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Umweltaktivistin Eva Eggelsmann protestiert im Herrenwald gegen den Ausbau der A49.

Engagement

„Das war kein demokratischer Prozess“

Die Umweltaktivistin Eva Eggelsmann engagiert sich seit vier Jahrzehnten für Frieden und Umweltschutz. Jetzt protestiert sie gegen den Ausbau der A49, die Zerstörung von Naturschutzgebieten und für eine Verkehrswende

Eva Eggelsmann, Jahrgang 1966 und Mutter von zwei Kindern, hat sich schon immer engagiert. Sei es in der Friedensbewegung der 80er Jahre, sei es heute, wenn es darum geht, den Ausbau der A49 in Hessen zu stoppen. Vor allem wehrt sie sich dagegen, dass Demonstranten kriminalisiert werden und wieder mal „hart durchgegriffen“ wird.

Frau Eggelsmann, Sie kommen gerade vom Ort des Geschehens, vom Herrenwald. Was gibt es Neues?

Die Rodung geht weiter. Doch der Protest wird nicht aufhören. Wir hatten vor einem Jahr eine Handvoll Leute und jetzt sind es 5000 Menschen, die gegen den Ausbau protestieren. Einmal in der Woche bin ich da, ich wohne ja auch nur 15 Kilometer weg in Bernsburg.

Weshalb sollte die A49 eigentlich nicht gebaut werden? Wenn sie käme, könnten doch viele Menschen viel schneller zu ihrer Arbeit kommen.

Die Autobahn würde durch ausgewiesene Naturschutzgebiete gehen. Man hat wirklich das Gefühl, es ist der totale Vorhangblick. Das Klima verändert sich. Wir haben drei dürre Sommer hinter uns. Die Wälder sterben ab. Und die Autobahn würde auch keine Ortschaften entlasten. Es geht nicht nur um diese Autobahn. Wir brauchen eine Verkehrswende. Das ist leider vielen immer noch nicht bewusst.

Wie verliefen die Gespräche im Vorfeld mit der Landesregierung?

Es gab nie einen richtigen Dialog. Es gab in diesem Jahr viele Ansätze, dass man miteinander spricht. Es gab viele Vorschläge. Aber es gab keinen Kompromiss. Es gab keinen demokratischen Prozess. Und jetzt ist es so, dass mit Gewalt alles durchgesetzt wird.

Die Polizei ist momentan im Einsatz, auch in den umliegenden Dörfern. Was macht das mit den Menschen?

Maubuch ist ein Dorf von 400 Einwohnern. Das wurde von 2000 Polizisten belagert. Die Leute dort glauben doch jetzt nicht mehr an Demokratie. Und was ist mit denen, die mit ansehen müssen, wenn gesunde Bäume unter Polizeischutz gefällt werden? Da muss man sich selber beherrschen, wie man damit umgeht.

Ihr politisches Engagement begann in den 80er Jahren in der Friedensbewegung. Damals gingen Hundertausende in Deutschland und in halb Europa auf die Straße und demonstrierten gegen neue Atomraketen der beiden Supermächte USA und Sowjetunion. Die kleine schwäbische Gemeinde Mutlangen war als eine der Standorte für die neuen Raketen vorgesehen, für die Pershing-II-Atomraketen.

Mit 17 Jahren bin ich nach Mutlangen gegangen und bin dort geblieben. Der Verein der Friedensbewegung kaufte 500 Meter entfernt von dem amerikanischen Depot ein Grundstück mit einer Scheune. Die wurde dann umfunktioniert zu einem Pressezentrum, zur Pressehütte. Dort lebte ich mit 19 anderen Aktivisten fast vier Jahre lang.

Das heißt, Sie haben Schule und Beruf erst mal hintan gestellt.

Mutlangen war das, was ich gesucht hatte. Ich meine: Wenn man von etwas überzeugt ist und wenn eine tatsächliche Gefahr da ist, dann ist das auch ein bestimmter Ausnahmezustand, wo auch Entscheidungen gefällt werden müssen. Wo das Private erst mal in den Hintergrund gerät. Man wusste ja gar nicht, wie lange bleibt denn die Erde noch bestehen? Und die Frage, was mache ich jetzt für eine Ausbildung, war für mich ganz weit weg.

Was hat Sie damals am meisten beeindruckt?

Dass die Menschen, die dort hinkamen, aus allen Schichten kamen. Wir hatten Leute dabei, die ganz überzeugte Christen waren, aber genauso die absoluten Anarchisten. Man hatte einfach einen gemeinsamen Konsens. Wir haben gesagt: Wir bleiben hier, solange die Atomraketen, die Pershings da sind. Auch im Winter war ich da. Die Wärmflaschen benutze ich heute noch. Naja, und geschlafen haben wir in Zelten.

Am Ende einigten sich Russen und Amerikaner. Fast gleichzeitig protestierten damals auch Menschen in dem kleinen Städtchen Wackersdorf.

Ja, da war ich auch dabei. In Wackersdorf war es so, dass eine Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll gebaut werden sollte und die Bevölkerung mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten informiert wurde. Es war auch so, wie heute bei der A49, dass dieses Projekt mit Vehemenz durchgesetzt werden sollte, eben auch in kürzester Zeit und mit Polizeischutz.

Frau Eggelsmann, heute sind es vor allem die Klima-Aktivisten, die demonstrieren, wie eben bei der A49. Was hat sich zu früher verändert?

Ich bin erstaunt, wie bewusst die jungen Menschen das angehen. Es ist eine große Bewegung. Auf der anderen Seite gibt’s auch einige, die in dieser Wohlstandsgesellschaft einfach so mitschwimmen. Und da ist der Bogen noch nicht rübergekommen, dass sich Einschränken, das heißt im Endeffekt bewusster mit den Ressourcen umzugehen, kein Verlust, sondern ein persönlicher Gewinn ist.

In den vergangenen Tag seilten sich Gegner des Ausbaus von Autobahnbrücken ab. Es gab lange Staus. Und beim letzten Mal ereignete sich ein tödlicher Unfall. Wie bewerten Sie das?

Nach heutigen Gesichtspunkten ist die A49 nicht mehr genehmigungsfähig. Das Planfeststellungsverfahren ist fehlerhaft. Aufgrund der Klimakrise kann nicht mehr an veralteten Projekten festhalten werden. Das gibt Unfrieden. Dann kann es auch zu radikalen Aktionen kommen. Die jungen Leute sind den Politikern hier weit voraus, sie müssen gehört werden. Die Politik muss sich jetzt öffnen und Lösungsvorschläge annehmen und umsetzen. Ein Grundsatz gilt bei Protestaktionen: Kein Menschenleben darf gefährdet werden. Ebenso dürfen auch keine Menschen bei Räumungen gefährdet werden, wie auch das Leben gesunder Bäume und Wälder nicht durch zweifelhafte Entscheidungen in Gefahr gebracht werden darf. Sie müssen geschützt werden.

Interview: Hans Rubinich

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