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Die neue hessische Landesregierung stellt sich am 12.12.1985 den Fotografen zum Gruppenbild, nachdem der hessische Landtag in Wiesbaden mit den Stimmen von SPD und Grünen der Landesregierung und Ministerpräsident Holger Börner (SPD, 3.v.l.) das Vertrauen ausgesprochen hat. Joschka Fischer (M.) wurde als erster grüner Umwelt- und Energieminister in der Bundesrepublik vereidigt - ganz leger in Turnschuhen. (Archivbild)
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Kommt er zurück nach Hessen? Joschka Fischer (mit Turnschuhen) als neuer hessischer Minister am 12. Dezember 1985 neben Ministerpräsident Holger Börner (SPD, 3.v.l.). (Archivbild)

GUT GEBRÜLLT

Die satirische Politikvorschau für Hessen 2022: Erfahrung zählt

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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In einigen Jahren wird man vielleicht von einem „genialen Schachzug“ sprechen oder von einem „politischen Hinterhalt“, je nachdem. Denn was 2022 in Hessen politisch vor sich gehen könnte, hat es noch nie gegeben. Unsere satirische Jahresvorschau.

Januar

Niemand will mehr etwas von Corona hören. Aber wer Hessen von 2023 an regieren soll, treibt die Menschen um. Noch weiß keiner, ob Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) trotz seines fortgeschrittenen Alters von 70 Jahren eine neue Amtszeit anstrebt. Die SPD befindet sich dank Kanzler Olaf Scholz bundesweit im Aufwind. Bouffiers potenzielle Herausforderin Nancy Faeser von der SPD kann sich als Bundesinnenministerin profilieren. Deren Nachfolger Günter Rudolph, 65 Jahre alt, greift Bouffiers schwarz-grüne Landesregierung an, sie sei zu Reformen nicht in der Lage, wenn sie sich nicht einmal bereitfinde, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken.

Februar

CDU-Mann Bouffier und SPD-Politiker verkünden einen „historischen Kompromiss“. An einem runden Tisch „Verfassungsreform“, an dem nur sie beide teilgenommen haben, hätten sie sich auf eine Änderung des Wahlalters nach unten UND nach oben verständigt. Das aktive Wahlalter bei der Landtagswahl werde auf 16 Jahre gesenkt, das passive Wahlalter für das Amt des Ministerpräsidenten auf 65 Jahre erhöht. Das heißt: Jüngere dürfen nicht mehr in die Staatskanzlei einziehen.

März

Die Grünen sind empört und werfen dem Ministerpräsidenten einen „Alleingang“ vor. Damit setze er die Koalition aufs Spiel, klagt Vizeministerpräsident Tarek Al-Wazir, der auch gerne angetreten wäre. Er ist aber erst 51 Jahre alt. Seine Stunde könnte frühestens 2038 schlagen.

Altersdiskriminierung beseitigen

Bouffier entgegnet, gerade die Grünen gebärdeten sich doch immer als Kämpferinnen und Kämpfer gegen Diskriminierung. Er jedenfalls wolle Altersdiskriminierung beseitigen. Im fernen Berlin nennt Nancy Faeser die „hessischen Verhältnisse hochgradig undemokratisch“. Doch die 51-Jährige SPD-Chefin ist viel zu jung, um noch Gehör zu finden.

April

Bei einem vorgezogenen Landesparteitag lässt sich Bouffier als hessischer CDU-Chef wiederwählen. „In diesen unruhigen Zeiten zählt nur eins: Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung“, beschwört er seine Leute. Nichts beweise das so deutlich wie die Wahl von Friedrich Merz zum CDU-Vorsitzenden. Merz sei angeblich zwar erst 66 Jahre alt, habe aber schon vor 20 Jahren wie von gestern gewirkt. „Das ist der Spirit, den wir auch in Hessen seit zwei Jahrzehnten pflegen“, ruft Bouffier unter donnerndem Applaus. Flammende Appelle von Ines Claus (44), Boris Rhein (50), Peter Beuth (54) und Michael Boddenberg (62), an die Noch-nicht-Uralten zu denken, verhallen ungehört.

„Begleitetes Wählen“ ab 16

Die Junge Union beschließt, sich auf den Wahlkampf unter den 16- bis 18-Jährigen zu konzentrieren. Der Parteitag beschließt ihren Antrag für „begleitetes Wählen“. Junge Menschen bis 18 Jahren sollen nur in Begleitung eines erfahrenen CDU-Politikers an die Wahlurnen gehen dürfen, um gefährliche Fehler zu vermeiden.

Mai

Beim Landesparteitag der SPD bewirbt sich Fraktionschef Rudolph um die Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2023. Als Wahlspruch schlägt er „Mehr Erfahrung wagen“ vor. Überraschend meldet ein gewisser Hans Eichel (80) aus Kassel seine Gegenkandidatur an. „Ich war schon Ministerpräsident, als Du noch Unterkreisvorsitzender in Fritzlar-Gudensberg warst“, ruft Eichel dem „lieben Günter“ zu. Eichel wird mit deutlicher Mehrheit gewählt. Sein Slogan lautet: „Zu meinen Zeiten gab’s kein Corona!“

Juni

In einem Interview äußert sich Ex-Bundesaußen- und Landesturnschuhminister Joschka Fischer zu den Entwicklungen in Hessen. Die Argumentation der Grünen-Parteispitze gegen die geplante Altersgrenze überzeuge ihn nicht. „I am not convinced“, sagt er. Dunkel erinnert sich Fischer (74) daran, dass er diesen Satz schon einmal ausgesprochen hat, weiß aber nicht mehr genau, warum.

Ständiger Sitz im UN-Sicherheitsrat

Auf die Frage, ob er sich selber eine Kandidatur vorstellen könne, grummelt Fischer nur etwas von Marathonlaufen. Auf einem kurzfristig einberufenen Parteitag wird der Ex-Minister deutlicher. Er habe bereits mit den Außenministern Chinas, Russlands und der USA vereinbart, als kommender Ministerpräsident einen ständigen Sitz für Hessen im UN-Sicherheitsrat zu erhalten. Fischer wird gewählt.

Juli

Eine Bürgerinitiative „Nein zum Jugendwahn“ ruft dazu auf, alle Altersgrenzen auf 65 Jahre anzuheben. Bei einer Pressekonferenz im Alfred-Dregger-Haus betonen die Initiatoren Franz Josef Jung, Roland Koch und Karlheinz Weimar, ihre Initiative sei „vollkommen parteiunabhängig“ und „allein der Sache verpflichtet“. Seniorinnen und Senioren seien eine meist schweigende Mehrheit in der Gesellschaft, der Gehör verschafft werden müsse.

Millionensummen von Konzernen

Die Tatsache, dass eine Krankenhausgesellschaft und ein Rüstungskonzern die Kampagne mit großzügigen Millionensummen unterstützten, sei „eine Initiative aus der Bürgerschaft im Sinne des Ehrenamts, die wir sehr begrüßen“. Falls sich anderes herausstellen sollte, werde man das „brutalstmöglich aufklären“.

August

Die Linke stellt im Landtag den Antrag, die Staatskanzlei in Wiesbaden barrierefrei auszustatten. Bouffier ist so begeistert, dass die CDU-Fraktion fast zugestimmt hätte, was sie bei Anträgen der Linken nie tut. Rechtzeitig kommt Fraktionschefin Claus auf die Idee, den Antrag wortgleich selber einzubringen. Der Linken-Antrag wird abgelehnt, der CDU-Antrag beschlossen. Alles wie immer.

September

Eine Bürgerinitiative „Ja zum Jugendwahn“ ruft dazu auf, das aktive Wahlrecht auf alle Menschen ab dem fünften Lebensjahr auszuweiten. „Wer geimpft werden kann, kann auch wählen“, lautet ihr Leitspruch.

„Nutella bis zum Abwinken“

Bei ihrer Pressekonferenz in der Kita „Wichtelhütte“ fordern die Sprecher:innen Lisa (6) und Leon (9) „Nutella bis zum Abwinken“. Im Übrigen sei ihre Initiative „vollkommen parteiunabhängig“ und „allein der Sache verpflichtet“. Kinder und Jugendliche seien eine kreischende Minderheit, der Gehör verschafft werden müsse.

Oktober

Der Hessische Landtag beschließt den Gesetzentwurf „Diskriminierung beenden, Verfassung ändern“. Günter Rudolph stimmt dagegen; er ist sauer auf Hans Eichel. In einer Regierungserklärung „Erfahrung zählt“ schildert Bouffier die schönsten Anekdoten aus seinem Leben. Die Rede endet nach dreieinhalb Stunden mit dem Appell, aus Gründen der Pandemie vor dem Fernseher zu bleiben und „Herrliches Hessen“ anzusehen. Sozialdemokrat Rudolph spricht von einem „ungeheuerlichen Vorgang“.

November

Die sechste Corona-Welle greift um sich. Bei einem deshalb rein digitalen Landesparteitag will die hessische CDU ihren Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2023 aufstellen. Volker Bouffier kommt nicht ins Internet. Viele seiner ältesten Anhänger auch nicht. Sie sprechen von Sabotage, was aber niemand hören kann.

Roland Kochs Coup

In der Debatte ergreift ein alter Bekannter das Wort: Roland Koch. Er ist erst 64 Jahre alt, aber bis zum Herbst 2023 wird er das 65. Lebensjahr vollendet haben. „Ich bin ein konservativer Reformer, und ich habe diesen Eichel schon einmal geschlagen“, wirbt der CDU-Jungspund. Nachdem die Tagungsleitung alle Mikrofone von Delegierten stumm gestellt hat, erübrigt sich jede Debatte. Bei der elektronischen Abstimmung votieren 105,7 Prozent der Delegierten für den Kandidaten Koch. Seine Rückkehr steht kurz bevor.

Dezember

Der langjährige FDP-Bundestagsabgeordnete Hermann Otto Solms (inzwischen 82) ruft sich zum Ministerpräsidentenkandidaten der FDP aus. Das lässt den ehemaligen hessischen Linken-Fraktionschef Willi van Ooyen (auch schon 75) nicht ruhen, der sich auf einem viertägigen Friedenskongress seiner Partei zum Spitzenkandidaten küren lässt. RTL veranstaltet daraufhin ein erstes „Duell der Giganten“, bei dem van Ooyen die Enteignung der Solmsschen Güter sowie der Parteikasse der FDP fordert, worauf Solms blass die Veranstaltung verlässt. Auch der AfD-Mitbegründer Albrecht Glaser (gefühlt 112 Jahre alt) war zum Duell eingeladen worden, hatte aber bei der Anreise vergessen, wohin er fahren wollte.

Weihnachten

An der Volksabstimmung am ersten Weihnachtstag nehmen nur drei Prozent der Wahlberechtigten teil. Die anderen haben Besseres zu tun. Genau 50,1 Prozent der Teilnehmenden lehnen die Änderungen ab. Die Bürgerinitiativen „Nein zum Jugendwahn“ und „Ja zum Jugendwahn“ sprechen von Manipulation. Sie wollen Kleinkinder und Seniorinnen gesehen haben, die es nicht geschafft hätten, die Wahllokale zu betreten, weil diese nicht barrierefrei waren.

Es gibt kein Zurück mehr

Der Landeswahlleiter spricht von „kleineren Unregelmäßigkeiten“, die das Gesamtergebnis aber nicht beeinflusst hätten. Auch wenn jetzt Jüngere zugelassen wären – für die Parteien gibt es kein Zurück mehr: Roland Koch, Hans Eichel, Joschka Fischer, Hermann Otto Solms und Willi van Ooyen treten an. Aber das wird erst 2023 sein.

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