Gastbeitrag

Die Armut stärker bekämpfen

Von Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen.

Vor 75 Jahren, nach den Schrecken der Nazidiktatur und dem Zweiten Weltkrieg, wurden wichtige Weichen für unsere heutige Gesellschaft gelegt. Am 19. September 1945 bildete die amerikanische Militärregierung das Land Hessen. Bereits einen Monat früher, am 1. August 1945 kam die erste Ausgabe der Frankfurter Rundschau heraus. Darüber ist in dieser Zeitung ausführlich berichtet worden. Für die evangelische Kirche war der August 1945 auch ein wichtiger Monat. Damals wurde im Schwalmstädter Ortsteil Treysa, in der diakonischen Einrichtung Hephata, durch eine Konferenz wichtiger, kirchlicher Persönlichkeiten die Evangelische Kirche in Deutschland gegründet.

Gleichzeitig rief man hier das Evangelische Hilfswerk ins Leben. Das war das deutliche Bekenntnis der Evangelischen Kirche in Deutschland, sich von Beginn an auch der sozialen Frage zu stellen und Menschen in Not zur Seite zu stehen. Heute ist in unserem Bundesland Hessen sowie in Teilen von Rheinland-Pfalz sowie in Thüringen die Diakonie Hessen der Verband für 446 gemeinnützige Rechtsträger aus den Bereichen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, in der Alten- und Krankenhilfe, Behinderten-, Eingliederungs- und Suchthilfe, Migrations- und Flüchtlingsberatung sowie in der Beratung von Menschen in besonderen sozialen Notlagen. Als Verband der Freien Wohlfahrtspflege ist die Diakonie über die Liga der Freien Wohlfahrtspflege am politischen Findungsprozess beteiligt.

Besonders herausfordernd ist derzeit wieder und immer noch das Thema Armut. Laut amtlicher Sozialberichterstattung ist die Armutsquote in Hessen auch im Jahr 2019 weiter gestiegen. Waren im Jahr 2009 noch 12,9 Prozent der Hessischen Bevölkerung von Armut betroffen, lag diese Quote zehn Jahre später bei 16,1 Prozent und ist damit sogar vergleichsweise höher als in ganz Deutschland mit 15,9 Prozent. In absoluten Zahlen ausgedrückt heißt das: Fast eine Million Hessinnen und Hessen müssen mit einem Einkommen auskommen, das ihnen keine normale Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erlaubt.

Angesichts der gerade im Zehnjahresvergleich überdurchschnittlich hohen Wachstumsraten der Armutsbetroffenheit bei Alleinerziehenden sowie bei Kindern und Jugendlichen fordern wir die Landesregierung dringlich dazu auf, ihre Anstrengung in Richtung Armutsbekämpfung und Prävention zu intensivieren.

Armutspräventionsketten haben sich in anderen Bundesländern als hochwirksames Instrument zur Vermeidung von Kinder- und Jugendarmut erwiesen. So hatte Anfang August dieses Jahres zum Beispiel das Land Nordrhein-Westfalen bekanntgegeben, diese wichtige Präventionsarbeit der Kommunen mit mehr als 14 Millionen Euro zu fördern. Hessen hat hier deutlichen Nachholbedarf. Und es ist jetzt an der Zeit, den weiteren Anstieg von Kinderarmut zu verhindern. Damit auch die von heutiger Armut betroffenen Kinder und deren Familien sagen können: Wir leben gerne in Hessen!

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