1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Gasknappheit: Hessen will 15 Prozent Energie sparen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Hanning Voigts

Kommentare

Ob zu Hause im Büro: Wer einen dicken Pullover anzieht, kann auf einen Teil der Heizungswärme verzichten und damit Energie sparen.
Ob zu Hause im Büro: Wer einen dicken Pullover anzieht, kann auf einen Teil der Heizungswärme verzichten und damit Energie sparen. © Getty Images/iStockphoto

Die hessische Landesregierung stellt ein „Sofortprogramm“ zum Energiesparen vor, das auch niedrigere Temperaturen in Büros umfasst. Der FDP gehen die Vorschläge nicht weit genug.

Heizungen und Klimaanlagen drosseln, die Hände nur noch kalt waschen und Büroräume bewusster lüften: Mit einem „Sofortprogramm“ will die hessische Landesregierung angesichts der gedrosselten Gaslieferungen aus Russland den Energieverbrauch in ihrem Bereich um bis zu 15 Prozent senken. „Wir sind der Überzeugung, dass jeder Beitrag, weniger Energie zu verbrauchen, ein richtiger Beitrag ist“, sagte Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) am Donnerstag in Wiesbaden. Das Land wolle beim Energiesparen mit gutem Beispiel vorangehen, um zu verhindern, „dass wir im Winter zu wenig Gas haben“.

Im Einzelnen sollen landeseigene Gebäude und Liegenschaften ab sofort nicht mehr unter 26 Grad Raumtemperatur gekühlt und im nächsten Winter nicht mehr über 20 Grad geheizt werden. Beschäftigte des Landes sollen in den Toiletten auf warmes Wasser verzichten und in ihren Büros auf kurzes Stoßlüften setzen, um Heizungswärme zu sparen. Durch ein Monitoring des Energieverbrauchs soll genau überprüft werden, ob die Vorkehrungen wirken. Alle diese Schritte gebe man den Landesbeschäftigten zwar per Kabinettsbeschluss vor, man wolle sie ihnen aber nicht „überstülpen“, sondern die Mitarbeiter:innen mitnehmen, betonte Rhein.

Hessen: „Energiesparen ist das Gebot der Stunde“

Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) sagte, Hessen fange beim Energiesparen zum Glück nicht bei null an, sondern verfolge seit 2008 das Ziel, bis 2045 klimaneutral zu arbeiten. Im Jahr 2020 habe man im Vergleich zu 2008 schon 60 Prozent weniger Kohlenstoffdioxid ausgestoßen. Dennoch müsse man angesichts der jetzigen Lage mehr tun. „Wir wollen noch mal kurzfristig mit einem Sofortprogramm wirklich eingreifen, weil Energiesparen das Gebot der Stunde ist“, erklärte Al-Wazir.

Für die Beschäftigten des Landes bedeute das, „dass man ein wenig auf Komfort verzichten muss“, führte der Grünen-Politiker aus. Trotzdem könne man im Winter auch bei 20 Grad Raumtemperatur „arbeiten, ohne zu frieren“.

Hessen: Verwaltungsgebäude sollen abends weniger beheizt werden

Es werde auch geprüft, ob man Verwaltungsgebäude abends weniger heizen könne, da dann nur noch wenige Menschen im Büro seien. Er gehe davon aus, dass es bei den Beschäftigten für die Maßnahmen breite Akzeptanz gebe, sagte Al-Wazir. Und er hoffe, dass die hessischen Kommunen ihre Bemühungen zu Einsparungen ebenfalls verstärkten.

Die Landesregierung rechnet damit, durch das Sofortprogramm auch Geld zu sparen: Im Jahr 2022 gebe Hessen etwa 15 Millionen Euro für Gas aus, im Jahr 2023 würden es wegen der steigenden Preise etwa 25 Millionen. Das Sofortprogramm könne diese Verteuerung um anderthalb bis zwei Millionen Euro senken. Insgesamt verbraucht das Land in seinen Liegenschaften nach Angaben der Staatskanzlei etwa 648 Gigawattstunden Energie fürs Heizen pro Jahr, das entspreche etwa dem Verbrauch von 30 000 Einfamilienhäusern. Knapp die Hälfte dieser Wärme werde durch umweltfreundliche Fernwärme erzeugt, die andere Hälfte durch Erdgas.

Hessen: Die FDP fordert die Regierung zu umfassenden Krisenplänen auf

Der FDP im Landtag gehen die Vorhaben der schwarz-grünen Landesregierung nicht weit genug. Die Bundesnetzagentur sehe in ihren Szenarien für den Winter bereits die Gefahr einer Gasknappheit und eine „Bedrohungslage“, sagte René Rock, der Fraktionschef der Freidemokraten, am Donnerstag in Wiesbaden.

In vielen Krisenszenarien setze die Bundesnetzagentur dabei noch voraus, dass der bevorstehende Winter eher mild ausfalle und der Energieverbrauch bundesweit sogar um 20 Prozent gesenkt werden könne, sagte Rock. Zudem sei schon jetzt absehbar, dass Unternehmen und Bürger:innen mit hohen Gaspreisen konfrontiert würden: „Die Preiskrise ist nicht mehr abwendbar.“

Hessen: Liberale wollen einen Krisenstab und Stresstests

All das veranlasst die FDP, mehr Vorbereitungen zu fordern. Es müsse ein Krisenstab eingesetzt werden, der sich mit Unternehmen, Sozialverbänden und der Bundesnetzagentur kurzschließe und regionale Stresstests für die Gasnetze vornehme, betonte Rock. Diesen Krisenstab müsse Ministerpräsident Rhein leiten. Wirtschaftsminister Al-Wazir hatte in der vergangenen Woche einen „Krisenstab Gas“ in seinem eigenen Haus angekündigt.

Hessen müsse aber auch dringend prüfen, wie regionale Energieversorger und die Wirtschaft im Fall einer Gasknappheit finanziell gestützt werden könnten und ob es technisch überhaupt möglich sei, das Gasnetz in bestimmten Bereichen gezielt abzuklemmen, forderte Rock. „Die Art der Krise, die im Raum steht, eine echte Versorgungskrise, erfordert besondere Maßnahmen.“

Hessen: FDP-Politiker fordert, die Schließung von Saunen und Schwimmbädern zu prüfen

Der FDP-Landtagsabgeordnete Stefan Naas sagte, es müsse darüber nachgedacht werden, Freizeiteinrichtungen wie Saunen und Schwimmbäder zu schließen und im Winter vermehrt auf Homeoffice zu setzen, um Gas zu sparen. Außerdem müsse überlegt werden, alte Holz- und Kaminöfen zu reaktivieren und über deren vermehrte Emissionen eine Zeit lang hinwegzusehen.

(Hanning Voigts)

Auch interessant

Kommentare