Hans-Jochen Vogel (SPD, r.) auf FR-Besuch mit dem späteren Chefredakteur Roderich Reifenrath (l.) und Hans-Herbert Gaebel.
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Hans-Jochen Vogel (SPD, r.) auf FR-Besuch mit dem späteren Chefredakteur Roderich Reifenrath (l.) und Hans-Herbert Gaebel.

Die Geschichte der FR – Teil III

Dauerzwist im FR-Haus

  • vonWolf Gunter Brügmann
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Reibungen um die Bedeutung und die Kosten der Deutschland-Ausgabe bestimmen das Klima zwischen Redaktion und Verlag.

Schon bald nach dem Tod Karl Gerolds kulminierte Mitte der 70er Jahre die Dauerspannung zwischen Redaktion und Verlag darüber, ob die regionale oder die überregionale Ausgabe Vorrang habe. Nur regional wäre die FR zu klein gewesen und hätte nicht die vielen Stellenanzeigen bekommen, die mit die wichtigste Einnahmequelle waren. Nur überregional, ohne Verankerung in der Region, ließ sich die FR noch weniger vorstellen. Die FR musste also immer beides zugleich sein, Regionalzeitung und überregionale Zeitung. Wie tief die Auseinandersetzung ging, zeigt ein Vermerk des Leiters der Nachrichtenredaktion, Hans-Michael Rathert, vom 3. Januar 1974:

„Im Haus herrscht seit einer Reihe von Jahren Uneinigkeit in der Frage, welche Leser die FR eigentlich ansprechen soll.

a): Soweit erkennbar, hat die Verlagsspitze (natürlicherweise) die Anzeigenkunden im Blickfeld, die zu fast 100 Prozent im Rhein- Main-Gebiet angesiedelt sind. Besonders bei der Behandlung von Detailfragen kommen immer wieder Bedenken des Verlagsmanagements gegen die unter Karl Gerold initiierte und auch unter wirtschaftlichen Opfern forcierte überregionale D-Ausgabe zur Geltung. Die Redaktion vermißt ernsthafte Versuche, überregionale Anzeigen (Universitäten, Verlage, Personalanzeigen für Zielgruppe akademische Jugend) zu erhalten. Häufig wird von Redaktionsmitgliedern sogar vermutet, daß der links-liberale Kurs in der Verlagsspitze weniger auf ökonomischen als auf politisch-ideologischen Widerstand stößt.

Der in der Redaktion häufig geäußerte Verdacht, daß der politische Inhalt der Zeitung gegen den Widerstand des Verlages gestaltet werden muß, mag gegenstandslos oder übertrieben sein, er ist jedoch symptomatisch für eine Grundstimmung in der Redaktion.

b) Die Redaktion (insbesondere in den Ressorts der Politik und der Kultur) ist sehr stark auf die D-Ausgabe fixiert (bei entsprechender Ablehnung der V-Ausgabe). Die Deutschland-Ausgabe ist für viele das Erfolgserlebnis. Hier schlägt sich journalistische Leistung in Ansehen und Auflage nachweisbar und sehr direkt nieder. Daß eine große D-Ausgabe wirtschaftliche Probleme aufwirft, wird nur zögernd zur Kenntnis genommen; bei einigen Redaktionsmitgliedern hat die Erkenntnis zu außerordentlicher Resignation geführt. Die Anstrengungen im Rhein-Main-Gebiet wurden allgemein erst akzeptiert, als versprochen wurde, daß sie nicht auf Kosten der D-Ausgabe gehen würden.

Fazit: Die Frankfurter Rundschau (Verlag, Technik, Redaktion) hat kein gemeinsames Selbstverständnis.

Sollte sich die Wirtschaftsflaute in den nächsten Monaten verstärken, ist zu erwarten, daß der Zielkonflikt innerhalb des Hauses wieder hervorbricht. Da es der Redaktion nicht gelingen dürfte, aus der FR eine echte überregionale Zeitung (wie die FAZ) zu machen – schon gar nicht gegen die Institutionen des Verlages –, und da die Verlagsspitze davon ausgehen muß, daß die Redaktion auch in fernerer Zukunft nicht bereit ist, ein ‚Provinzblättchen‘ zu machen, wäre eine Kompromißlösung segensreich. Sie könnte – bei Erfolg – ein neues Selbstverständnis schaffen. In der Folge habe ich versucht, eine Kompromißlösung zu skizzieren.

Zum Autor

Wolf Gunter Brügmann war von März 1968 bis Februar 2010 für die FR tätig. Von 1984 bis 1994 leitete er die Nachrichtenredaktion.

Das ‚Denkmodell‘ läßt sich am besten als Kurs für eine ‚gehobene Regionalzeitung mit überregionaler meinungsbildender Bedeutung‘ umschreiben . . . Redaktion: Da wir in der Großregion in weiten Gebieten auf Monopolzeitungen stoßen, ließe sich die FR wahrscheinlich relativ leicht als Zweitzeitung etablieren. Die Konkurrenz wäre dabei nicht die ortsansässige Heimatzeitung, sondern die FAZ. Wir müßten jedoch besser (oder stärker) vertreten sein in Wiesbaden, Mainz, Kassel Heidelberg – Mannheim, Fulda, Wetzlar. – ...

Am meisten betroffen wäre die bisherige Hessen-Seite, die mindestens den doppelten Platz bräuchte (Modell Stuttgarter Zeitung). Aber auch Kultur, Sport und Wirtschaft müßten einige neue Schwerpunkte setzen. Die skizzierte Region ist so groß, daß die in ihr tonangebende Zeitung fast automatisch von überregionaler Bedeutung ist. Ganz sicher müßte sie redaktionell anspruchsvoll sein, damit sowohl bürgerliche wie junge Leser angezogen werden (Richtung SZ), wobei die Tradition von Hessen-Süd eine Position knapp links der SZ erlauben dürfte; der unter Karl Gerold eingeschlagene Kurs also nicht verlassen werden müßte.“

Um der Gesellschaft „etwas zurückzugeben“, was ihm durch die Lizenz zugefallen war, hatte Karl Gerold noch in die Wege geleitet, dass die FR in eine Stiftung überführt wird. In der Satzung der Karl-Gerold-Stiftung, die 1975 gegründet wurde, wurde die Herausgabe auch einer Deutschland-Ausgabe als unabdingbarer Teil des Kerngeschäfts festgeschrieben. Unternehmenschef Horst Engel machte es dann in den kommenden besseren Jahren auch möglich, dass sich der regionale und überregionale Teil einigermaßen gleichberechtigt weiterentwickeln konnten.

Das ökonomische „Geheimnis“ der FR war, dass sie erscheinen konnte, obwohl sich die Ausgaben von Montag bis Freitag nie „gerechnet“ haben. Es war die Samstagausgabe mit den dicken Anzeigenpaketen, vor allem dem Stellenmarkt, die auch die Ausgaben von Montag bis Freitag subventionierte. Und auch die Druckerei aus ihren Gewinnen.

Bis Anfang der 70er Jahre waren Druckerei und Zeitung in einem Haus, in Frankfurt, an der Traditionsadresse Große Eschenheimer Straße 16–18. Als es hier zu eng wurde, wurde für 20 Millionen Mark eine neue Druckerei am Waldrand von Neu-Isenburg gebaut. Neben dem Neubau machten Lohnerhöhungen und Papierpreissteigerungen zu schaffen. Und die überregionale Auflage von knapp 50 000 bei einer Gesamtauflage von 185 000 schlug mit monatlich 700 000 Mark minus zu Buche. In dieser für die FR ersten wirklich ernsthaften Existenzkrise retteten 1976 der Springer-Konzern und die gewerkschaftliche Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) die FR. Springer mit einem langfristigen Druckvertrag für seine Zeitungen „Bild“, „Welt“ und „Welt am Sonntag“, die BfG mit dem dafür notwendigen Kredit für den Ausbau der technischen Kapazitäten.

Die neue Druckerei war erfolgreich, weil sie die größte und modernste europäische Zeitungsdruckerei war. Von der Qualität zeugt, dass Druckereileiter Fleißig ein bundesweit gefragter Berater wurde und sein Nachfolger Clemens Mühl Neuerungen entwickelte, die er patentieren lassen konnte.

Zeitweise wurden hier 2,5 Millionen Zeitungsexemplare pro Nacht und Tag gedruckt, von denen die FR weniger als ein Zehntel ausmachte. Die FR hat eigentlich nie, außer immer mal wieder samstags, mehr als knapp 200 000 Exemplare verkaufen können.

Aber die FR hatte ein gutes Vierteljahrhundert vor sich.

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