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Hessen: Afghane ist in großer Sorge um das Leben der Familie

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Von: Jutta Rippegather

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Weniger Monate nach der Machtergreifung der Taliban: Afghaninnen warten mit ihren Kindern vor einer Klinik für Ernährungsfragen. Wirtschaftskrise und Dürre haben dazu geführt, dass vier von zehn Menschen in Afghanistan sich täglich von nur noch einer Mahlzeit ernähren.
Weniger Monate nach der Machtergreifung der Taliban: Afghaninnen warten mit ihren Kindern vor einer Klinik für Ernährungsfragen. © Julian Frank/dpa (Archivbild)

Abdul N. möchte seine Angehörige nach Hessen holen. Doch das angekündigte Landesaufnahmeprogramm lässt auf sich warten.

Frankfurt - Es war die beste Nachricht seit Jahren für Abdul N.: Anfang Oktober kündigte die Landesregierung ein Aufnahmeprogramm für Geflüchtete aus Afghanistan an. Bei dem 24-Jährigen keimte die Hoffnung, schon bald seine Familie nach Hessen und damit in Sicherheit zu holen. Doch daraus wird so schnell nichts. Das Vorhaben befindet sich derzeit noch in der Abstimmung bei den Ministerien in Wiesbaden. Anschließend müsse das Bundesinnenministerium grünes Licht geben, sagt Grünen-Fraktionschef Mathias Wagner der Frankfurter Rundschau auf Anfrage. Details seien noch offen - etwa zur Visavergabe oder Sicherheitsüberprüfung. „Das wird noch einige Wochen dauern.“

Brüder von den Taliban in Afghanistan getötet

N. muss weiter mit der Sorge um seine Verwandten leben, die, wie er sagt, sich kaum mehr vor die Tür trauen. „Ich habe Angst, dass ich die ganze Familie verliere“, sagt der junge Mann, der täglich nach Afghanistan telefoniert. Zu ihrem Schutz verschweigen wir hier seinen vollen Namen.

Im Jahr 2015 war Abdul N. nach Deutschland gekommen. „Ich habe zunächst einen Deutschkurs besucht und das A1-Niveau erreicht.“ Er machte eine Ausbildung zum Fachlageristen, arbeitet seit drei Jahren bei einer Firma in Limburg - inzwischen als stellvertretender Teamleiter im Lager. Wenn seine Aufenthaltserlaubnis im August 2025 ende, habe er einen unbefristeten Aufenthalt in Aussicht, sagt er. „Aktuell habe ich einen Einbürgerungstest absolviert und warte auf das Ergebnis.“

„Mir wurde mit dem Tod gedroht, wenn ich nicht für die Taliban arbeiten würde“

Der 24-Jährige könnte zufrieden sein. Wären da nicht die quälenden Gedanken an Brüder, Schwestern, die Eltern. Die Sorgen sind begründet. Der ältere Bruder, sagt N, sei im Februar 2015 von den Taliban ermordet worden. „Er hatte eine Anstellung beim Militär und ist noch zur Schule gegangen. Die Taliban haben ihn auf dem Schulhof aufgrund seines Militärdienstes erschossen.“ Auch er selbst hatte Drohbriefe erhalten.

„Mir wurde mit dem Tod gedroht, wenn ich nicht für die Taliban arbeiten würde.“ Deshalb begab er sich auf die beschwerliche Reise nach Deutschland, stellte einen Asylantrag, der jetzt im März positiv beschieden wurde. Zwei Jahre nach seiner Flucht wurde ein weiterer Bruder vor der Haustür entführt und von den Taliban erschossen. Die Familie zog nach Dschalalabad um, um in der Anonymität der Großstadt unterzutauchen. Nach dem Sturz der Regierung und der Machtübernahme der Taliban 2021 ist sie auch dort nicht mehr sicher. Einer seiner jüngsten Brüder wurde am 10. Oktober entführt. „Er wollte den Lebensmittelladen meiner Familie schließen und ist hier von den Taliban abgefangen und letztlich auch auf der Straße erschossen worden.“ Die drei übriggebliebenen Brüder, die beiden Schwestern und die Eltern lebten in großer Gefahr. „Sie schließen sich zu Hause ein und versuchen, sich bestmöglich vor den Taliban zu verstecken.“

1000 Afghan:innen mit verwandtschaftlichen Bezügen

Die Voraussetzungen für eine Aufnahme in das Landesaufnahmeprogramm wären gegeben. Rund 1000 Afghan:innen mit verwandtschaftlichen Beziehungen zu in Hessen lebenden Menschen sollen auf diesem Weg zusätzlich Zuflucht finden. Bedingung ist, dass sie nicht straffällig geworden sind sowie eine Verpflichtungserklärung der Angehörigen, dass der Lebensunterhalt gesichert sei. Abdul N. würde eine solche gerne unterzeichnen - sofern es in ein paar Wochen nicht zu spät ist. (Jutta Rippegather)

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