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Die Lobby der Glücksspielindustrie hat sich durchgesetzt. Ab 1. Juli kann man in Spielhallen und online legal zocken.
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Die Lobby der Glücksspielindustrie hat sich durchgesetzt. Ab 1. Juli kann man in Spielhallen und online legal zocken.

Glücksspiel

Glücksspielgesetz in Hessen ermöglicht Online-Zocken ohne Grenzen

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Vor Inkrafttreten des neuen Glücksspielgesetzes warnen Suchtexpertinnen vor mangelhaftem Schutz und fordern mehr Geld für Beratung. Ihr Bilanz fällt vernichtend aus.

Für die Expertinnen von der Landesstelle für Suchtberatung kommt die Legalisierung des Onlineglücksspiels zum 1. Juli zu früh. Weder gebe es Hinweise darauf, dass sie mit zusätzlichen finanziellen Mitteln ausgestattet würden, um sich der neuen Herausforderung zu stellen. Noch sei die von ihnen geforderte unabhängige Begleitforschung initiiert. Auch fragen sie sich, wer kontrollierten solle, ob die angekündigten Schutzmechanismen tatsächlich eingehalten würden, da die Bundesglücksspielbehörde erst in zwei Jahren arbeitsfähig sei.

Eine dieser Vorkehrungen ist das Limit von 1000 Euro pro Monat. Für einen normalen Haushalt sei die Summe ohnehin viel zu hoch, sagt Daniela Senger-Hoffmann, Landeskoordinatorin für Glücksspielsucht. Ein anderer Schutzmechanismus soll das Früherkennungssystem sein. Davon sei bislang nicht mehr bekannt als der Name, ergänzt Geschäftsführerin Susanne Schmitt. „Es fehlt an Konkretisierung und zeitnaher Umsetzung.“ Ihre vernichtende Bilanz: „Das Land Hessen hätte deutlich mehr verankern können und hat diese Chance verpasst.“

Am 1. Juli treten das neue hessische Glücksspielgesetz und der Glücksspielstaatsvertrag in Kraft, der Onlinezocken legalisiert. Die beiden Frauen kämpfen seit Jahren dagegen, dass der Staat den Anbietern das Geschäft mit kranken Menschen noch leichter macht. Sie sind enttäuscht. Ihre auch in der Anhörung des Landtags geäußerten Vorschläge und Kritik seien zu wenig gehört worden, sagt Schmitt. „Wieder mal zeigt sich, dass die Industrie mehr gehört wird als Forschung, Wissenschaft und Praxis.“ Die Parallelen zum Kampf gegen die Tabak- oder Alkoholsucht sei unübersehbar.

Das ändert sich

Am Donnerstag , 1. Juli, tritt bundesweit der Glücksspielstaatsvertrag in Kraft. Ergänzt wird er in Hessen durch ein geändertes Glücksspielgesetz, das Mitte Juni vom Landtag verabschiedet wurde. Ein neues Spielhallengesetz wird ebenfalls erwartet, liegt aber bisher noch nicht vor.

Onlinecasinospiele waren bisher nur in Schleswig-Holstein legal. Jetzt ziehen alle anderen 15 Bundesländer nach. Auch Pokern im Internet wird legalisiert.

Onlinesportwetten werden ebenfalls zugelassen, sofern die Anbieter bestimmte Bedingungen erfüllen. Die bisherige Deckelung der Konzessionen auf 20 Anbieter, die nie funktioniert hat, war bereits aufgehoben worden. Zuletzt hatte Hessen im vergangenen Herbst 15 Anbietern von Sportwetten, die Auflagen in Bezug auf Zuverlässigkeit und Spielerschutz erfüllt hatten, Erlaubnisse erteilt.

Livewetten werden begrenzt erlaubt, also das Abgeben von Tipps auf bereits laufende Sportereignisse. Dies geschah zwar bereits, fand aber in einem juristischen Graubereich statt.

Ein zentrale Glücksspielbehörde mit Sitz in Sachsen-Anhalt soll die Einhaltung der Regeln kontrollieren. Das Problem: Sie nimmt erst am 1. Januar 2023 ihren Betrieb auf.

Bei 1000 Euro im Monat liegt das Limit für Wetten pro Spieler oder Spielerin. Mit einer elektronischen Limitdatei soll erreicht werden, dass „das weiteres Einzahlen technisch unterbunden“ wird, wenn diese Obergrenze erreicht ist. Diese Grenze soll alle Spielformen umfassen, also für Spielhallen, Spielbanken und Onlinecasinos gelten. Zudem soll eine zentrale Datei verhindern, dass ein Spieler oder eine Spielerin bei mehreren Anbietern im Internet parallel spielen können.

Sperrdatei: Wenn jemand sich selbst schützen will, kann er oder sie sich sperren lassen. Dann muss er abgewiesen werden – vor Ort ebenso wie im Netz. Bei dieser Art der Sperrdatei ist Hessen Vorreiter: Hier gibt es die „Oasis“-Datei bereits seit 2014.

Abstandsregelungen sollen helfen, damit Jugendliche und Süchtige nicht in Wettbüros kommen. Zwischen Wettvermittlungsstellen müssen mindestens 50 Meter Fußweg liegen. Von Suchtberatungsstellen und Schulen beträgt der Mindestabstand 250 Meter.

Eine Million Euro stellt Hessen für ein Netz von Beratungsstellen gegen Glücksspielsucht zur Verfügung. Das ist jetzt gesetzlich festgeschrieben.

Aus Lottomitteln gibt es zehn Prozent mehr Geld für Sport-, Sozial- und Jugendverbände. Dieses Geld fließt allerdings noch nicht zum 1. Juli, sondern erst ab 1. Januar 2022. Dann erhält der Landessportbund Hessen 24,3 Millionen Euro, die Liga der freien Wohlfahrtspflege 6,4 Millionen Euro, der Hessische Jugendring 2,6 Millionen Euro, die Träger der außerschulischen Jugendbildung 7,9 Millionen Euro und der Ring politischer Jugend 750 000 Euro. pit

Auch dort ist das Ringen um Werbeverbote zäh. Nur in Tippelschritten gelingt es, den Widerstand zu brechen. Spielsüchtige werden nach Auffassung der Expertinnen ebenfalls an viel zu vielen Stellen geködert: im Internet, im TV, durch Bandenreklame im Fußballstadion. Senger-Hoffmann: „Man kann sich nicht davon fernhalten.“

Dabei habe gerade die Beratung während der Corona-Pandemie gezeigt, welche starke Rolle äußere Anreize spielten. Wegen der Kontaktbeschränkungen waren die Spielhallen über Monate zu. „Viele Betroffenen haben die Zeit als Erholung empfunden, haben aufgeatmet, weil der Suchtdruck raus war“, sagt Senger-Hoffmann, die die 15 hessischen Fachberatungen für Glücksspiel koordiniert. Deren Klientel ist mit 80 Prozent überwiegend vom Automatenspiel abhängig. Bislang. Das, befürchten Schmitt und Senger-Hoffmann, könnte sich bald ändern, wenn diejenigen zur Besinnung kämen, die sich während des Lockdowns komplett in der Welt des Onlinezockens verloren hätten. Die nicht vor die Tür gehen müssen, sich nicht einmal ankleiden müssen, um dem Spiel zu frönen.

Was bisher noch illegal war, ist ab 1. Juli legal. Welche Auswirkungen das haben wird, ist noch nicht vorhersehbar. „Die Zahl der krankhaft Süchtigen wird sich dramatisch erhöhen“, mutmaßt Schmitt. Fest stehe jedenfalls, dass die Beratungsstellen ihr Angebot ausweiten müssten. Auch um online präventiv tätig werden zu können, sagt Schmitt. „Dazu brauchen wir mehr Geld.“ Hessen hat zwar angekündigt, künftig pro Jahr eine Million Euro für das Netz von Beratungsstellen gegen Glücksspielsucht zur Verfügung zu stellen – als Konsequenz aus den Warnungen der Berater:innen währen der Anhörung zum Glücksspielgesetz. Doch diese Summe, sagt Schmitt, erhalte die Landesstelle seit Beginn des Projekts Fachberatung für Glücksspiel im Jahr 2008. „Das ist jetzt nur offiziell im Gesetz festgeschrieben.“

Noch etwas bereitet den Expertinnen große Sorge: Immer häufiger bietet die Glücksspielindustrie eigene Suchtberatung an. Mit Seriosität habe das nichts zu tun. Betroffene durchschauten oft nicht den Unterschied zu den unabhängigen Beratungsstellen, sagt Senger-Hoffmann. Dabei sei doch glasklar, dass es nicht im Interesse eines Glücksspielanbieters liege, Menschen davon abzuhalten, Geld zum Fenster rauszuwerfen. „Ein Unternehmen will viel Geld verdienen, sonst nichts.“

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