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Documenta: „Wir müssen aus dieser Krise lernen“

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Von: Jutta Rippegather, Hanning Voigts

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Stark gefordert: Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn.
Stark gefordert: Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn. © Michael Schick

Im FR-Interview spricht Hessens Kunstministerin Angela Dorn über nötige Reformen nach dem Antisemitismusskandal auf der Documenta und den Streit mit den Betreibern der privatisierten Uniklinik Gießen-Marburg.

Angela Dorn hat derzeit alle Hände voll zu tun. Obwohl die politische Sommerpause vor der Tür steht, muss die grüne Ministerin für Wissenschaft und Kunst gleich zwei Großbaustellen in den Griff bekommen: den Antisemitismusskandal auf der Documenta in Kassel und den Streit mit den Eigentümer:innen der privatisierten Unikliniken Gießen-Marburg (UKGM). Kein leichter Job für die 40-Jährige, die die Frankfurter Rundschau in einem Übergangsbüro empfängt. Im Ministerium wird renoviert.

Frau Dorn, lassen Sie uns über die Documenta sprechen. Was hat Ihnen bei Ihren Besuchen vor Ort am besten gefallen?

Ich würde sagen, das Gemälde „RomaMoMa“, das gemalt worden ist für ein Kinderheim für Sinti und Roma, das den Kindern die Geschichte und Mythologie näherbringt. Das ist auf jeden Fall ein Werk, das mich fasziniert und berührt hat, weil es zeigt, wie wichtig es ist, die eigenen Geschichten, die eigene Identität zu spüren.

Um diese Werke geht es in der Debatte aktuell kaum, sondern um den Antisemitismusskandal. Manche sehen die Documenta sogar in ihrer Existenz bedroht. Wie sehen Sie das?

Es ist eine Grenzüberschreitung passiert, die nie hätte passieren dürfen. Auf der Documenta Fifteen war eindeutig antisemitische Bildsprache zu sehen. Wir müssen alles dafür tun, damit der Documenta kein bleibender Schaden entsteht. Aus meiner Sicht liegt die Verantwortung bei der Documenta, jetzt aufzuklären. Und ich bin dankbar, dass beide Gesellschafter, Stadt Kassel und Land Hessen, das gemeinsam vorantreiben. Ich arbeite Tag und Nacht daran, das geplante Gremium für fachwissenschaftliche Begleitung zusammenzubekommen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass wir aus dieser Krise lernen müssen. Es geht jetzt darum, zu schauen, ob es noch woanders antisemitische Bildsprache gibt, aber es geht auch weit darüber hinaus.

Zur Person

Angela Dorn (40) ist seit Januar 2019 hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst. Die Grünen-Politikerin, bereits seit 2009 Abgeordnete des hessischen Landtags, ist damit für die Hochschullandschaft des Landes, Theater, Museen, Denkmalschutz und Bibliotheken, aber auch für die Unikliniken zuständig.

Die Ministerin lebt in Marburg, ist verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Generaldirektorin Sabine Schormann hat in der vergangenen Woche ihr Amt niedergelegt. Was sind die nächsten Schritte?

Der nächste Schritt ist, dieses Beratergremium für die beiden Gesellschafter zu installieren. Das Ziel dieser fachwissenschaftlichen Begleitung ist es, eine Bestandaufnahme der Strukturen, Abläufe und Rezeptionen zu machen und zu entscheiden, welche vertiefende Analysen wir für die Aufarbeitung brauchen, aber auch weitere Werke auf mögliche antisemitische Bildsprache oder Sprache hin zu analysieren. In dem Gremium sollen Fachleute für Antisemitismusforschung, Kunst und Postkolonialismus vertreten sein. Die kuratorische Verantwortung bleibt bei Ruangrupa.

Mittelfristig, das haben Sie schon gesagt, braucht die Documenta Strukturreformen, um klare Verantwortlichkeiten zu schaffen. Wie stellen Sie sich das vor?

Wir wollen intern klären, ob die Gremien und Strukturen der Documenta für eine Weltkunstausstellung richtig aufgestellt sind. Dieser Prozess soll ergebnisoffen sein, darüber sind sich die Gesellschafter einig. Dafür brauchen wir die Zeit nach dem Ende der aktuellen Documenta, aber wir brauchen natürlich auch ein Ergebnis. Wir sind dankbar, dass wir Alexander Farenholtz als Interims-Geschäftsführer gewinnen konnten, um die Documenta jetzt zunächst weiterzuführen.

War es ein Fehler, mit Ruangrupa einem Kollektiv die kuratorische Verantwortung für die Ausstellung zu übertragen?

Ich finde, dass wir uns als Aufsichtsrat selbstkritisch fragen müssen, ob rechtzeitig gesehen wurde, welche Herausforderungen die Übertragung der kuratorischen Verantwortung auf ein Kollektiv mit sich bringt und ob die Strukturen der Documenta dafür ausgereicht haben. Wir haben im Aufsichtsrat zuletzt sehr gut miteinander diskutiert, weil alle wissen, wie viel auf dem Spiel steht.

Bekommen die Besucher:innen auf der laufenden Documenta von diesen ganzen Strukturdebatten etwas mit?

Die Analyse der Bilder durch das Expertengremium soll noch während der laufenden Ausstellung geschehen. Am Ende werden Empfehlungen stehen, die über uns Gesellschafter auch an die Kuratoren von Ruangrupa gehen. Es wird sicher noch Diskussionen über das eine oder andere Werk geben, die gibt es ja zum Teil auch schon. Aber es wird entgegen mancher Befürchtungen kein Gremium geben, das durch die Documenta geht und dieses oder jenes Werk entfernt.

Stark gefordert: Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn. Foto: Michael Schick
Kunst- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn hat zwei große Problemfelder zu beackern. © Michael Schick

Wo sind in der ganzen Entwicklung dieser Documenta die zentralen Fehler gemacht worden?

Aus meiner Sicht gibt es verschiedene Fehlerebenen. Eine wesentliche Frage ist: Wie konnte es dazu kommen, dass das Bild „People’s Justice“ von Taring Padi aufgehängt wurde? Ich habe im Vorfeld für eine Sensibilisierung zum Thema Antisemitismus gekämpft, und sie wäre aus meiner Sicht auch sinnvoll gewesen. Und auch danach gab es weitere problematische Ereignisse, wie die Erklärung des Kollektivs, die Verdeckung des Bildes sei ein Mahnmal der Trauer über die Unmöglichkeit des Dialogs. Das hat die Schuld bei den Interpreten des Bildes abgeladen. Das war aus meiner Sicht eine zweite Grenzüberschreitung.

Belegt die Documenta aus Ihrer Sicht nur Naivität im Kunstbetrieb in Bezug auf Antisemitismus oder ein Problem mit israelbezogenem Antisemitismus?

Auch hier erhoffe ich mir eine tiefere Analyse durch das Fachgremium. Es gibt aus meiner persönlichen Sicht mehr Werke als dieses eine von Taring Padi, die israelbezogenen Antisemitismus befördern. Es wird vermutlich auch Werke geben, zu denen es am Ende keine einheitliche Einschätzung geben wird. Das ist aber auch okay, solange die verschiedenen Sichtweisen transparent gemacht werden.

Lassen Sie uns zum UKGM kommen. Dort stehen Beschäftigte wieder vor den Kliniken in Marburg und Gießen und sorgen sich um ihre Jobs. Wissen Sie, wie es am UKGM weitergeht?

Ich habe in den letzten Wochen viele Gespräche mit den Beschäftigten geführt, etwa am Rande des Warnstreiks, außerdem mit dem Betriebsrat und Gewerkschaften. Es gibt eine erhebliche Verunsicherung, einige Begegnungen haben mich hier auch sehr berührt. Der Arbeitgeber Rhön weiß aber auch genau, dass ein Fachkräftemangel herrscht und Ausgliederungen oder betriebsbedingte Kündigungen erhebliche negative Folgen hätten. Er sollte ein ureigenes Interesse haben, als attraktiver Arbeitgeber zu wirken.

Warum lässt Rhön seine Beschäftigten so im Unklaren?

Vieles, was ich in den letzten Wochen erlebt habe, finde ich verantwortungslos. Es gab keine Notwendigkeit, die Gespräche in eine so unsichere Phase zu bringen. Wir hatten angeboten, die Kündigungsfrist für das alte Zukunftspapier zu verlängern, um Zeit für Verhandlungen zu gewinnen. Es gab sogar das Angebot, um zwei Jahre zu verlängern und die Investitionsverpflichtungen von Rhön zu verschieben, falls es aus Sicht von Rhön und Asklepios keine Einigkeit mehr zum Letter of Intent geben und es um neue Verhandlungen gehen sollte. Insofern bedauere ich sehr, dass wir zum jetzigen Zeitpunkt in einer so schwierigen Lage sind.

Mathias Wagner, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, spricht von Erpressung. Sie auch?

Ich bin Verhandlungspartnerin und versuche mich mit solchen Äußerungen zurückzuhalten. Ich verstehe gut, dass das aktuelle Verhalten von Rhön und Asklepios im Parlament und bei den Beschäftigten auf keinerlei Verständnis stößt. Mein Verhältnis zu den Verantwortlichen ist angesichts des erneuten Vertrauensbruchs auch unterkühlter als beim Abschluss des Letter of Intents, aber gleichzeitig bin ich bereit, weiter auf dessen Grundlage zu verhandeln. Für den haben wir monatelang mit großem Kraftaufwand miteinander gerungen, er ist ein fairer Kompromiss und sieht fast eine halbe Milliarde Euro an ergänzenden Steuermitteln für das UKGM in den kommenden zehn Jahren vor.

Im Moment reden Sie gar nicht miteinander?

Ich war auf der Gesellschafterversammlung, da haben wir sehr intensiv miteinander gesprochen, und es gab danach ein Telefonat, um zu eruieren, wie man wieder an den Verhandlungstisch kommen könnte. Aus meiner Sicht wäre eine Einigung kurzfristig weiter möglich.

Ist es nicht eine Zumutung für die Bürger:innen, wenn ein Land eine Uniklinik verkauft und am Ende will der Käufer, anstatt zu investieren, weiteres Steuergeld? Da hätten wir das UKGM doch gleich behalten können!

Die Privatisierung war ein Fehler aus meiner Sicht; meine Einblicke in den letzten Jahren haben meine Haltung nicht verändert. Aber wir haben nun mal kein Rückkaufsrecht in den Verträgen von damals. Und jetzt ist meine Verantwortung, unter den gegebenen Umständen eine Einigung zum Wohle der Patientinnen und Patienten, der Wissenschaft und der Region hinzubekommen. Dafür ist im Letter of Intent eine gute Grundlage gelegt.

Machen Sie eine Sommerpause, oder stehen Sie jederzeit zu Verhandlungen bereit?

Im Prinzip sind wir jederzeit gesprächsbereit, wir warten nun aber auch schon seit Anfang Juni auf weitere Gespräche. Wenn nach diesem Interview das Telefon klingelt und ich um einen Termin für Anfang der Sommerferien gebeten werde, sage ich sofort zu. Erholung brauche aber auch ich in der Sommerpause.

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