Sozialdemokraten mit Profil: Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn (l.) trifft Willy Brandt.
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Sozialdemokraten mit Profil: Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn (l.) trifft Willy Brandt.

75 Jahre Hessen

Die Sonderrolle ist fast ausgespielt

Turnschuh-Minister, schwarze Kassen, Startbahn-Kämpfe und eine Ministerpräsidentin, die es dann doch nicht werden durfte: Hessen war immer schon ein bisschen anders. Und heute? Landesgeschichte im Zeitraffer von Walter Mühlhausen.

22. März 1945: Bei Oppenheim setzen zwei Bataillone der 3. US-Armee über den Rhein und betreten erstmals Gebiete, die zum heutigen Hessen gehören. In der Proklamation Nr. 2 vom 19. September 1945 vereinigen die Amerikaner, die mit der bedingungslosen Kapitulation das Sagen haben, die in ihrer Besatzungszone liegenden Teile der ehemals preußischen Provinz Hessen-Nassau und des alten Volksstaates Hessen (-Darmstadt) zum Land „Groß-Hessen“. Sie bestimmen weiterhin Wiesbaden zur Landeshauptstadt und installieren als erste Regierung ein Allparteienkabinett unter dem Heidelberger Juristen Karl Geiler.

Unter den Fittichen der US-Militärregierung vollzieht sich die Grundsteinlegung der Demokratie im Eiltempo. Parteien werden im Sommer 1945 zugelassen: Alte wie SPD und KPD sind wieder da, neue kommen hinzu wie FDP und CDU, die sich mit einem „Sozialismus aus christlicher Verantwortung“ links positioniert. 1946 dürfen die Hessen wählen, kurz hintereinander in Gemeinden, Kreisen und Großstädten. Die von der am 30. Juni gewählten Verfassungberatenden Landesversammlung geschaffene fortschrittliche Verfassung für das „Land Hessen“, wie es jetzt heißt, erzielt in der Volkabstimmung am 1. Dezember 1946 eine satte Dreiviertelmehrheit. Nach den gleichzeitigen Landtagswahlen bildet die SPD mit Christian Stock als Ministerpräsident, einem Haudegen der Arbeiterbewegung, eine Koalition mit der CDU.

Sie steht vor einem Berg von Problemen. Das Land ist zerstört, die Bevölkerung demoralisiert. Frankfurt belegt mit einer Trümmermenge von 21,1 Kubikmeter pro Kopf Platz 3 unter den deutschen Städten. Wegzuräumen sind allein hier insgesamt 11,7 Millionen Kubikmeter. Alles muss wieder in Gang gesetzt werden: Verwaltung, Gerichte, Schulen, Universitäten. Dabei ist die Entnazifizierung, mit der kleine und große Nazis zur Rechenschaft gezogen werden, zunächst erfolgreicher, als es im Nachhinein erscheint. Die Renazifizerung der 1950er Jahre nimmt im Hessischen nicht das Ausmaß anderer Länder an.

In das zerstörte Land strömen Flüchtlinge und Vertriebene, 1946 sind es 560 000. Bis Mitte der 1950er Jahre nimmt die Bevölkerung im Vergleich zu 1939 um 825 000 Menschen auf 4,32 Millionen zu – Menschen, die um knappen Wohnraum konkurrieren. In den Großstädten gibt es immer noch ein Drittel weniger Wohnraum als 1939. Die Bevölkerungsexplosion verschärft die ohnehin schon dramatische Ernährungslage. Schmalhans ist Küchenmeister: Die auf Marken zugeteilten Rationen sinken im Juli 1946 auf magere 1058 Kalorien. Nach der Währungsreform im Juni 1948 geht es wieder aufwärts, doch auf Normalität im täglichen Leben müssen die Hessen noch lange warten.

„Hessen vorn“ – die Ära Zinn

Paukenschlag nach den Wahlen 1950: Die mit absoluter Mehrheit ausgestattete SPD kürt nicht den Amtsinhaber Stock, sondern den dynamischen Modernisierer Georg August Zinn zum neuen Regierungschef – Startschuss zur zwanzigjährigen Arä, in der die SPD zeitweise allein oder (1955–1967) mit dem Block der Heimatvertriebenen und Entrechteten regiert. Der Erfolg des Sozialdemokraten Zinn basiert auf einem pragmatischen Kurs, gepaart mit Bürgernähe. Sein „Hessen vorn“, Wahlslogan von 1962, wird zum Gütesiegel des „roten“ Hessen als Gegenentwurf zur Kanzlerdemokratie Adenauers. Wiesbaden bietet Bonn Paroli und gehört bald zu den Stammkunden beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Den größten Triumph verbucht Zinn 1961, als Karlsruhe Pläne für das staatliche „Adenauer-Fernsehen“ kippt. Stattdessen gründen die Länder per Staatsvertrag das ZDF.

Zinn modernisiert das Land. Die soziale Aufrüstung mit Dorfgemeinschaftshäusern, Kindergärten, Mittelpunktschulen anstelle von Zwergschulen und Landmaschinengemeinschaften hebt die Lebensqualität im ländlichen Raum. Der Hessenplan von 1951 fördert als umfassendes Entwicklungsprogramm die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen und stärkt strukturschwache Regionen durch Schaffung von Arbeitsplätzen und Wohnraum – ein europaweit anerkanntes Erfolgsmodell, zu dem ein Jugendplan, der Sozialplan für alte Menschen und das „Rot-Weiße Programm“ zur Förderung des Sports kommen. Der „Große Hessenplan“ von 1965 ist der bundesdeutsch einmalige Versuch, die Investitionen zur Verbesserung der Infrastruktur für die Dauer einer Dekade zu steuern.

Diese moderne Strukturpolitik verwischt allmählich die Unterschiede zwischen Neu- und Altbürgern und trägt zur Formung einer hessischen Identität bei. Dieser Zielsetzung dient auch der „Hessentag“, der 1961 in Alsfeld Premiere feiert. Zinns Worte zur Eröffnung – „Hesse ist, wer Hesse sein will“ –, fordern die aus unterschiedlichen historischen Traditionen kommenden Bürger und Bürgerinnen zum Bekenntnis des „Hessenseins“ auf. Langfristig ist das erfolgreich: 1980 bezeichnen 82 Prozent der Befragten Hessen als ihre Heimat. Zum Stolz auf die Heimat Hessen trägt sicher bei, dass sich die wirtschaftliche Prosperität einstellt. Seit 1957 gehört Hessen zu den „Geberländern“ im Länderfinanzausgleich. Es vermeldet Vollbeschäftigung und sucht seit Mitte der 1950er Jahre, den Arbeitskräftebedarf durch Gastarbeiter zu decken. Diese sollen temporär kommen, bleiben aber vielfach für immer. Den Hessen geht es in den 1960er Jahren gut, sie leisten sich Urlaub im Ausland, buchen bei Neckermann Reisen und bestellen beim gleichnamigen Versandhaus die passende Strandbekleidung.

Zum Autor

Walter Mühlhausen (63) ist Geschäftsführer der Stiftung Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte, seit 2015 ist er dort Mitglied des Vorstands. An der Technischen Universität Darmstadt hält er seit 2012 eine Professur mit den Forschungsschwerpunkten Geschichte des Landes Hessen, der Arbeiterbewegung und der Weimarer Republik.

Aufsehenerregendes passiert 1955. Die erste documenta in Kassel präsentiert die im Nationalsozialismus als „entartet“ diffamierte Kunst. Daraus entwickelt sich die weltweit wohl wichtigste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Bundesweit einzigartig ist die Verfolgung der nationalsozialistischen Verbrechen durch die Frankfurter Auschwitz-Prozesse (1963–1965), Verdienst von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer. Auf der anderen Seite sind es Alarmzeichen, dass 1966 die NPD mit acht Abgeordneten in den Landtag einzieht.

Die mit dem Auschwitz-Prozess bei vielen der Nachkriegsgeneration Angehörigen aufgeworfene Frage, was die Väter in der NS-Zeit getan haben, ist ein Motiv für die Studentenbewegung, die in Frankfurt neben Berlin ihr Zentrum besitzt. 1968 geht es nicht nur um Hochschulreform, sondern auch um gesellschaftliche Veränderung. Einiges bleibt auf Dauer, darunter neue Formen des sozialen Protestes. Gegen die Spekulation mit knapper werdendem Wohnraum formiert sich Widerstand: Leerstehende Häuser werden besetzt, im September 1970 das erste im Frankfurter Westend.

Der Vorreiter wird Normalo

Ein Jahr zuvor ist der gesundheitlich schwer angeschlagene Zinn als Ministerpräsident zurückgetreten. Sein ebenfalls sozialdemokratischer Nachfolger Albert Osswald konzentriert sich auf eine Sicherung des Erreichten, wenig Neues kommt hinzu: die „klassenlosen“ Hessen-Kliniken oder 1970 das Gesetz zum Datenschutz, womit Hessen noch einmal Vorreiter sein soll. Politisch polarisiert sich die Lage in der Phase der sozialliberalen Regierungen (1970–1982). Gestritten wird um die Bildungspolitik, besonders um die Rahmenrichtlinien für die Schulfächer Deutsch und Gesellschaftslehre, von der CDU mit dem Schlachtenruf „Marx statt Rechtschreibung“ angeprangert.

Der linksextreme Terrorismus erschüttert auch Hessen. Die Rote Armee Fraktion verübt Bombenanschläge auf US-amerikanische Einrichtungen, ermordet amerikanische Soldaten und Polizisten, Prominente wie den Vorstandsvorsitzenden der Dresdner Bank, Jürgen Ponto (1977), FDP-Wirtschaftsminister Heinz Herbert Karry (1981) und den Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen (1989). Das ist die extreme Seite dieser Zeit.

Die Skandale

Schlagzeilen anderer Art machen Skandale, zunächst jenseits der Politik: Nitrit und Nitribitt. Mit dem giftigen Färbemittel Nitrit haben südhessische Metzger Fleisch- und Wurstwaren appetitlicher aussehen lassen und werden für diese Panscherei 1958 bestraft. Ungesühnt bleibt der Mord an der Frankfurter Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt ein Jahr zuvor, die Kontakte zur politischen und wirtschaftlichen Elite besessen hat. Wirbel auch um den 1971 vom Präsidenten des Bundesliga-Absteigers Kickers Offenbach, Horst-Gregorio Canellas, publik gemachten Bundesligaskandal. Mit Geld sind Spiele gekauft worden. Bestechung auch andernorts: 1991 geraten Kommunalpolitiker aus Taunusgemeinden ins Visier der Ermittler, weil ihre Privatkonten von Bauunternehmern gefüttert worden sind. Zu den Skandalen gehört auch das Kameradschaftstreffen der 3. SS-Panzer-Division „Totenkopf“ im April 1979 im Arolsener Stadtteil Mengeringhausen. Trotz massiver Proteste sieht sich die Stadt außerstande, den Mietvertrag für die Stadthalle rückgängig zu machen. Der Waldecker Landrat versteigt sich in der Verteidigung, die SS-Soldaten hätten „nur ihre Pflicht“ getan.

Auf Landesebene nehmen Minister ihren Hut, 1973 der für Landwirtschaft und Umwelt, Werner Best (SPD), der Verantwortung für behördliche Schlamperei im Zusammenhang mit der kriminellen Entsorgung von Giftmüll durch eine Hanauer Firma übernimmt. Der Stuhl des für die Umwelt Verantwortlichen wirkt wie ein Schleudersitz: 1980 wird Willi Görlach (SPD) aus diesem Amt katapultiert.

Ein Skandal überragt alle, für den ein Kürzel zum Signum wird: Helaba. Die Hessische Landesbank hat durch riskante Beteiligungen und leichtfertige Kreditvergabe Verluste eingefahren, die auf mehr als drei Milliarden Deutsche Mark beziffert werden. Helaba wird zum Synonym für Vettern- und Misswirtschaft, für die Verflechtung von Politik und Finanzwelt, für den auch andernorts blühenden „Genossenfilz“, ist doch Osswald als Ministerpräsident Vorsitzender des Verwaltungsrates.

Bürgerlichkeit trifft auf Staatsmacht. Um die Startbahn 18 West wurde 1982 hart gekämpft.

Für Unmut sorgt vielerorts die an sich sinnvolle Gebietsreform, als die Planer in den Wiesbadener Amtsstuben Volkes Befindlichkeiten ignorieren. Ihr Plan: aus Wetzlar und Gießen zum Januar 1977 die Retortenstadt Lahn machen. Nach massiven Protesten – „Wenn ich Lahn seh’, krieg’ ich Zahnweh“ – wird das Projekt 1979 zurückgenommen, aber nicht mehr von der Regierung Osswald, denn der Ministerpräsident ohne Fortüne macht im Oktober 1976 dem Sozialdemokraten Holger Börner Platz. 

Orientierungssuche

Börner gelingt in Fortführung der Koalition mit der FDP eine Beruhigung der Landespolitik. Mit Blick auf den ideologischen Reformeifer in den eigenen Reihen erklärt er im März 1977 das „Ende der Fahnenstange“. In der auf Sicherung von Arbeitsplätzen und wirtschaftlicher Prosperität ausgerichteten Politik setzt er – mit der Erfahrung des Ölschocks von 1973 im Hinterkopf – auf Ausbau der Kernenergie, sogar bereit, auf hessischem Boden den Standort für eine Wiederaufbereitungsanlage für atomare Abfälle zu suchen. 

Sein auch als „Atom- und Beton-Politik“ angeprangerter Kurs entspricht immer weniger dem Lebensgefühl der jungen und gut ausgebildeten Generation. Auch bei Teilen der Mittelschichten, für die Umweltschutz und Friedensbewegung Leitziele sind, regt sich Unmut. Bürgerprotest entsteht, der sich vor allem gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens richtet. Die Auseinandersetzungen um Atompolitik und um die ‚Startbahn 18 West‘, mit Bauzaun, gebautem und geräumtem Hüttendorf, Massenprotesten und Polizeieinsätzen, nährt eine Bewegung, die sich parteipolitisch als „Grüne“ formiert und 1982 erstmalig in den Landtag gelangt.

In dieser Zeit fällt Börners berühmte Sentenz: „Ich bedaure, dass es mir mein hohes Staatsamt verbietet, den Kerlen selbst eins in die Fresse zu hauen. Früher auf dem Bau hat man solche Dinge mit Dachlatten erledigt.“ Dieses Dachlatten-Zitat wird fälschlich immer wieder als Ausspruch des gelernten Betonfacharbeiters gegenüber den Grünen interpretiert, ist aber auf die militanten Startbahngegner gemünzt.

Gegenwind für Börner gibt es auch innerhalb der Koalition. Die FDP entscheidet sich im Juni 1982, nach den nächsten Wahlen mit der CDU zu koalieren. Die Zeichen stehen auf Wechsel; die Journalisten halten schon Grabreden auf das sozialdemokratische Hessen. Zu früh. Denn der Bruch der sozialliberalen Bundesregierung durch die FDP just zehn Tage vor der Hessenwahl, von der SPD zum Verrat stilisiert, raubt der CDU und ihrem Vorsitzenden Alfred Dregger, der seit einem Wahlplakat 1970 den Beinamen Django trägt, den sicher geglaubten Sieg. 

Börners Regierung bleibt ohne die FDP-Minister geschäftsführend im Amt. Vorgezogene Wahlen im September 1983 bringen keine Veränderung, nur wieder die unrühmlichen „hessischen Verhältnisse“, bis es zu einer Tolerierung der SPD-Minderheitsregierung durch die Grünen kommt, bei denen ein Sieg der „Realos“ über die „Fundis“ den Weg dazu frei macht. Im Juni 1984 wird Börner zum Ministerpräsidenten gewählt, doch schon im Dezember erklären die Grünen die Zusammenarbeit wegen der Atompolitik für beendet.

Turnschuh-Politik

Nach erneuten monatelangen Gesprächen kommt es zu einer regelrechten Koalition von Rot und Grün. Das Umweltressort übernimmt der Grüne Joschka Fischer, der seine Abgrenzung von etablierter Politik bei der Vereidigung im Dezember 1985 durch Jeans und Turnschuhe stilisiert. „Damals der einzige und erste grüne Umweltminister auf diesem Planeten“ (Fischer selbst) erhält prompt auf Dauer das Etikett vom „Turnschuh-Minister“. Legenden werden gesponnen, er habe sich mit diesen „Nike“-Schuhen in seiner Sponti-Zeit vor der Polizei aus dem Staub gemacht. Fake News: Er hat sie sich eigens für die Vereidigung gekauft.

Stilikone in Turnschuhen: Der Grüne Joschka Fischer lässt sich von Ministerpräsident Holger Börner (SPD) als Minister vereidigen.

Lange soll die rot-grüne Regierung nicht halten. Spaltpilz wird die von den Grünen bekämpfte Betriebsgenehmigung für die Hanauer Plutoniumfabrik „Alkem“. Als Fischer auf einer Landesmitgliederversammlung im Februar 1987 davon spricht, möglicherweise seinen letzten Rechenschaftsbericht als Umweltminister gehalten zu haben, reagiert der amtsmüde Börner postwendend und erklärt, das „Rücktrittsangebot“ anzunehmen. Damit ist das rot-grüne Experiment gesprengt. Der Landtag löst sich auf.

Intermezzo ohne Nachhall

Bildung und Umwelt bilden weiterhin die Konfliktfelder zwischen den sich verfestigenden Blöcken von Rot-Grün und Schwarz-Gelb. Gegen die für das Schuljahr 1987 in den Klassen 5 und 6 vorgeschriebene Förderstufe machen CDU und die vom konservativen Hessischen Elternverein getragene „Bürgeraktion Freie Schulwahl“ Front – mit Wirkung auf die Landtagswahlen vom 5. April 1987. Ein denkbar knappes Resultat sorgt für den Wechsel: Gerade einmal 11 389 Stimmen, also 0,3 Prozentpunkte, liegen CDU und FDP vor SPD und den Grünen. Nach mehr als 40 Jahren Regierungsbeteiligung wird die SPD in die Opposition verbannt. Neuer Ministerpräsident wird der vormalige Frankfurter Oberbürgermeister und amtierende Bundesumweltminister Walter Wallmann, der als Landesvorsitzender die CDU aus ihrem konservativen Erscheinungsbild der Dregger-Zeit gelöst hat. 

Mitten in seine Amtszeit fällt der Zusammenbruch der DDR. Wallmann nutzt die Gunst der Stunde, macht die Frage der Einheit zur Chefsache. So leistet Hessen beim Aufbau des benachbarten Thüringen beispiellose Hilfe, beginnend mit dem „Aktionsprogramm Hessen-Thüringen“ vom 5. Dezember 1989.

„Innerdeutschen“ Erfolgen stehen innerhessische Pannen gegenüber. Innenminister Gottfried Milde (CDU) muss im November 1990 wegen rechtswidriger Mitteilung des Inhalts einer Abhöraktion des Bundeskriminalamtes seinen Stuhl räumen. Ein von Betreiber und Behörden vertuschter ernster Störfall im Atomkraftwerk Biblis kommt erst ein Jahr später durch die US-Presse ans Licht. Dass Wallmann Gartenarbeiten an seinem Privathaus wohl aus der Staatskasse finanziert hat („Tulpenzwiebelaffäre“), trägt zum rapiden Schwinden seiner aus der Frankfurter Oberbürgermeisterzeit mitgebrachten hohen Sympathiewerte bei. Die folgende Niederlage der CDU 1991 ist in weiten Teilen hausgemacht.

Rot-Grün zum Zweiten

Auf Wallmann folgt der mit dem Image des soliden Nachwuchsmannes ausgestattete Sozialdemokrat Hans Eichel, der als Kasseler Oberbürgermeister Erfahrung im Zusammenspiel von SPD und Grünen gemacht hat. Seine rot-grüne Regierung besteht zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern – erstmalig für ein Landeskabinett in der Republik. Zur gleichen Zeit beträgt der Frauenanteil im Parlament erst 22 Prozent, steigt 1995 auf etwas mehr als 30 Prozent und erreicht aufgrund von Nachrückerinnen im November 1997 mit knapp 35 Prozent den Spitzenwert im 20. Jahrhundert. Wie überhaupt Hessen in der Frauenpolitik bundesrepublikanische Speerspitze ist – dank einer besonders starken Frauenbewegung im Land. Zu den Wegmarken gehören 1984 das Aktionsprogramm für Frauen, 1985 die Etablierung einer „Bevollmächtigten der Landesregierung für Frauenangelegenheiten“ und 1993 das „Gesetz über die Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der öffentlichen Verwaltung“ , das die 1987 angelaufenen Frauenförderpläne fortentwickelt.

Der zweite rot-grüne Versuch der Regierungsbildung trägt nicht mehr den Experimentalcharakter des ersten, denn inzwischen steuern die Grünen einen realpragmatischen Kurs. Die als solide Arbeitskoalition bezeichnete Regierung verkraftet auch Skandale wie den um die Renovierung der Dienstvilla Eichels und die sogenannte „Lotto-Affäre“. Trotz der Rücktritte der beiden sozialdemokratischen Ministerinnen Annette Fugmann und Heide Pfarr gelingt es der SPD, das Tief zu überwinden und die Koalition nach den Wahlen 1995 fortzuführen. 

In der zweiten Amtszeit wird die Regierung von Turbulenzen bei den Grünen durchgeschüttelt, die den Wechsel ihres Leitwolfs Fischer in die Bundespolitik 1994 nicht verkraften. Nach innerparteilichem Gezänk werfen die grünen Ministerinnen Iris Blaul 1995 und Margarethe Nimsch 1998 das Handtuch. Die Führungsschwäche der nunmehr in jeder Hinsicht dem üblichen parteipolitischen Getriebe angepassten Grünen beeinträchtigt die Aktionsfähigkeit der Regierung schwer, die 1999 auf einen entschlossenen Machtpolitiker trifft: Roland Koch.

Koch-Kunst

Der gewiefte CDU-Politprofi Koch zieht die populistische Karte, als er vor der Landtagswahl am 7. Februar 1999 mit einer Unterschriftenaktion („Ja zur Integration, Nein zur doppelten Staatsangehörigkeit“) die Wähler mobilisiert, so dass es zur Koalition mit der FDP reicht. Diese Koalition kommt jedoch sogleich ins Trudeln: Die CDU-Spendenaffäre schlägt hohe Wellen auch in Hessen, denn die Landespartei hat auf Schattenkonten im Ausland Schwarzgelder in Millionenhöhe gebunkert. Aus der von Koch angekündigten „brutalstmöglichen“ Aufklärung wird nichts. 

Die Schreckensvision vom Verlust der gerade gewonnenen Macht schweißt die CDU zusammen. Als verschworene, den äußeren Widrigkeiten trotzende Schicksalsgemeinschaft beschert sie Koch auf dem Parteitag Mitte Februar 2000 bei der Wahl zum Landesvorsitzenden mit 97,6 Prozent ein Traumergebnis und feiert ihn frenetisch mit „Roland, Roland“-Rufen. Die personell wie programmatisch farblose FDP, mit 5,1 Prozent gerade noch so in den Landtag gerutscht, entscheidet sich aus Furcht, bei Neuwahlen wieder rauszufliegen, auf einem Parteitag knapp für den Verbleib in der Regierung. In der Öffentlichkeit ebbt das Interesse an der bis heute unaufgeklärten Spendenaffäre ab. Es bleibt lediglich „brutalstmöglich“ als Neuschöpfung im deutschen Sprachschatz.

Andrea Ypsilanti (SPD) hätte als Hessens erste Ministerpräsidentin fast Roland Koch abgelöst. Abweichler aus ihrer Partei verhinderten das.

Mit Koch beginnt die Zeit des „schwarzen Hessen“. Der konservative Reformer mit dem Image eines provokanten Populisten, der Stammtischthemen besetzt, proklamiert die „Zukunftsoffensive Hessen“, ausgelegt auf Effizienz, Verwaltungsvereinfachung und Entbürokratisierung. Das geht manchem zu schnell. 2008 ist ein erneuter Wechsel möglich: SPD und CDU sind bei den Landtagswahlen nahezu gleichauf. Doch die uneinige SPD verspielt die Chance zum Regieren. Eine von der erstmals in den Landtag einziehenden Linken tolerierte rot-grüne Minderheitsregierung mit SPD-Frontfrau Andrea Ypsilanti scheint perfekt, als diese von vier Mitgliedern der Fraktion den Dolchstoß erhält, die erklären, sie nicht mitwählen zu wollen. Die erforderlichen Neuwahlen bescheren der SPD einen erneuten Tiefpunkt. Der Sinkflug setzt sich auch 2018 fort, auf nunmehr 19,8 Prozent.

Koch übergibt 2010 den Staffelstab an seinen CDU-Innenminister Volker Bouffier und rutscht ohne Berufserfahrung auf einen hochdotierten Posten in der Wirtschaft. Doch der Konzern stellt dem einstmals erfolgreichen Politikmacher 2014 den Stuhl vor die Tür. Der Ministerpräsident, der das Bild vom „Konzern Hessen“ prägen sollte und das Land wie ein Unternehmen leiten wollte, scheitert kläglich in der Führung eines Wirtschaftsunternehmens.

Es geht weiter so – oder nicht?

Seit 2014 regieren CDU und Bündnis 90/Die Grünen gemeinsam. Nahezu geräusch- und skandallos. Letztere dürften unter den etablierten Parteien wohl den größten Wandel vollzogen haben. Auch symbolpolitisch: Das offizielle Foto des grünen Ministers Tarek Al-Wazir auf der Homepage des Wirtschaftsministeriums hat so gar nichts mehr gemein mit Bildern des Turnschuhministers oder der ersten Grünen im Landtag. Man braucht nicht zu den vielbeschworenen Auguren gehören, um der schwarz-grünen Koalition Dauerhaftigkeit vorherzusagen. Eine Alternative drängt sich nicht auf – und ist auch durch das Fernrohr nicht in Sicht.

Der Grüne Tarek Al-Wazir (l.) und CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier führen eine stabile Regierung mit knapper Mehrheit.

Das einstmals rote Hessen, wo die SPD mehr als 40 Jahre lang die Staatspartei gewesen ist, 1962 mit 51 Prozent, das einstige Experimentierfeld der Moderne ist zu einem Land geworden, das, seiner einstigen Vorreiterrolle verlustig, nur noch eine von vielen Geigen im bundesdeutschen Länderkonzert spielt. Solide, aber kaum mehr die anderen übertönend.

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