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Experte sagt: „Das Schreiben mit der Hand befördert das Denken“

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Von: Peter Hanack

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Es zählt der gute Wille.
Postkarten: ein guter Anlass, mal wieder mit der Hand zu schreiben © lianem/Imago

Raoul Kroehl erklärt am heutigen Tag der Handschrift, wozu Füller und Kugelschreiber weiterhin gebraucht werden. Trotz oder gerade wegen der Digitalisierung in den Schulen.

Heute ist Tag der Handschrift. Eine schöne, aber kaum noch benötigte Kulturtechnik? Wir haben nachgefragt bei jemandem, der es wissen muss: Raoul Kroehl. Er ist Geschäftsführer der Stiftung Handschrift.

Herr Kroehl, Handschrift, mit der Hand schreiben – das klingt doch nicht nur in jungen Ohren ein klein wenig altmodisch, oder?

(lacht) Keineswegs ist das altmodisch. Bei aller Digitalisierung des Lernens und des Alltags ist das mit der Hand schreiben immer noch das wichtigste Medium zur Wissensvermittlung und Wissensspeicherung.

Warum eigentlich? Man kann doch nahezu immer und überall Nachrichten wunderbar tippen oder einfach eine Sprachnachricht senden oder sogar direkt in Schriftsprache übersetzen lassen. Da muss man sich nicht mit dem Stifthalten abmühen.

Wir sehen das Stifthalten und ihn zu benutzen als Vorbereitung auf die digitale Welt. Es geht um das Denken lernen, das Schreiben mit der Hand befördert das strukturierte Denken, leitet an zum Verdichten und Organisieren von Informationen, wie das in digitalen Medien so nicht abgebildet wird. Das eigene Erarbeiten von Wissen mit dem Stift in der Hand erscheint uns wesentlich und bislang unverzichtbar. Schreiben ist sicher ein Kulturgut, aber für uns steht dabei der Bildungsauftrag im Vordergrund.

Es geht also darum, dass das zu Lernende durch die Bewegung der Hand ins Gehirn einsickert?

Es gibt da faszinierende Studien, die diesen Effekt ganz klar belegen, das kann man sogar an den Gehirnströmen ablesen. So sind beim Handschreiben viel mehr Synapsen aktiviert und es werden auch genau jene Bereiche im Hirn angesprochen, die für Hören und Sehen zuständig sind. Das ist mit Sicherheit ein sehr vorteilhaftes kognitives Training.

Wie steht es denn um die Handschrift?

Die Leserlichkeit ist ein großes Problem und auch das flüssige Schreiben klappt insgesamt eher schlecht als recht. Was bei weitem nicht nur eine stilistische Frage ist. Es geht im Kern darum, dass der Zugang zur Sprache nicht wirklich gelingt, wenn es am Schreiben hapert. Und das hat Folgen für den weiteren Bildungsweg und Beruf und überhaupt die gesamte Sozialisation.

Zur Person

Raoul Kroehl (57) ist Geschäftsführer der 2009 gegründeten Stiftung Handschrift mit Sitz in Wiesbaden.

Die Step-Studie , die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) 2019 gemeinsam mit dem Schreibmotorik Institut durchgeführt hat, zeigt, dass 51 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen in der Schule Probleme mit der Handschrift haben. Zwei Drittel der Schüler:innen können demnach in der Sekundarstufe I können nicht beschwerdefrei mit der Hand schreiben, und nur die Hälfte der Schüler:innen schreibt mit flüssiger Handschrift.

Die Stiftung Handschrift bietet Schreibwerkstätten und richtet unter anderem einen Schreibwettbewerb für Schüler:innen aus. Weitere Informationen unter stiftunghandschrift.de pgh

Woher kommt das? Wird in der Schule zu wenig geübt?

Man soll zwar in der Schule das Schreiben lernen, aber es gehört auch das Üben dazu. Und das muss eben auch zu Hause, in den Familien geschehen, woran es aber doch häufig mangelt.

Weil da oft die digitalen Medien im Vordergrund stehen und ja auch immer weniger vorgelesen wird, wie jüngste Erhebungen ergeben haben. Aber was soll man tun?

Zunächst einmal ein ganz dickes Ja sagen zur Frage, ob wir denn Handschrift noch brauchen. Und wir müssen Schreibanlässe schaffen und nutzen.

Was könnte das sein?

Zum Beispiel unser großer hessenweiter Schülerschreib-Wettbewerb. Da sind alle eingeladen, egal wie die Handschrift aktuell aussieht, weil es toll ist, sich überhaupt der Aufgabe gestellt zu haben. Da bekommen wir fast 10 000 handgeschriebene Briefe von Kindern und Jugendlichen. Wir müssen auch fragen, wann denn zum letzten Mal zu Hause geschrieben wurde, vielleicht eine Postkarte aus dem Urlaub an die Großeltern, eine Karte zu Ostern oder Weihnachten und vielleicht auch mal ein richtiger Brief an jemanden, dem man etwas zu sagen hat.

Interview: Peter Hanack

Raoul Kroehl.
Raoul Kroehl. © Privat

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