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80 Prozent der Opfer sind Frauen.
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80 Prozent der Opfer sind Frauen.

Hessen

Häusliche Gewalt in Hessen nimmt zu

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Laut der polizeilichen Kriminalstatistik stiegen im Jahr 2020 die Fälle um 7,7 Prozent auf etwas mehr als 10 000. Frauenhäuser und Beratungsstellen verzeichneten jedoch keinen Anstieg.

Über Monate hinweg haben Expertinnen von Beratungsstellen und Frauenhäusern davor gewarnt, dass die Fälle von häuslicher Gewalt während der Pandemie, etwa durch vermehrten Stress in den Familien, steigen könnten. Nun ist genau dieser Fall eingetroffen.

Aus der polizeilichen Kriminalstatistik geht hervor, dass die häusliche Gewalt um 7,7 Prozent auf 10 013 Fälle gestiegen ist. 80 Prozent der Opfer seien Frauen. Wie im Bund stiegen die Zahlen seit 2014 auch in Hessen kontinuierlich an; dies deute auch auf verändertes Anzeigeverhalten hin, heißt es in einer Mitteilung der Landespolizei. Tina Meier vom Frauenhaus Erbach betont jedoch, dass die meisten Beratungsstellen und Frauenhäuser keinen Anstieg verzeichneten - trotz der gestiegenen Zahlen. „Im Odenwaldkreis ist der Anteil der gemeldeten Fälle bei der Polizei sogar um 46 Prozent gestiegen“, sagt sie.

Für die Polizei könnte das veränderte Anzeigeverhalten mit einem verbesserten Beratungs- und Hilfsangebot zusammenhängen. Meier kann darüber nur schmunzeln. „Wir erhalten zwar seit 2015 mehr Geld, aber das ist längst nicht genug.“

Warum die Opfer sich nicht bei Beratungsstellen und Frauenhäusern meldeten, sei schwer festzustellen, sagt Meier. Mehrere Gründe könnten dafür eine Rolle spielen, etwa, dass Frauen sich schämen, einen Termin zu vereinbaren oder ihre gewalttätigen Partner oft zu Hause seien. Auch die Kontaktbeschränkungen kämen infrage. „Das nahe Umfeld lässt sich weniger einbeziehen. Die Fahrt ins Frauenhaus wird dadurch erschwert“, sagt Meier.

Die Beratungsstelle Frauennotruf Frankfurt hält eher die Zunahme von Care-Arbeit, also die unbezahlte Sorgearbeit in der Familie, für ausschlaggebend. „Die Frauen stellen ihre eigenen Bedürfnisse oft zurück“, sagt Pia Barth, Mitarbeiterin beim Frauennotruf. Auch in der Frankfurter Beratungsstelle seien die Zahlen nicht gestiegen, sondern blieben konstant.

Im Jahr 2019 verzeichnete der Frauennotruf 743 Fälle, 2020 waren es 678. Dass mehr Anzeigen bei der Polizei erstattet würden, sei ein positives Zeichen, sagt Barth. Gleichzeitig betont sie auch, dass die nun bekannt gewordenen Zahlen nichts Neues hervorbrächten. Die Fälle von häuslicher Gewalt seien schon seit einigen Jahren konstant hoch. „Während der Pandemie ist die Aufmerksamkeit durch die Medienberichte gestiegen. Wegen der hohen Präsenz wurden viele Frauen ermutigt, Gewalt zur Anzeige zu bringen oder Beratungsangebote wahrzunehmen“, glaubt Barth. Es sei aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass durch die zusätzlichen Belastungen in der Pandemie die Situation in den Familien angespannter geworden sei.

Doch auch wenn mehr Frauen Anzeigen erstatteten, sorgt sich Meier vom Frauenhaus Erbach um die Opfer. „An wen wenden sie sich? Wie bekommen sie Unterstützung?“ Die frauenpolitische Sprecherin der Linken im Landtag, Christiane Böhm, hält es für bedenklich, dass die Zunahme von häuslicher Gewalt sich nicht im Hilfesystem niederschlägt. Sie teilt die Einschätzung von Meier und Barth, dass der Lockdown und die weitgehende Beschränkung auf das Zuhause „massiv die Möglichkeiten der Frauen, sich Hilfe zu suchen“, verhindere. Darauf müsse entschieden reagiert werden, etwa indem Täter konsequent durch die Polizei weggewiesen würden und Gerichte umfangreiche Abstandsgebote verhängten.

Böhm kritisiert zugleich die Landesregierung und Sozialminister Kai Klose (Grüne): „Wir wiesen bereits in der ersten Welle darauf hin, dass durch die häusliche Nähe vielen Betroffenen der Weg in die Schutzeinrichtungen verwehrt ist“, sagt Böhm. Die nun vorliegenden Zahlen bestätigten eindrücklich, dass hier seitens der Landesregierung zu Beginn der Pandemie die falschen Parameter herangezogen worden seien.

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