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Frankfurterin sagt: „Klimakrise ist eine große Chance für Europa“

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Von: Peter Hanack

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Eine runde Sache ist die EU noch lange nicht, auch wenn der Sitz des Europäischen Parlaments in Straßburg so wirkt. Viele Menschen aber sind überzeugt, dass Europa nur zusammen eine Zukunft hat.
Eine runde Sache ist die EU noch lange nicht, auch wenn der Sitz des Europäischen Parlaments in Straßburg so wirkt. Viele Menschen aber sind überzeugt, dass Europa nur zusammen eine Zukunft hat. © AFP

Die Frankfurterin Franziska Eifert arbeitet an der Zukunft der EU mit. Sie hat sich wie sieben andere Menschen aus Hessen an den Europäischen Bürgerforen beteiligt. Für ihr Engagement hat sie auch ganz private Gründe.

Frau Eifert, Sie haben an drei europäischen Bürgerforen teilgenommen. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Es war unglaublich spannend. Die Teilnehmer sind ja durch eine Zufallsauswahl zusammengekommen. Ich habe nicht erwartet, dass es tatsächlich zu einer Diskussion kommt, an der sich alle beteiligen, wenn 200 bunt zusammengewürfelte Menschen aus allen europäischen Ländern aufeinandertreffen.

Wer war dabei?

Da waren Arbeitslose, Studierende, Schüler, Manager, Handwerker, Haufrauen, Rentner. Das ganze Panoptikum der EU, würde ich sagen. 200 ganz normale Menschen mit 24 Muttersprachen.

Und haben Sie miteinander diskutiert?

Wir haben wechselweise im Plenum geredet und in kleineren Gruppen mit jeweils um die vier Nationalitäten. Bei mir waren es Deutsche und Menschen aus Zypern, Lettland und Italien. Die eine Teilnehmerin aus Zypern kam aus einem eher ländlichen Gebiet, war auch noch nie so weit außerhalb ihres Landes unterwegs und komplett geflasht, so viele europäische Mitbürger treffen zu können. Von den Deutschen war ich die Älteste, die anderen waren Studenten. Wir hatten also eher einen akademischen Hintergrund. Bei den Arbeitsgruppen, aber auch im Plenum hat man gemerkt, dass doch sehr unterschiedlich an die Diskussionen herangegangen wurde. Einige hatten nicht viel Erfahrung, politisch oder wissenschaftlich zu diskutieren, schneller auf den Punkt zu kommen und fokussiert auf eine Fragestellung zu antworten, andere hatten sich sogar schon in anderen politischen Veranstaltungen engagiert und waren routinierter. Ganz abgesehen von den kulturellen Unterschieden.

Hat das trotzdem funktioniert?

Anfangs gab es bei dem ein oder anderen Zögern und es war vielleicht befremdlich. Aber letztendlich war ja genau das die Absicht, zu erfahren, was der „einfache“ Bürger denkt. Es hat sich gezeigt, dass die heterogene Zusammensetzung der Beteiligten genau richtig war. Alle haben sich beteiligt, alle haben gesprochen und ihre persönlichen Erfahrungen und Ansichten einbringen können. Etwas gewöhnungsbedürftig war, dass es natürlich Übersetzungen gab, und weil die etwas zeitverzögert kamen, war die Mimik des Gegenübers immer erst einmal noch eine Zeitlang unbewegt. Nach anfänglicher Verunsicherung haben wir uns aber sehr schnell darauf eingestellt.

Über was haben Sie miteinander gesprochen?

In meinem Bürgerforum ging es um Gesundheit, Klima und Umwelt. In den Arbeitsgruppen dann entweder um Klima und Umwelt oder Gesundheit. Ich war bei Klima/Umwelt dabei. Wir Deutsche haben zum Beispiel mehr und bessere Radwege gefordert, die Kollegin aus Zypern konnte wiederum diese Diskussion nicht nachvollziehen. Sie wollte vielmehr, dass man darüber nachdenkt, wie man die viele Sonne besser nutzen könnte, die es bei ihr zu Hause gibt.

Europäische Bürgerforen

Insgesamt rund 800 repräsentativ, aber zufällig ausgewählte EU-Bürgerinnen und -Bürger nehmen an den insgesamt vier Bürgerforen der „Konferenz zur Zukunft Europas“ teil. Darunter sind in jedem der vier Foren auch 27 Deutsche. Acht der Teilnehmer:innen stammen aus Hessen.

Vor wenigen Wochen haben sie sich zum dritten Mal getroffen, und zwar je nach Themenfeld im irischen Dublin, italienischen Florenz, niederländischen Maastricht und in Polens Hauptstadt Warschau.

Die Europäischen Institutionen – der Rat, das Parlament und die Kommission – haben versprochen, den Empfehlungen dieser Bürgerforen bei der Planung der künftigen Politik Europas zu folgen.

Die Themenfelder , die dort behandelt wurden, sind „Demokratie in Europa, Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit“ , „Klimawandel und Umwelt sowie Gesundheit“ , „Migration“ sowie „soziale Gerechtigkeit und Beschäftigung, Bildung, Kultur, Jugend und Sport“ .

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen wurden zufällig ausgewählt, sollen aber repräsentativ für die gesamte europäische Bevölkerung sein. An jedem Forum nimmt mindestens eine Bürgerin und ein Bürger aus jedem der Mitgliedstaaten teil. Und ein Drittel jedes Forums besteht aus jungen Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren.

Die „Konferenz zur Zukunft Europas“ ist eine Initiative des Europäischen Parlaments, des Rats und der Kommission. Sie soll bis April dieses Jahres Leitlinien für die Politik der EU erarbeiten.

Die vier Bürgerforen sind ein wichtiger Teil der Konferenz. Aber auch alle anderen Bürgerinnen und Bürger der EU, die daran nicht teilnehmen können, sind aufgerufen, online ihre Meinung und Ideen zur Zukunft Europas auf der Internetseite https://futureu.europa .eu einzubringen. pgh

Was ist dabei Greifbares herauskommen?

Meine Arbeitsgruppe hat sich vornehmlich mit der Kreislaufwirtschaft beschäftigt. Veränderung des Komsumverhaltens: bewusster Konsum, eine längere Lebensdauer von Produkten wie Smartphones, Computer oder Waschmaschinen. Abschaffung des sogenannten geplanten Verschleißes, die Verlängerung der Gewährleistungsfrist, eine Steuervergünstigung für Reparaturdienstleistungen, wie es in Schweden bereits eingeführt ist. Bessere einheitliche Recyclingsysteme für alle Primärverpackungen. Arbeitsgruppenübergreifend war es eine generelle Forderung, dass überall in der EU ein Umdenken und eine Erziehung hin zu einer nachhaltigeren, klimabewussten Verhaltensweise bereits im Kindergarten und der Grundschule beginnen sollte. Nach drei sehr arbeitsintensiven Wochenenden haben wir uns insgesamt auf 52 Empfehlungen geeinigt.

Was passiert mit den Ergebnissen?

Es gibt 20 Botschafter aus unserem Kreis, die vor der Europäischen Kommission und weiteren Experten die Ergebnisse und Forderungen vorstellen. Die Bürgerforen waren sehr gut organisiert. Wir haben uns als Teilnehmer wohl gefühlt. Die einzelnen Arbeitsschritte zielten ganz klar auf Ergebnisse hin. In allen drei Bürgerforen hatten wir hochkarätige Experten zur Seite. Es gibt die Zusage, dass die Empfehlungen tatsächlich beachtet werden. Die Tatsache, dass unsere Botschafter nach jedem Forum in Straßburg unsere Arbeitsergebnisse vorstellten, ist ein ganz deutliches Signal.

Sie fühlen sich also ernst genommen?

Auf jeden Fall. Das Motto „The Future is in your Hands“ ist ein starkes Statement für die Demokratie. Es ist aber auch ein Aufruf, Verantwortung zu übernehmen. So wie Gandhi sagte, „Zukunft ist das, was wir heute tun“. Dies trifft vor allem auf die Klimakatastrophe und die Umweltverschmutzung zu. Dass ich ausgerechnet diesem Bürgerforum zugeteilt worden bin, war ein besonderer Glücksfall. Wenn ich dann von der EU solch eine Chance geboten bekomme, vielleicht ein bisschen zu der Gestaltung unserer Zukunft beitragen zu dürfen, habe ich keinen Moment gezögert, mitzumachen.

Was hat Sie noch motiviert, mitzumachen?

Es gibt da einen ganz persönlichen Grund: Mein Großvater, der generell ein politisch interessierter Bürger war, hat sich von Anfang an in seinem Ortsverband Hochtaunuskreis sehr aktiv für Europa eingesetzt. Politik und gerade der europäische Gedanke war bei uns zu Hause immer seit meiner Kindheit präsent. Ich kannte schon als Kind die europäische Flagge genauso wie die deutsche. Das Lesen der Memoiren meiner Großväter hat mir auch nochmals auf ganz persönliche Weise gezeigt, welche Schicksale die Menschen in Europa erlitten haben. Für mich grenzt es an ein Wunder, dass nach so kurzer Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei einigen Politkern ganz klar der Wille da war, sich zusammenzufinden und die Weltkriegsschrecken zu überwinden. Wie Jean Monnet, ein Architekt der EU, sagte: „Es gibt für Europa nur eine Zukunft, wenn es einig ist.“ Das gilt heute noch, mindestens so sehr wie damals.

Sehen Sie denn Europa da auf einem guten Weg oder fällt die Union eher auseinander?

So paradox es klingen mag: Ich glaube, die Umwelt- und Klimaproblematik ist eine große Chance für Europa. Sie betrifft uns alle, historische Feindseligkeiten sind da völlig irrelevant, das bietet eine Chance zum Zusammenwachsen, weil es unbedingt gemeinsame globale Lösungen braucht. Gerade bei der Klima-und Umweltpolitik gibt es nur ein „Wir“. Die Natur ist nicht der andere, wir sind die Natur. Was sicher oft ermüdet, ist, dass die Verhandlungen und Ergebnisse so ewig brauchen. Dies ist sicher auch ein maßgeblicher Grund, warum die Europäische Union immer wieder mit Skepsis und Kritik betrachtet wird. Gerade bei den jungen Menschen sind die großen Vorzüge, Annehmlichkeiten und Chancen des europäischen Gedankens sehr präsent, sie werden geschätzt und genutzt. Ich denke, Europa ist auf einem guten Weg. Für mich kann ich sagen, dass ich als deutsche Teilnehmerin zu der Konferenz gefahren und als Europäerin zurückgekommen bin.

Interview: Peter Hanack

Franziska Eifert (58) arbeitet als Assistenzkraft in der Pharmabranche. Zu Hause ist sie in Frankfurt.Als eine von acht Hessen und Hessinnen hat sie an den Europäischen Bürgerforen zur „Konferenz zur Zukunft Europas“ teilgenommen. 108 Menschen aus Deutschland haben sich an den Bürgerforen beteiligt. Aus den Ländern der Europäischen Union waren es insgesamt 800.
Franziska Eifert (58) arbeitet als Assistenzkraft in der Pharmabranche. Zu Hause ist sie in Frankfurt.Als eine von acht Hessen und Hessinnen hat sie an den Europäischen Bürgerforen zur „Konferenz zur Zukunft Europas“ teilgenommen. 108 Menschen aus Deutschland haben sich an den Bürgerforen beteiligt. Aus den Ländern der Europäischen Union waren es insgesamt 800. © Privat
Die Europäische Union ist essenziell für ein friedliches und vielfältiges Zusammenleben auf unserem Kontinent und bietet die Möglichkeit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Dazu müssen aber alle aktiv mitmachen und nicht nur die Vorteile ausnutzen.
Die Europäische Union ist essenziell für ein friedliches und vielfältiges Zusammenleben auf unserem Kontinent und bietet die Möglichkeit der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Dazu müssen aber alle aktiv mitmachen und nicht nur die Vorteile ausnutzen. © Privat
Ich finde Europa toll, weil es so vielfältig ist, kulturell wie auch menschlich. Aber trotzdem fühle ich mich den Menschen aus anderen europäischen Ländern nah.
Ich finde Europa toll, weil es so vielfältig ist, kulturell wie auch menschlich. Aber trotzdem fühle ich mich den Menschen aus anderen europäischen Ländern nah. © Privat
Die EU ist der lebendige Ausdruck unserer Werte wie offene Grenzen, Demokratie und Solidarität. Viele Menschen tragen in diesem Moment ihre Ideen für ein enkeltaugliches und zukunftssicheres Europa zusammen. Gemeinsam heben wir einen Schatz.
Die EU ist der lebendige Ausdruck unserer Werte wie offene Grenzen, Demokratie und Solidarität. Viele Menschen tragen in diesem Moment ihre Ideen für ein enkeltaugliches und zukunftssicheres Europa zusammen. Gemeinsam heben wir einen Schatz. © Privat
Für die Herausforderungen der Gegenwart und nächsten Zukunft brauchen wir so viele Verbündete wie möglich, die Zeiten nationalstaatlichen „Klein-Kleins“ sind vorbei, nötig ist größtmögliche und grenzenlose Solidarität!
Für die Herausforderungen der Gegenwart und nächsten Zukunft brauchen wir so viele Verbündete wie möglich, die Zeiten nationalstaatlichen „Klein-Kleins“ sind vorbei, nötig ist größtmögliche und grenzenlose Solidarität! © Privat

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