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Ach wäre es doch vorbei! Teilnehmer:innen einer Querdenker-Demonstration gehen in Frankfurt auf die Straße.

Verschwörungstheorien

Die Wahrheit hilft zu akzeptieren

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn lädt Wissenschaftler:innen und Bürger:innen in kleinem Kreis zum Austausch über die Corona-Krise. Und über die Frage, wie man miteinander im Gespräch bleiben kann.

Warum glauben Menschen lieber abstrusen Verschwörungserzählungen als den Erkenntnissen der Wissenschaft? Wie müssen Politiker:innen handeln und kommunizieren, um Menschen mit ihren Botschaften zu erreichen? Fragen, die gerade in solch krisenhaften Zeiten wie jenen der Corona-Pandemie besonders wichtig werden.

Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) ist überzeugt, dass gerade jetzt „Wissenschaft ihre Stimme in Debatten laut und vernehmbar erheben“ muss. „Sie muss sich verständlich ausdrücken, ohne zu banalisieren“, sagt Dorn, müsse zugänglich sein, damit Menschen sich nicht ausgeschlossen fühlten.

Um Wissenschaftler:innen mit Menschen ins Gespräch zu bringen, die nicht täglich mit wissenschaftlichen Argumenten zu tun haben, hatte Dorn zu einer „Stunde der Wahrheit“ eingeladen. Ort des Geschehens: die Gaststätte „Zum Mühlrad“ in Gelnhausen (Main-Kinzig-Kreis). In kleinem, fast familiärem Rahmen mit einem guten Dutzend Bürger:innen als Gäste ging es dort am Dienstagabend zwei Stunden lang um Corona – und darum, welche Ängste und Hoffnungen man damit verbindet.

„Etwa zehn bis 15 Prozent der Menschen in Deutschland sind Umfragen zufolge bereit, gegen die Anti-Corona-Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren“, sagte der Sozialpsychologe Christopher Cohrs von der Philipps-Universität Marburg. Weit weniger gingen tatsächlich auf die Straßen und Plätze – auch wenn medial der Eindruck entstehe, dass die Protestierenden eine große Menge seien.

Warum aber demonstrieren überhaupt Menschen gegen Maßnahmen, die sie und andere doch schützen sollen? Die angesichts der vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen gerade in Deutschland ja recht wirksam scheinen.

Grundsätzlich, so Cohrs, sei es gut und richtig, durch Protest Einfluss auf die Politik ausüben zu wollen. Dies sei Teil des demokratischen Miteinanders. Allerdings würden die Proteste gerade von Rechten „gekidnappt“, um grundsätzlich gegen den Staat, seine Institutionen und seine Ordnung vorzugehen. Anfällig für Verschwörungserzählungen und einen Populismus, der „das Volk“ gegen „die Eliten“ aufhetzt, seien Menschen aber vor allem, wenn sie sich von Politik und Medien nicht gut informiert und nicht ernst genommen fühlten.

„Das Virus ist noch genauso gefährlich wie am Anfang, es schlägt zurück, wenn wir nachlässig sind“, zeigte sich die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek überzeugt. Die Beschränkungen, die die Verbreitung der Infektionen verhindern sollen, müssten also weiterhin gelten, erklärte sie.

Dass dies nicht alle Menschen gerne hören, hat sie bereits erfahren müssen. Ciesek ist in den Podcast des NDR im Wechsel mit Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité, eingestiegen. Dieser wird schon länger immer wieder angefeindet. Und auch sie habe nach der ersten Sendung bereits erste Drohungen erhalten, wie sie am Dienstagabend auf die Nachfrage eines Zuhörers einräumte.

Wir werden einen Impfstoff bekommen, ist die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek zuversichtlich. Jülich

Leider hätten „Fake News, schlichte Erklärungsmuster, pseudowissenschaftlicher Blödsinn und Verschwörungstheorien einen Wettbewerbsvorteil“ gegenüber den komplexen Zugangsweisen der Wissenschaft, bedauerte Dorn. Sie ließen sich gut in leicht verständlicher Alltagssprache darstellen, die die Gefühlswelt der Adressaten anspreche – das müsse man gerade beim Thema Corona immer wieder feststellen, so die Ministerin.

In ihrem Umfeld nehme sie viel Angst vor einer Ansteckung wahr, soziale Kontakte lägen deswegen brach, beklagte eine Zuhörerin. Und das, obwohl die tatsächlichen Infektionszahlen doch sehr niedrig seien. Sie wünschte sich, dass die Politik diese Ängste nicht weiter schüre, sondern etwas dagegen unternehme.

Den Vorwurf, die Politiker schürten Ängste, wies Dorn zurück. Und auch Sozialpsychologe Cohrs sagte, es gehe mehr darum, zur Vorsicht zu mahnen. Dorn räumte ein, dass zwischen Einschränkungen, Lockerungen und möglichen Gefährdungen immer abgewogen werden müsse. Und dass diese Abwägung transparent sein müsse. „Das ist nicht immer optimal gelaufen“, sagte sie.

Politik muss ihre Abwägungen transparent machen, sagt Wissenschaftsministerin Angela Dorn. Schick

Wie lange wird uns das Coronavirus noch begleiten? Ganz verschwinden wird es wohl nicht. „Ich kann es nicht versprechen, aber ich bin guter Hoffnung, dass wir nächstes Jahr einen Impfstoff bekommen werden“, verbreitete Virologin Ciesek Zuversicht.

Und auch Psychologe Cohrs zeigte sich optimistisch, dass die allermeisten Menschen die Krise gut zu überstehen in der Lage seien. „Die kriegen das hin, sind vernünftig“, sagte er. Massenpaniken oder Volksaufstände werde es nicht geben – „sie akzeptieren die Belastungen, solange sie gut erklärt werden können“, so Cohrs.

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