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Glaube, Hoffnung, Poolparty: Kirche und Jugend in Hessen

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Von: Peter Hanack

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Poolparty: Beim Jugendkirchentag in Gernsheim kann geplantscht werden. Bei den sommerlichen Temperaturen eine willkommene Abkühlung zwischen Gottesdienst und Mitmach-Aktion.
Poolparty: Beim Jugendkirchentag in Gernsheim kann geplantscht werden. Bei den sommerlichen Temperaturen eine willkommene Abkühlung zwischen Gottesdienst und Mitmach-Aktion. © ROLF OESER

Beim Jugendkirchentag in Gernsheim am Rhein geht es vielen Jugendlichen ums Feiern und um die Zukunft von Kirche – nicht nur in Hessen.

Hat Kirche noch eine Zukunft? Wir haben Jugendliche gefragt, wie sie sich ihre Kirche wünschen. Klar ist: Es muss sich einiges ändern.

Jugendkirchentag in Gernsheim am Rhein. Eingeladen hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). 4000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene werden von Donnerstag bis zum morgigen Sonntag erwartet. Zwischen Rheinufer und Altstadt sind unzählige Grüppchen unterwegs, viele tragen Fischerhütchen, wie sie bei jungen Leuten wieder modern sind, schwarz oder weiß mit gelbem Jugendkirchentagslogo über der Stirn. Die Rheinstraße verbindet die Veranstaltungsorte, ist gesäumt von den lilafarbenen Fahnen der EKHN. Die Stimmung ist ausgelassen, hat etwas von Klassenfahrt und Pop-Konzert. Gerade ist der zentrale Freitagsgottesdienst zu Ende.

Chillen auf Liegestühlen

Lukas und Maxi haben ein schattiges Plätzchen unter einer großen Platane gefunden, in einem der Liegestühle, die hier zum Chillen einladen. Die beiden sind noch ganz begeistert von der Lebendigkeit des Gottesdienstes, der so ganz anders war als die meisten, die es sonst so gibt. „Die Musik war richtig gut, die Sprache einfach und klar, man fühlte sich direkt angesprochen“, berichtet Lukas (19). „Es sind hier alle gut drauf, es ist ein richtiges Miteinander, der Glaube verbindet uns“, findet auch Maxi.

Die beiden sind als Gruppenleiter mit 17 Jugendlichen aus dem Nassauer Land nach Gernsheim gekommen. „Einer meiner Konfirmanden hat gesagt, ach, das war jetzt ein Gottesdienst, so überrascht war der“, sagt Maxi.

Kirche Schrumpft

Im Jahr 2060 wird die evangelische Kirche in Deutschland nur noch halb so viele Mitglieder haben wie heute. Das hat eine Studie gezeigt.

Bis zum Alter von 35 Jahren verlässt jedes zweite Mitglied die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Viele gehen, wenn sie das erste Mal auf ihrer Gehaltsabrechnung sehen, dass sie für die Mitgliedschaft Kirchensteuer zahlen müssen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) ist Veranstalter des evangelischen Jugendkirchentags. Sie hat gut 1,4 Millionen Mitglieder in etwas mehr als 1100 Kirchengemeinden.

Der Jugendkirchentag wird von Fronleichnam, 16. Juni, bis Sonntag, 19. Juni, in Gernsheim am Rhein gefeiert. 4000 Jugendliche werden dort erwartet. Alle Informationen zum Event gibt es unter www.jugendkirchentag.de pgh

Auf einem Event wie dem Jugendkirchentag könne einem wieder bewusst werden, wie wichtig Nächstenliebe und die Gemeinschaft seien, erzählt der 20-Jährige. Er wünscht sich, dass die Kirche überall so offen für Neues wäre. Immerhin, in seiner Heimatgemeinde sei das Verhältnis zum Pfarrer gut. Und es habe sich ja auch schon was getan. „Wir haben Leinwände in der Kirche und Beamer, um auch mal Filme zu zeigen, wir sind online präsent, Kirche ist bei uns nicht nur das, was im Gemeindebrief steht, den die Jungen sowieso nicht lesen.“ Es gebe Kinoabende, und wenn es mal einen Abendgottesdienst mit einem Künstler gebe, sei die Kirche voll, auch mit Jugendlichen. Gott könne gerade auch für Junge wichtig sein. „Ich weiß, da ist jemand, der hält mich, ich bin nie allein.“

Über Umweltschutz predigen

„Bei den Predigten, da sollte es auch um Umweltschutz gehen, Social Media oder queere Menschen“, findet Lukas. Einer seiner Konfirmanden habe aufgeschrieben, die Pfarrer bräuchten moderne Klamotten, nicht so altbackene Sachen. Gut fände er es auch, wenn Gottesdienste eher mal abends als am Sonntagmorgen angeboten würden. Sein Glaube sei ihm wichtig, eine große Stütze. „Ich fühle mich geliebt und angenommen“, sagt er. Das müsse für alle Menschen gelten. So kann er nicht verstehen, warum sich die katholische Kirche immer noch weigere, homosexuelle Paare zu segnen.

In Fragen der Gleichberechtigung kommt die evangelische Kirche deutlich moderner rüber als die katholische. Frauen können hier Bischöfin werden, Homosexuelle heiraten. Für junge Menschen scheinen das wichtige Punkte zu sein.

Auf dem Kirchentagsgelände gibt es unzählige Pavillons, die zum Mitmachen bei den verschiedensten Aktionen einladen. Man kann sich verkleiden und in andere Rollen schlüpfen, gemeinsam die Stadt der Zukunft entwerfen, symbolisch Müll aus dem Meer fischen oder E-Kart fahren. Sogar einen Pool gibt es, der bei dem heißen Wetter rappelvoll ist.

Homosexuelle Paare segnen

An einem Zelt gegenüber geht es unter der Regenbogenfahne um die Gleichberechtigung. Auch hier ist viel los, das Interesse groß. Franziska (16) steht davor und ist fassungslos „Voll krass, erst seit 2017 können homosexuelle Paare bei uns heiraten und seit 2022 erst gilt Transgeschlechtlichkeit nicht mehr als psychische Krankheit“, empört sie sich. Gerade Kirche müsse viel dafür tun, dass niemand ausgegrenzt werde, egal woher er oder sie komme und wen er oder sie liebe. „Das ist doch gerade das, was Nächstenliebe ausmacht“, sagt sie. Zwar habe die evangelische Kirche schon viel verändert, in der katholischen aber tue sich viel zu wenig, und auch in vielen evangelischen Gemeinden werde zu wenig für die Inklusion aller getan. „Kein Wunder, dass da viele die Kirche verlassen“, findet sie. Auch wenn das schade sei.

Kathrin Walldorf betreut einen Stand auf dem Kirchentag. Die 30-Jährige vom evangelischen Jugendwerk in Wiesbaden sagt, dass viele der Jugendlichen, die nach Gernsheim gekommen seien, Interesse am Glauben und der Gemeinschaft hätten. Sie dürfe man nicht verlieren. Kathrin Walldorf baut darauf, dass viele Pfarrer und Pfarrerinnen etwas vom Jugendkirchentag mit in ihre Gemeinden nehmen würden und Kirche lebendiger machten. Genug Ideen dafür gibt es jedenfalls.

Siehe Interview mit Landesjugendpfarrer Bach-Leucht: „Nicht nur gemeinsam beten“

Gemeinsam Gottesdienst feiern – und das Feiern wörtlich nehmen.
Gemeinsam Gottesdienst feiern – und das Feiern wörtlich nehmen. © ROLF OESER
Planspiel: Eine Jugendgruppe aus Offenbach baut die ideale Stadt.
Planspiel: Eine Jugendgruppe aus Offenbach baut die ideale Stadt. © ROLF OESER
Gemeinsam beten, beim Jugendkirchen tag in Gernsheim am Rhein. Sogar auf einem Schiff.
Gemeinsam beten, beim Jugendkirchen tag in Gernsheim am Rhein. Sogar auf einem Schiff. © ROLF OESER
Gemeinsam erfahren beim Jugendkirchentag ist für viele ein Grund, hierher zu kommen.
Gemeinsam erfahren beim Jugendkirchentag ist für viele ein Grund, hierher zu kommen. © ROLF OESER
Maxi (20): „Hier sind alle gut drauf. Es wäre gut, wenn die Kirche überall so offen für Neues wäre.“
Maxi (20): „Hier sind alle gut drauf. Es wäre gut, wenn die Kirche überall so offen für Neues wäre.“ © Peter Hanack
Lukas (19): „Ich fühle mich von Gott geliebt und angenommen. Das muss für alle Menschen gelten.“
Lukas (19): „Ich fühle mich von Gott geliebt und angenommen. Das muss für alle Menschen gelten.“ © Peter Hanack
Kathrin (30): „Ich hoffe, dass viele Ideen vom Jugendkirchentag in die Gemeinden mitgenommen werden.“
Kathrin (30): „Ich hoffe, dass viele Ideen vom Jugendkirchentag in die Gemeinden mitgenommen werden.“ © Peter Hanack

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