das Netz der ambulanten Versorgung sich immer weiter ausdünnt. Ein Phänomen, das längst nicht nur ländliche Regionen ergriffen habe, sagt Burdenski. In seinem Bezirk im Frankfurter Norden hätten drei Kolleg:innen keine Nachfolger gefunden. Die Kapazitäten der verbliebenen Praxen seien erschöpft, eine einzige sei noch in der Lage, neue Patient:innen aufzunehmen. Und das sei nur der Vorgeschmack: „In den nächsten zehn Jahren erreichen 50 Prozent der Hausärzte die Altersgrenze und gehen in den Ruhestand.“

Die jungen Kolleg:innen seien nicht bereit, das „System der Selbstausbeutung“ seiner Generation fortzusetzen. Die Politik müsse die Zahl der Studienplätze erhöhen und für attraktive Konditionen sorgen, fordert er. „Sonst bricht uns mittelfristig die ambulante Versorgung weg.“

Jürgen Burdenski vor seiner geschlossenen Praxis in Frankfurt-Preungesheim. Peter Jülich
Jürgen Burdenski vor seiner geschlossenen Praxis in Frankfurt-Preungesheim. Peter Jülich © Peter Jülich

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