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Flughafen Frankfurt: Je lauter der Fluglärm, desto ärmer die Menschen

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Von: Jutta Rippegather

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Fluglärm in Rüsselsheim. Andreas Arnold
Fluglärm in Rüsselsheim. Andreas Arnold © Andreas Arnold

Wissenschafler haben erforscht, wie sich der soziale und wirtschaftliche Einfluss des Flughafens messen lässt. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Es sei eine Frage, die die Kommunalpolitik seit einem Vierteljahrhundert umtreibe, sagt Oliver Quilling, CDU-Landrat des Kreises Offenbach. Seit Donnerstag haben sie die Antwort. Sie ist ernüchternd: Der Einfluss des Flughafens auf die Sozialstruktur der angrenzenden Kommunen ist so gut wie nicht messbar. Dafür ist die Region zu unhomogen, und es gibt zu viele andere Einflussfaktoren und wichtige Branchen – etwa die Banken oder die Autoindustrie. Festzustellen ist lediglich, dass sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen besonders häufig unter dem Fluglärmteppich wohnen.

Regionale und großstädtische Einflüsse

So das Fazit des wissenschaftlichen Teams, das in einem aufwendigen Verfahren die Auswirkungen des Frankfurter Flughafens auf die Entwicklung seines Umlandes beobachtet hat. Sein Auftrag war zu prüfen, was ein Sozialmonitoring leisten könnte, wie es aufgebaut sein müsste. Ziel war nicht, zu konkreten Erkenntnissen zu kommen. Doch die gebe es als „Beifang“, wie es René Lehweß-Litzmann klarstellt, Senior Researcher am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen. Insgesamt, so das Fazit der Studienverantwortlichen, überlagern regionale und großstädtische Einflüsse etwaige Wirkungen des Flughafens auf die Sozialstruktur stark.

Alles hängt mit allem zusammen. Auf Nachfrage verrät der Wissenschaftler Details zum „Beifang“ der 1,8 Millionen teuren Studie im Auftrag des Umwelt- und Nachbarschaftshauses. Sie basiert auf den Daten von 112 Kommunen aus den Jahren 2013 bis 2016, eine Zeit des starken Zuzugs in den Ballungsraum, in der Wohnraum knapp wurde. Das relativiert die Aussage, dass erstaunlich viele Menschen in Viertel zogen, obwohl die Eröffnung der Nordwestlandebahn ihnen dort zusätzlichen Krach bescherte. Auch die Mieten sanken nicht.

Wirtschaftsfaktor

Eine weitere Erkenntnis: Die wirtschaftliche Abhängigkeit von der Branche Verkehr, Lagerei und dem Airport geht weit über die unmittelbare Flughafenumgebung hinaus. Selbst in Rheinland-Pfalz oder bei Fulda finden sich Firmen, die damit ihr Geld verdienen. Und: Nicht alle unmittelbaren Anrainerkommunen hängen am Tropf des Airports: In Kelsterbach ist es die Hälfte der Erwerbstätigen, im ebenfalls stark verlärmten Rüsselsheim verdienen lediglich zehn Prozent ihr Geld direkt am und indirekt mit dem Flughafen. „Der Frankfurter Flughafen ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Rhein-Main-Region“, sagt Marc-Ingo Wolter von der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung in Osnabrück (GWS). „Allerdings wirkt er sehr unterschiedlich.“ In manchen Gemeinden arbeiteten mehr als 60 Prozent der Beschäftigten in „flughafenverbundenen Branchen und Berufen“, in anderen gerade einmal fünf Prozent.

Die Studie

Im Dezember 2016 beauftragte das Umwelt- und Nachbarschaftshaus die Studie „Exploration zum Sozialmonitoring Flughafen Frankfurt und Region“, um den Einfluss des Frankfurter Flughafens auf die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der Rhein-Main-Region zu untersuchen. 112 Kommunen sind berücksichtigt.

Verschiedene Methoden wurden genutzt – von der Analyse statistischer Daten über Befragungen bis zu komplexen Modellrechnungen und Korrelationsanalysen. Berücksichtigt wurden Daten zu Flughafeneinflüssen, Siedlungsstrukturen, Bevölkerung, Wohnen, Beschäftigung, Einkommen, Bildung, politische Teilhabe, kommunale Finanzen.

Hintergrund ist eine Forderung aus dem Mediationsverfahren (1989 bis 2000) zum Ausbau des Frankfurter Flughafens. Es wurde ein Sozialmonitoring gefordert, um frühzeitig zu erkennen, wie der Flughafen die Sozial- und Wirtschaftsstruktur der Region verändert. 2008 gab es eine Pilotstudie für sechs flughafennahe Kommunen. jur

www.sozialmonitoring.de

Noch eine letzte Kostprobe aus dem Beifang des Soziologen Lehweß-Litzmann: Wo viel Fluglärm herrscht, ist die Arbeitslosigkeit und der Ausländeranteil hoch, die Beteiligung an der Kommunalwahl niedrig. Eine mögliche Erklärung für das mangelnde politische Interesse: Wer Krach gewohnt ist, stört sich nicht an mehr, meint Quilling. Im Gegensatz zu den Leuten vom Frankfurter Lerchesberg, die nach Eröffnung der Landebahn sich plötzlich in Flughafenausbaugegner wandelten.

Der Offenbacher Landrat und CDU-Politiker ist Vorstandsmitglied des Forums Flughafen und Region (FFR), dessen Geschäftsstelle das vom Land finanzierte Umwelt- und Nachbarschaftshaus ist. Die Studie, sagt Quilling, zeige, dass der Flughafen keinesfalls nur Jobs im Niedriglohnsektor biete. „Er ist nicht verantwortlich für bestimmte soziale Entwicklungen, das ist ein klares Ergebnis.“ Und dass ein Zusammenhang mit dem Flughafen nicht messbar sei. „Das ist keine dauerhafte Aufgabe des FFR.“ Er würde begrüßen, wenn das Land sich des Themas annähme. „Veränderte Sozialstrukturen sind hoch politisch.“

Zufrieden nimmt Flughafenbetreiberin Fraport die Ergebnisse zur Kenntnis. „Sie bestätigen die besondere Bedeutung des Flughafens für die wirtschaftliche Stärke der Region“, sagt Fraport-Vorstand Pierre Dominique Prümm, Mitglied im FFR. Deutlich werde, dass viele Faktoren außerhalb des Einflussbereichs des Flughafens das Leben in der Region bestimmten; etwa Migration, genereller Mangel an bezahlbarem Wohnraum oder auch die historische Entwicklung der Kommunen. „Die Exploration weist eine einmalige Bestandsaufnahme aus der Zeit vor der Pandemie aus“, so Prümm. „Erstmals wurde sehr umfassend die Bedeutung des Flughafens für die Region wissenschaftlich analysiert.“

Die Politik täte gut daran, den Wirtschaftsfaktor Flughafen nicht zu vernachlässigen, lautet die Mahnung von Klaus Rohletter, Vorsitzender des Verkehrsausschusses der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU). Adressat dürfte der grüne Teil der Landesregierung sein. „Die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich der Flughafen und die Luftverkehrsbranche entwickeln können, dürfen sich nicht verschlechtern. Ansonsten wird die gesamte Wirtschaftsregion geschwächt.“

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