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Grünes Schreckgespenst

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Von: Pitt von Bebenburg

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Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (l.) zeichnet drei Unternehmen als „Hessen-Champions“ aus.
Nanu? Tarek und Volker gestalten Hessen gemeinsam! © Arne Dedert/dpa

Nehmen wir mal kurz an, wir hätten die letzten 36 Jahre geschlafen, würden aufwachen und zum Hessen-Teil unserer Lieblingszeitung greifen: Es wäre nicht zu glauben. Denn darin würde allen Ernstes behauptet, dass die CDU eine gemeinsame Landesregierung mit den Grünen anführt. Die hessische CDU! Mit den Grünen! Da würden wir vor Schreck auswandern.

Denn damals, 1986, hat uns die Union doch in aller Klarheit deutlich gemacht, welch eine fürchterliche Staatsunterwanderung mit den Grünen auf uns zukommt. „Sie werden nervös, weil die Bürger erkennen, was es mit den selbsternannten ,Friedensfreunden‘ auf sich hat und daß das Eintreten für die Belange des Umweltschutzes vorwiegend Maskerade ist“, stellte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion fest. Der SPD müsse „peinlich sein, wenn die Bürger erfahren, wem sie sich in Bund und Ländern anbiedern, mit wem sie zusammenarbeiten und sogar Koalitionen schließen“.

Und heute? Sagt der Volker Tarek zu Al-Wazir, und Tarek nennt Volker Bouffier nur Volker.

Die gefährlichsten Grünen

Kaum zu glauben, wenn man einige Jahrzehnte verpasst hat. Aber unser Archiv vergisst nichts. Auch nicht die Broschüre „Die Kader der Grünen“ der CDU/CSU-Fraktion von 1986. Darin zeichnet die Union Porträts einiger der gefährlichsten Grünen.

Besonders kommunistisch angehaucht: ein gewisser Winfried Kretschmann. Ist das nicht der, mit dem die CDU 2016 die erste grün-schwarze Koalition in Deutschland eingegangen ist und der 2021 unbedingt wieder Grün-Schwarz wollte, statt das Risiko einer grün geführten Ampelregierung einzugehen? Geschenkt! Vor 36 Jahren hätte ihn die Union noch zum Teufel gejagt. Auch die hessischen Grünen kommen in der Broschüre nicht zu kurz.

Als Kapitalist versucht

Leute wie Joschka Fischer, seinerzeit Minister für Umwelt und Energie in Hessen. Besonders übel nach Auffassung der Union: „Fischer läßt die Bevölkerung nicht wissen, daß er sich auch schon einmal als Kapitalist versucht hat“, nämlich als Gesellschafter der Frankfurter Karl-Marx-Buchhandlung. Der Buchladen erfreut sich übrigens noch heute eines hohen Ansehens wie auch Fischer, der einige Jahre als deutscher Außenminister diente.

Oder Bernd Messinger, der in den 80er-Jahren erst Fraktionsmitarbeiter der Grünen und dann Abgeordneter und Vizepräsident des hessischen Landtags war. Die Unionsfraktion hat doch glatt entdeckt, dass Messinger mit seiner „Basisgruppe“ das „Verhältnis zur DKP“ gelobt hatte, und diese Erkenntnis in ihrem Brevier ausgebreitet. Im Jahr 2010 wurde Messinger übrigens Büroleiter der damaligen Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU), aber das nur nebenbei.

In die Zeitmaschine

Kinder, wie sich die Zeiten geändert haben. Kurz den Fernseher angeschaltet und Omid Nouripour gesehen, den Frankfurter Grünen, der 1986 erst elf Jahre alt war und es daher nicht in die Horror-Broschüre der Union schaffen konnte. Er sagt, Ziel der Grünen bleibe es, den nächsten Kanzler oder die nächste Kanzlerin zu stellen. Das hätte mir damals keiner geglaubt. Aber zum Glück verfügen wir ja über eine Zeitmaschine, die das Unglaubliche wahr werden lässt.

Die besteigen wir in der nächsten Woche wieder und erleben im hessischen Landtag, dass die Koalition aus CDU und Grünen immer gemeinsam abstimmt. Als hätten die Unionsabgeordneten nie diese Broschüre gelesen. Sie wären sonst gewarnt gewesen: „Einen beachtlichen Teil der politischen Energien verwenden grüne Politiker auf den Versuch, die Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland zu schwächen und wehrlos zu machen.“ Aber das hätten sie ohnehin nicht geglaubt. Zu Recht.

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