Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Rassismus

Erinnern an die Morde von Hanau bleibt wichtig

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
    schließen

Angehörige der Ermordeten und ihre Betreuer beklagen hohe bürokratische Hürden für Hilfen. Und sie fordern mehr Einsatz gegen Rassismus in Hessen und ganz Deutschland.

Fast ein Jahr ist es her, dass Tobias R. am 19. Februar in seiner Heimatstadt Hanau neun Menschen, seine Mutter und sich selbst erschoss. Was hat sich seitdem verändert? Die Bildungsstätte Anne Frank hatte zu dieser Frage für Mittwochabend zu einer Online-Gesprächsrunde geladen. Deutlich wurde: Die Angehörigen der Opfer leiden heute noch mindestens genauso unter den rassistischen Morden wie kurz nach der Tat.

„Uns allen geht es nach diesem einen Jahr wesentlich schlechter“, sagt Cetin Gültekin. Er hat bei dem Anschlag seinen Bruder verloren. Gökhan, sagt er, sei die Säule der Familie gewesen. Der Vater sei 38 Tage nach der Tat gestorben, weil er mit dem Tod des Sohnes nicht fertig geworden sei. Keine Nacht schlafe er länger als vier Stunden durch, erzählt der heute 46-Jährige. Lange habe die Familie nach einer neuen Wohnung suchen müssen, weil vom Balkon der alten Wohnung der Blick direkt zu jenem Ort ging, an dem Gökhan erschossen wurde. „Das“, sagt Gültekin, „hätte unsere Mutter nicht überlebt.“ Die Miete sei nun doppelt so hoch wie zuvor. Und fünf Monate habe es gebraucht, bis die Mutter ihre Witwenrente bekam, nachdem der Vater gestorben war.

Wie auch andere Angehörige der Opfer fordert Cetin Gültekin nachdrücklich Gerechtigkeit.. „Wir brauchen“, sagt er, „psychosoziale und finanzielle Hilfe.“ Wenn er beklagt, dass zu wenig gegen Rassismus getan werde, der Täter Tobias R. trotz seiner psychischen Auffälligkeiten und rassistischen Äußerungen einen Waffenschein und mehrere Waffen besitzen konnte, dann klingt Verbitterung durch.

„Das größte Thema für die Familien ist immer noch die finanzielle Situation“, erklärte Liisa Pärsinnen, Leiterin der Beratungsstelle Response. Die Sozialpädagogin betreut die Betroffenen in Hanau, von denen viele „am Existenzabgrund“ stünden, wie sie berichtet. Für die vielfach traumatisierten Menschen sei es schwierig, die „hohen bürokratischen Hürden“ zu überwinden, um beispielsweise Entschädigungsleistungen zu erhalten.

Journalist Christian Bangel sieht in der Tat von Hanau den Rechtsextremismus und den „Rassismus der Mitte“ zusammenkommen. Dennoch sei er „vorsichtig hoffnungsvoll“, dass es in Politik und Gesellschaft eine langsam wachsende Bereitschaft gebe, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Worte habe es viele gegeben, doch kaum Taten, beklagte Newroz Duman von der Initiative 19. Februar Hanau. „Wenn wir nicht laut sind, dann passiert nichts“, sagte sie. Es gebe in Deutschland die Tradition, schnell zur Normalität zurückkehren zu wollen.

Dass Hanau noch immer präsent sei, liege vor allem daran, dass die Betroffenen sich organisiert hätten und noch immer sichtbar seien. Doch leider gebe es auch die Normalität, dass Rassismus herrsche. „Wir aber wollen, dass Politik ihre Verantwortung wahrnimmt, dass Vielfalt akzeptiert wird“, so Duman. Und fügt an: „Wir haben uns da auf einen sehr langen Weg gemacht.“

Es sei wichtig, immer wieder an die Morde von Hanau zu erinnern, betont Jan Gerchow, Direktor des Historischen Museums Frankfurt. Sonst drohe, was über lange Zeit mit den Morden des so genannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) geschehen sei: Sie würden in ihrer Bedeutung heruntergespielt und vergessen. Deutschland fange schließlich gerade erst an, sich mit alltäglichem Rassismus auseinander zu setzen. Zur Auseinandersetzung lädt auch die aktuelle Sonderausstellung ein.

Die Ausstellung „Ich sehe was, was Du nicht siehst. Rassismus, Widerstand und Empowerment“ ist bis 28. März im Historischen Museum Frankfurt zu sehen. Weil das Haus wegen der Corona-Pandemie derzeit geschlossen ist, soll es von nächster Woche an einen dreidimensionalen virtuellen Rundgang durch die Ausstellung geben, zu finden unter historisches-museum-frankfurt.de.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare