Gastbeitrag

Die Chancen der Freiheit für die Wissenschaft nutzen

Von Birgitta Wolff, Präsidentin der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität.

Wer wissen will, wie nachhaltig Innovationen aus Hessen, aber auch andernorts wirken, kann in diesen Wochen nach Bayern schauen. Ministerpräsident Söder möchte die bayerischen Universitäten „entfesseln“. Die „Süddeutsche Zeitung“ jubelte am 12. Oktober 2020 unter der Headline „Maximale Freiheit für Bayerns Unis“: „(…) Die Staatsregierung will die 17 staatlichen Hochschulen für angewandte Wissenschaften und neun Universitäten in ‚größtmögliche Freiheit‘ entlassen.“

Das hört sich richtig und richtig gut an. Aber gab es das nicht schon mal – vor mehr als zwölf Jahren? Manche, die die wissenschaftspolitische Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten aufmerksam verfolgt haben, könnten sich fragen: Weshalb erst jetzt? Denn das in Bayern an die Wand gemalte Uni-Paradies gibt es bereits: seit Anfang 2008 an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und davor schon in Modellform in Darmstadt.

Seit Januar 2008 ist die Goethe-Universität als Stiftungsuniversität eine „freie“ Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie beruft Professorinnen und Professoren, entwickelt Studiengänge in eigener Regie und hat Finanzhoheit. Sie besitzt eigene Liegenschaften und kann sich in eigener Bauherrenschaft erweitern. Dafür gibt es eigene „Goethe-Uni-Freiheitsparagrafen“ im Hessischen Hochschulgesetz (HHG). Eigentlich könnte Hessen stolz sein auf diese Errungenschaft. Denn die Entlassung in die Freiheit – oder präziser gesagt: in mehr Eigenverantwortung – hat sich auch für das Land ausgezahlt. Als Stiftungsuniversität wirbt die Goethe-Universität inzwischen etwa ein Drittel ihres Gesamtbudgets aus externen Quellen ein und schafft so ganz viel zusätzliche Kapazität und Jobs für Lehre und Forschung. Und Raum für kritische Reflexion all dessen, was „ist“ und „sein soll“. Wir halten das für gut und wichtig.

Diese Freiheit ist für uns alles andere als bequem. Interne Aushandlungsprozesse bei der Gestaltung unserer Freiheit laufen nicht immer geräuschlos. In Frankfurt stellen wir uns freudig und gerne dem Diskurs, geht es doch nicht um eine ungebundene Freiheit, sondern um eine Freiheit, bei der das Ziel stets rückgebunden und besprochen wird. In der hessischen Politik hat die universitäre „Entfesselungskunst“ offenbar nicht nur Freunde. Wie anders ist es zu erklären, dass ausgerechnet in dem Moment, in dem Bayern jetzt mit dem großen Wurf durchstarten will, die geplante Novelle des Hessischen Hochschulgesetzes einige dieser Freiheiten wieder abschwächen soll? Mit welchem Argument? Mit welchem Ziel? Wichtig ist der Goethe-Universität eine in die Zukunft gerichtete Strategiefähigkeit, aus der heraus sie nicht nur reagieren, sondern agieren kann – für Lehre und Forschung. Das ist eine hohe Errungenschaft, für die es sich lohnt einzutreten. Zum 75. Geburtstag unseres schönen Bundeslandes und der Frankfurter Rundschau möchte man Hessen daher unter dem Motto „Was wird aus Dir?“ zurufen: Hessen, bewahre Dir mutig Deine Freiheit, bewahre Dir frei Deinen Mut!

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