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Bildung braucht bessere Bedingungen. Davon ist Thilo Hartmann, neuer GEW Vorsitzender in Hessen, überzeugt.
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Bildung braucht bessere Bedingungen. Davon ist Thilo Hartmann, neuer GEW Vorsitzender in Hessen, überzeugt.

Schule

Gewerkschafter sagt: „Lehrkräfte werden aus Hessen abwandern“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Hessens neuer GEW-Chef Thilo Hartmann spricht im Interview über Geld und Anerkennung im Beruf. Und Pflichtstunden für Lehrkräfte wie vor 140 Jahren.

Bildung braucht bessere Bedingungen – so steht es in roten Buchstaben auf dem schwarzen T-Shirt, das Thilo Hartmann beim Interview mit der Frankfurter Rundschau trägt, Umhängetasche und Rollkoffer im Schlepp. Der frisch gewählte hessische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist quasi auf der Durchreise. Von Dietzenbach via Frankfurt nach Weimar, zum Koordinierungsvorstand der GEW, einer Sitzung aller Landesvorsitzenden und des Bundesvorstands. Der Terminkalender ist prall gefüllt, und so wird es wohl auch die nächsten drei Jahre bleiben.

Herr Hartmann, wie sah der erste Morgen nach Ihrer Wahl zum neuen Landesvorsitzenden der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft aus?

Das war vorletzten Freitag. Gewählt hatten wir sehr spät, am Donnerstag gegen 22.30 Uhr. Am Freitagmorgen um 7 kamen die ersten Mails und die ersten Arbeitsaufträge an.

Es ging also gleich richtig los. Können Sie weiterhin unterrichten?

Das geht leider nicht mehr. Der Landesvorsitz ist ein Fulltime-Job. Am Montag war ich noch einmal in der Schule, habe meinen letzten Unterricht gehalten und mich schweren Herzens verabschiedet, nach 18 Jahren. Ende nächster Woche werde ich dann noch den Kollegen und Kolleginnen „Auf Wiedersehen“ sagen.

Bis vor ein paar Tagen waren Sie noch Lehrer, jetzt Gewerkschaftsfunktionär, auf drei Jahre gewählt. Sind Sie in diesen drei Jahren für Ihre Kolleg:innen da oder für die Schüler und Schülerinnen?

Ich hoffe doch für beide. Wir sind eine Bildungsgewerkschaft, ich fühle mich guter Bildung ebenso verpflichtet wie guten Arbeitsbedingungen.

Gerade laufen Tarifverhandlungen, in die Sie eingebunden sind. Welches Gewicht haben dabei die Forderungen nach höheren Bezügen? Welche Rolle spielen Arbeitsbedingungen?

Es geht schon um eine spürbare Anerkennung der geleisteten Arbeit gerade auch in den letzten 18 Monaten auch in monetärer Hinsicht. Auch für die angestellten Lehrkräfte und Sozialpädagogen muss es eine Aufwertung geben. Ebenso geht es um die vielen Lehrkräfte, die noch keine abgeschlossene Berufsausbildung haben, an den Schulen aber eine wichtige Rolle spielen und dafür eher schlecht als recht entlohnt werden.

Bleiben wir beim Geld. Seit Jahren ist die Bezahlung der Grundschullehrkräfte ein Streitpunkt. Die GEW fordert eine Gleichstellung mit den anderen Lehrämtern, das Land Hessen verweigert sich dem aber. Sehen Sie eine Chance, die geforderte Gleichbehandlung zu erreichen?

Hessen wird sich dem nicht auf Dauer verweigern können, zumal wir jetzt mit Thüringen ein direktes Nachbarland haben, das allen Lehrkräften gleichermaßen den Tarif A13 als Eingangsbesoldung zahlt. Auch Bayern zahlt besser als Hessen, da wird es eine Abwanderung geben, und das, wo wir jetzt schon einen massiven Lehrkräftemangel gerade an den Grundschulen in Hessen haben.

Zur Person

Thilo Hartmann (44) ist neuer Landesvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen. Er ist Lehrer für Spanisch, Deutsch und Deutsch als Zweitsprache an der Ernst-Reuter-Gesamtschule in Dietzenbach (Kreis Offenbach). Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Frankfurt.

Zu stellvertretenden Vorsitzenden haben die GEW-Landesdelegierten Heike Ackermann und Simone Claar gewählt. Sie sollen die Bildungsgewerkschaft die nächsten drei Jahre führen. Die GEW vertritt die Interessen von Lehrkräften, Erzieher:innen und wissenschaftlichen Mitarbeitern an Hochschulen und anderen pädagogischen Einrichtungen. pgh

Wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen aus?

Ein hessischer Lehrer hat noch immer so viele Pflichtstunden zu unterrichten wie vor 140 Jahren, trotz vieler zusätzlicher Aufgaben. Auch im weltweiten Vergleich ist die Zahl der zu leistenden Unterrichtsstunden am höchsten, Lehrkräfte kommen auf 47,5 Arbeitsstunden je Woche. Viele sind nicht mehr in der Lage, das zu leisten.

Schon heute fehlen Lehrkräfte, wie Sie ja gesagt haben. Wie kann dann noch Unterricht für alle gewährleistet werden, wenn die vorhandenen Lehrkräfte weniger arbeiten sollen?

Es ist wichtig, Zeit zu haben, die eigene Arbeit auch gut zu machen. Das ist auch der Anspruch der allermeisten Lehrkräfte. Die aktuelle Überlastung vieler führt bei einigen langfristig in den Burn-out. Es braucht also weniger Pflichtstunden und auch kleinere Klassen, damit die vorhandenen Lehrkräfte ihren Job machen können, ohne krank zu werden.

Wie kann das erreicht werden?

Wir brauchen viel mehr Personal an den Schulen, deutlich mehr als heute. Zum einen natürlich ausgebildete Lehrkräfte. Dazu muss viel mehr ausgebildet werden als zurzeit, damit es diese neuen Lehrer auch gibt. Und wir brauchen die Sozialpädagogen im Unterricht, die es ja in Hessen auch gibt, aber eben in homöopathischen Dosen. Außerdem Schulpsychologen, Sozialarbeitende, Assistenzkräfte und und und.

Gerade in Deutschland sind die Bildungschancen sehr ungleich verteilt, ist der Zusammenhang zwischen familiärem Hintergrund und Bildungserfolg sehr groß. Ganztagsschulen gelten gemeinhin als gutes Instrument, diese Ungleichheit ein Stück weit zu egalisieren. Sind Hessens Lehrkräfte bereit, auch am Nachmittag in der Schule zu sein, um zu unterrichten?

Schon heute haben Lehrkräfte ja nicht mittags Feierabend und gehen nach Hause. Acht oder neun Unterrichtsstunden sind nicht selten, und zu Hause muss dann Unterricht noch vor- oder nachbereitet werden. Aber ja, Ganztagsschulen sind sicher ein gutes Modell, aber es kommt auf die Bedingungen an. Es kann nicht sein, dass dadurch noch mehr Arbeit auf die Lehrkräfte zukommt. Und solche Modelle müssen auch familienverträglich sein. Bei der Bildungsgerechtigkeit gibt es aber noch viel mehr Hürden. Viele Menschen haben einfach keinen Zugang zu Bildung. Das fängt bei der Sprache an oder bei Grundschulen in schwierigen Wohnvierteln, die nicht ausreichend ausgestattet sind, mit den Herausforderungen umzugehen. Diese Menschen dann bildungsfern zu nennen, halte ich ebenfalls für ungerecht, wir nennen ja auch arme Menschen nicht geld- oder finanzfern. Schulen sind oft in einem schlechten Zustand, da schimmelt die Decke, können Räume wegen fehlender Fluchttüren nicht genutzt werden, fehlt WLAN und so weiter. Und das auf Leistung und Selektion ausgelegte Schulsystem trägt ebenfalls zur Bildungsungerechtigkeit bei.

Wie soll das System Ihrer Ansicht nach aussehen?

Man hat mit Bremen ein gutes Beispiel vor Augen. Dort gibt es nur noch zwei Schulformen: das Gymnasium sowie Gesamtschulen, an denen man ebenfalls Abitur machen kann. Ein möglichst langes gemeinsames Lernen kann helfen, Bildungsungerechtigkeit abzubauen.

Sie sind auf drei Jahre gewählt. Ist das eine lange oder eine kurze Zeit, um etwas zu verändern?

Wenn man an Bildung etwas grundlegend verändern möchte, muss man die ganze Gesellschaft mitnehmen. Da kann man nicht in wenigen Jahren denken. Heute aber muss man darüber reden, wie die Ausbildung der Lehrkräfte morgen aussehen soll, man muss darüber reden, wie das Bildungssystem besser finanziert werden kann. Man kann viele Dinge aufs Gleis setzen. Da sind drei Jahre genug, um eine Menge anzureißen.

Interview: Peter Hanack

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