Gastbeitrag

Die Stadtpolitik muss auf die Menschen hören

Von Mirrianne Mahn, Referentin für Diversitätsentwicklung am Kinder- und Jugendtheaterzentrum in Frankfurt.

Vor elf Jahren zog ich aus dem Hunsrück nach Frankfurt. Wann ich genau zur Frankfurterin und damit Hessin wurde, kann ich gar nicht so genau sagen. Und auch wenn ich bis heute den sympathischen und manchmal arg aggressiven hessischen Dialekt nicht kann, so merke ich doch immer wieder, wie mir ein „Guude“ zum Gruß herausrutscht. Besonders verwirrt schauen dann die Menschen, denn nicht nur spricht diese Frau Deutsch, sondern kommt auch mit einem „Guude“ daher. Darf sie das denn? In Frankfurt auf jeden Fall. Denn Frankfurterin ist eine Frau, wenn sie in Frankfurt lebt, zumindest drei der sieben Grüne-Soße-Kräuter kennt und weiß, niemals mit eine:r Frankfurter:in darüber zu diskutieren. Weitere Bedingungen werden nicht gestellt. Die letzten beiden entstammen ehrlich gesagt auch nur meiner Fantasie. Auch in Gruppen, in denen ich mich oft aufgrund ihres Auftretens und/oder meiner Hautfarbe eher unwohl fühlen würde, bricht ein „Guude“ schnell das Eis. Ruckzuck bin ich mit den Mitstädter:innen im Gespräch. Und wenn ich dann noch erzähle, dass ich im Gallus lebte, jedoch in Kamerun geboren wurde, hat die Begeisterung kein Ende mehr. Ob ich denn den Spitznamen des Stadtteils kennte? Ja, den kannte ich. Und nein, den finde ich nicht witzig. Das Lachen verschwand aus den Gesichtern. Zu empfindlich sei ich und würde nicht den Hintergrund und keinen Spaß verstehen.

Ja, Frankfurt ist eine der herzlichsten und sympathischsten Städte, und viele identifizieren sich lange schon als Frankfurter:innen, bevor sie sich als Deutsche identifizieren. Aber auch in unserem schönen bunten Frankfurt trieft es nur so von unaufgearbeiteter kolonialer Vergangenheit und Rassismus. Ob es der Spitzname des Stadtteils Gallus ist, den ich hier nicht reproduzieren möchte, oder die M*-Apotheken-Debatte, bei der sich unser Stadtparlament tatsächlich dagegen entschieden hat, Hunderten bis Tausenden Frankfurter:innen zuzuhören. Die Liste kann ich noch viel weiterführen, als es die 2000 Zeichen zulassen. Jedoch muss man dazu sagen, dass Frankfurt ein Historisches Museum hat, in dem eine Ausstellung zu Rassismus läuft, die von BIPOC (Black, Indigenous, People of Color, Anm. d. Red.) mit kuratiert wurde, was alleine schon revolutionär ist und Hoffnung macht. Wenn wir es jetzt noch schaffen, dass die Menschen in der Stadtpolitik gehört werden und als Frankfurter:innen gleichberechtigt und diskriminierungsfrei leben können – wie schön wäre Frankfurt dann?

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