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Hessen: Handverletzungen sind männlich

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Von: Jutta Rippegather

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Bei Herz-Kreislauf-Leiden sind Frauen unterrepräsentiert.
Bei Herz-Kreislauf-Leiden sind Frauen unterrepräsentiert. epd © epd

Der Barmer-Report untersucht Geschlechterunterschiede bei Krankmeldungen. Die sind bemerkenswert.

Bei den Gründen für Krankschreibungen gibt es Geschlechterunterschiede. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Barmer-Gesundheitsreport, der der Frankfurter Rundschau exklusiv vorliegt. Unter die Lupe genommen hat die Krankenkasse dafür die Daten des vergangenen Jahres für Hessen. Demnach führten Verletzungen bei berufstätigen Männern unter 20 Jahren im Durchschnitt zu annähernd doppelt so vielen krankheitsbedingten Fehltagen wie bei gleichaltrigen Frauen. Bei den weiblichen Versicherten in dieser Altersgruppe lagen hingegen die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen 2,3-mal so hoch wie bei den Männern.

Barmer-Landeschef Martin Till mahnt angesichts der Ergebnisse Korrekturen bei der medizinischen Versorgung und Gesundheitsprävention an. Oft orientierten sie sich noch an Daten männlicher Patienten mittleren Alters. „Für die Erhaltung unserer Gesundheit und Arbeitskraft benötigen wir mehr Bewusstsein für geschlechts- und altersspezifische Unterschiede.“

Atemwegserkrankungen bei Frauen

Dem Report zufolge sind die Berufsrisiken unterschiedlich. So fehlten Männer länger aufgrund von Verletzungen am Arbeitsplatz als Frauen (rund 33 Prozent). Handblessuren mit einer offenen Wunde traten 2,5-mal so häufig auf. Begründen lasse sich dies damit, dass Männer statistisch gesehen häufiger handwerkliche Berufe ausübten und möglicherweise auch ein anderes Risikoempfinden hätten. Frauen wiederum sind mehr in sozialen Berufen wie der Kranken- und Altenpflege sowie der Kinderbetreuung tätig. So ließen sich deren Fehlzeiten aufgrund von Atemwegserkrankungen erklären - sie lagen um rund 20 Prozent höher als bei Männern.

Außer dem Geschlecht spielt das Alter eine Rolle. In der Gruppe der 50- bis 54-Jährigen sind Männer und Frauen gleichauf. Danach verkehrt sich die Situation: Unter den 55- bis 59-Jährigen kam es bei Frauen zu rund 13 Prozent mehr Arbeitsunfähigkeitsfällen aufgrund von Verletzungen als bei Männern.

Gendermedizin

Geschlechtsspezifisch unterschiedliche Symptome zeigen sich bei vielen Erkrankungen.

Bei Herzinfarkt etwa spüren Männer häufig ein Druck- oder Engegefühl in Brust und Schmerzen im linken Arm; Frauen eher Übelkeit und Rückenschmerzen.

Die Gesundheit aller Geschlechter betrachtet die Gendermedizin. Sie begreift Geschlecht als biologische sowie kulturell-soziale Konstruktion.

Mit einer Kampagne für gendersensible Medizin, unterstützt die Barmer diesen Ansatz. jur

Eine andere Entwicklung ist bei Krankheiten des Kreislaufsystems zu beobachten: So kommt es unter hessischen Männern zu 13 Prozent mehr Krankschreibungen aufgrund einer Herz-Kreislauf-Diagnose. Die Fehlzeiten liegen sogar rund 82 Prozent über denen der Frauen. In den höheren Altersgruppen verstärkt sich der Geschlechterunterschied weiter. 60- bis 64-jährige Männer sind 2,4-mal häufiger krankgeschrieben. „Ursache sind oft alte Rollenbilder und Männlichkeitsnormen, die schlicht toxisch auf die Gesundheit wirken“, mutmaßt Till.

Psychische Erkrankungen sind häufig

Der Trend zu psychischen Erkrankungen unter Berufstätigen hält an. Von 2014 bis 2021 stieg die Zahl der Krankschreibungen aufgrund dieses Leidens in Hessen um rund sieben Prozent. Die durchschnittliche Fehlzeit erhöhte sich um rund 19 Prozent. Betroffen sind besonders weibliche Beschäftigte, die bei den Krankschreibungen rund 61 Prozent über dem Niveau der Männer liegen, die durchschnittliche Dauer lag um rund 38 Prozent höher. Besonders stark betroffen sind die 15- bis 24-Jährigen. „Grund für die unterschiedliche Belastung der Geschlechter könne unter anderem sein, dass Frauen häufig einen Großteil Pflegearbeit übernähmen, sagt Till.

Hauptursachen für Arbeitsunfähigkeit blieben Muskel-Skelett-Erkrankungen, vor allem Rückenleiden. Die Zahl der Krankschreibungen sank aber zwischen 2014 und 2021 um rund zehn Prozent, die durchschnittliche Dauer um knapp sechs Prozent.

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