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Documenta: Ein Skandal mit langer Vorgeschichte

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Von: Hanning Voigts

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Eine Besucherin macht ein Foto von einer Arbeit der Gruppe „Taring Padi“. Foto: AFP
Eine Besucherin macht ein Foto von einer Arbeit der Gruppe „Taring Padi“. Foto: AFP © AFP

Der Antisemitismusstreit um die Documenta begann schon lange vor der Ausstellung. Der Skandal hat auch strukturelle Probleme der Weltkunstausstellung offengelegt.

Der Rücktritt war am Ende nicht mehr zu verhindern. Am vorigen Wochenende wurde verkündet, dass Sabine Schormann, die Generaldirektorin der Documenta, ihren Job aufgibt. Mit Schormanns Rückzug und der Einsetzung des neuen Interimsgeschäftsführes Alexander Farenholtz gab es das erste Mal personelle Konsequenzen für einen seit Monaten schwelenden Konflikt.

Schon seit Anfang des Jahres hatten Kritiker:innen, darunter der Zentralrat der Juden in Deutschland, auf die Gefahr hingewiesen, dass auf der Documenta Fifteen in Kassel antisemitische Positionen gezeigt werden könnten. Begründet wurde dies vor allem damit, dass einige an der vom indonesischen Kollektiv „Ruangrupa“ kuratierten Ausstellung beteiligte Künstler:innen der Israel-Boykott-Bewegung BDS (Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen) nahestehen. BDS besteht seit 2005 und zielt auf eine politische, kulturelle und ökonomische Isolierung Israels ab.

Documenta: Auf die Kritik im Vorfeld wurde kaum eingegangen

Aus den Reihen der weltweiten Kampagne kommt es immer wieder zu antisemitischen Vorfällen, Teile von BDS fordern mehr oder weniger unverhohlen die Zerschlagung des israelischen Staates.

Die Documenta ging auf die Vorwürfe kaum ein, dafür aber die Kritiker:innen teils hart an. Eine im Vorfeld geplante Diskussionsreihe zu Antisemitismus und postkolonialer Kritik wurde sogar kurzfristig wieder abgesagt. Der Skandal war perfekt, als zu Beginn der Ausstellung an prominenter Stelle das großflächige Agitprop-Plakat „People’s Justice“ der indonesischen Gruppe „Taring Padi“ aufgehängt wurde. Das Werk, das unter anderem die Massenmorde an vermeintlichen Kommunist:innen unter dem indonesischen Diktator Suharto kritisieren soll, enthält an mehreren Stellen eine offen antisemitische Bildsprache, die an judenfeindliche Hetzbilder aus dem 19. und 20. Jahrhundert erinnert.

Documenta: Fratzen mit Schläfenlocken und Reißzähnen

An einer Stelle ist eine durch Kippa und Schläfenlocken als jüdisch charakterisierte, diabolische Figur mit Reißzähnen und blutunterlaufenen Augen zu sehen, auf ihrem Hut prangt eine SS-Rune. Auch weitere Werke wurden teils scharf kritisiert, etwa „Guernica Gaza“, das die Zerstörung der baskischen Stadt Gernika durch die deutsche Luftwaffe 1937 zur israelischen Siedlungspolitik in Beziehung setzt.

Das anschließende Versagen der Krisenkommunikation wurde durch die komplexe Struktur der Documenta begünstigt. Die Ausstellung wird alle fünf Jahre von der gemeinnützigen „documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH“ organisiert, deren Gesellschafter die Stadt Kassel und das Land Hessen sind und die zusätzlich vom Bund finanziert wird. Im Aufsichtsrat sitzen Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) und Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD). Die kuratorische Verantwortung liegt allein bei den jeweiligen Kurator:innen, in diesem Jahr bei „Ruangrupa“.

(Hanning Voigts)

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