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Evangelische Jugendliche kicken zum Gedenken an 15 000 Verstorbene in Katar

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Von: Peter Hanack

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Es kommt nicht auf den Ball an, sondern was man damit tut. Etwa an tote Arbeiter erinnern.
Es kommt nicht auf den Ball an, sondern was man damit tut. Etwa an tote Arbeiter erinnern. © Privat

Jugendliche kicken sich Bälle zu und erinnern damit an die verstorbenen Arbeiter in Katar. Die Aktion läuft in Schulen, auf Bolzplätzen und auf Instagram

So umstritten war noch keine Fußball-Weltmeisterschaft wie die in Katar. Auch Menschen, die sich eigentlich für Fußball begeistern können, wollen jenseits des Sportlichen ein Zeichen des Protests oder der Nachdenklichkeit setzen. Das tut auch die Jugend der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau mit einer ganz besonderen Aktion. Wir haben Emil Huck, den Jugendreferenten des Dekanats Westerwald, gefragt, um was es dabei geht.

Herr Huck, Sie haben anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft in Katar eine Mitmachaktion gestartet. Worum geht es dabei?

Wir spielen uns gegenseitig stille Pässe zu.

Stille Pässe?

Ja. Jeweils zwei Personen kicken sich einen Ball hin und her. Aber nicht einfach so. Sondern sie tun das, ohne zu reden, eher andächtig, daher die stillen Pässe. Das kann man auf dem Schulhof machen, in der Turnhalle oder dem Bolzplatz, wo halt Platz ist und sich junge Leute treffen können.

Wozu ist das gut?

Entstanden ist das Ganze bei einem Lehrgang für 14- bis 17-Jährige, die als Jugendleiter im Einsatz für die evangelische Jugend in Hessen und Nassau sein wollen. Wir haben dort eifrig über Für und Wider WM-Gucken diskutiert, dabei ist auch die Idee für die stillen Pässe entstanden. Seit der WM-Vergabe 2010 an Katar sollen bis zu 15 000 Arbeiter ums Leben gekommen sein, und wir wollen mit dieser Aktion an diese Menschen erinnern. Ihr Leid soll nicht in Vergessenheit geraten.

Wie erreichen Sie das?

Die Aufgabe für die Mitspielenden besteht darin, gemeinsam 15 000 stille Pässe zu spielen, also für jeden Gestorbenen einen Pass. Bei der ersten Aktion während des Lehrgangs waren wir 50 junge Leute, also 25 Zweierteams, und es hat 15 Minuten gedauert, bis die 15 000 Pässe zusammen waren.

Zur Person

Emil Huck (31) ist seit Anfang 2021 Jugendreferent der evangelischen Kirche im Dekanat Westerwald. Der Religions- und Gemeindepädagoge ist verheiratet und hat zwei Söhne (2 und 3), die auch schon gerne kicken.

15 000 Pässe für Katar ist eine Aktion von jungen Leuten aus der evangelischen Jugend in Hessen und Nassau.

Hashtag #15KPässe pgh

Also ganz schön lange. Kleinere Gruppen brauchen vielleicht eine Stunde.

Ja. Das zeigt auch, wie viele Menschen das sind, 15 000, die für eine sehr fragwürdige Weltmeisterschaft ihr Leben gelassen haben. Das wollen wir nicht einfach so hinnehmen.

Wie machen Sie Ihre Aktion publik?

Wir haben durch starke Unterstützung von unserem EKHN-Vorstand den Auftakt gefilmt, die Videos geschnitten und auf Instagram mit dem Hashtag #15KPässe hochgeladen. Dort haben es innerhalb von einer Woche auf @ejhn_de schon 10 000 verschiedene Accounts gesehen. Es geht ja auch darum, andere zum Mitmachen zu motivieren. Gerade auch jetzt während der WM, dass man sich die Zeit nimmt und mit seinen Freunden, seiner Gruppe an die Verstorbenen denkt. Die ersten Gruppen haben sich schon beteiligt, und es folgen sicher noch viele mehr. Vielleicht gibt es dann ja auch im persönlichen Umfeld Gespräche, um das Bewusstsein für das Unrecht zu schärfen.

Am heutigen Mittwoch steigt die deutsche Mannschaft in das Turnier ein.

Ja. Aus diesem Anlass gibt es heute auch eine Aktion am evangelischen Gymnasium in Bad Marienberg. Dort werden auf dem Schulhof um 14 Uhr die stillen Pässe gespielt. Also parallel zum Spiel bei der Weltmeisterschaft.

Das erste Spiel der deutschen Mannschaft werden Sie also verpassen. Gilt das auch für die folgenden? Und was, wenn die deutsche Mannschaft das Finale erreicht?

Da schlagen schon zwei Herzen in meiner Brust. Die Leidenschaft für den Fußball auf der einen Seite, ich habe selbst viele Jahre begeistert gespielt. Auf der anderen Seite dieses Unverständnis und der Unmut über diese WM, das kann ich nicht ausblenden. Gerade war Totensonntag, gleichzeitig beginnt die WM. Wenn ich das vor Augen habe, wird mir einfach übel.

Interview: Peter Hanack

Siehe „Darf man sich über Tore noch freuen?“

Emil Huck hat selbst viele Jahre Fußball gespielt. Ob er jetzt bei der WM zusehen möchte, weiß er noch nicht so recht.
Emil Huck hat selbst viele Jahre Fußball gespielt. Ob er jetzt bei der WM zusehen möchte, weiß er noch nicht so recht. © Privat

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