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Die Hygieneregeln werden im Camp peinlich genau beachtet.
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Die Hygieneregeln werden im Camp peinlich genau beachtet.

Umwelt

Dannenröder Forst: Strategietreffen fürs Klima

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Dannenrod begibt sich auf den Weg zu einem Zentrum der Nachhaltigkeit. Hunderte campieren derzeit am teils gerodeten Wald.

Aus dem Küchenzelt dringt rhythmisches Zwiebelhacken. Einige Meter weiter bringt eine junge Frau einer anderen das Baumklettern mit Seilen bei. In dem großen weißen Zelt mit dem Schild „Grüne Lunge“ gibt ein erfahrener Aktivist praktische Tipps, wie sich Besetzer:innen bei einer Räumung verhalten sollen. Und vor der Mahnwache steht jemand – wie immer.

Es ist Samstag, 10. April. Der zweite von neun Tagen im ersten „Klimacamp im Danni“ in Mittelhessen. Das Wetter könnte besser sein. Corona hat sich noch nicht verzogen. Es werden auch noch helfende Hände für Wassernachschub in den Toiletten und die Küche gesucht. Doch was den Zuspruch betrifft, ist das Organisationsteam mehr als zufrieden. Ursprünglich waren zwei Veranstaltungen parallel geplant. Jetzt seien es bis zu fünf, sagt Nono (22). „Und es kommen immer noch neue hinzu“, ergänzt Jonny. Der 27-Jährige steht auf der großen Bühne und hat von dort aus einen guten Überblick über die große Wiese auf dem ausladenden Klimacampgelände: rechts Holztoiletten, hinten ein paar größere Zelte zum Schutz vor dem Regen und für die Ausstellung, links die Essenausgabe mit einer imposanten Warteschlange. „Chili mit Bohnen, Tofu und Reis – Glutenfrei mit Hülsenfrüchten“ hat jemand mit bunter Kreide auf die Tafel gemalt.

Die Zahl der Menschen hier ist schwer einzuschätzen. Bis zu 200, 300 könnten es auf dem gesamten Areal sein. Einige wohnen seit Monaten hier – erst in Baumhausdörfern, nach der Räumung in den großen und kleinen Zelten hinter dem Infopoint. Andere nur zu diesem Anlass und für wenige Tage, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, voneinander zu lernen und sich zu vernetzen. Autokennzeichen aus ganz Deutschland sind zu sehen, ein paar aus dem Ausland, der weiße Solibus ist aus Berlin.

Für die Bewegung ist dieses ländliche Vogelsberger Dorf mit der klaffenden Schneise mitten durch den Dannenröder Forst symbolträchtig. „Ein Kristallisationspunkt für die Mobilitätswende“, sagt Jonny. Nach der unter großem Medieninteresse vollzogenen Räumung der Baumhausdörfer zum Jahresende war es ruhig in dem von Feldern und Wald umsäumten Ortsteil von Homberg/Ohm geworden. „Mit dem Camp wollen wir diesen Ort wiederbeleben.“

Das hat geklappt. Und wie es aussieht, geht auch das behördlich abgesegnete Corona-Hygienekonzept auf. Kein Vergleich zu so manchen Szenen in den Großstädten. Alle Aktivist:innen sind am Samstag diszipliniert, tragen meist selbst im Freien medizinische Masken, halten Abstand, sind rücksichtsvoll. Die Stimmung ist ruhig, die Gespräche in den Zelten sind ernst. Es gibt Vorträge, Ausstellungen, Musik und Workshops. Was sie verbindet, ist die Sorge um ihre Zukunft und der Wille, der Zerstörung nicht tatenlos zuzuschauen. Im Fokus des Camps stehe die Mobilitätswende, sagt Nono. „Aber die Klima- und ökologische Krise ist natürlich viel mehr.“

Zum Beispiel die Zerstörung eines Orchideenwalds durch einen Zementmulti in der Schweiz, gegen den Hazel und Oslo kämpfen. Die beiden haben sich bei der Besetzung des Mormont-Hügel im Kanton Waadt kennengelernt. Sind von dort aus direkt hierher gereist, um sich mit Gleichgesinnten aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zu vernetzen. Bis zur Räumung in November hat Oslo in einem Baumhaus hier im Dannenröder Wald gewohnt. „Wut und Trauer“ – so beschreibt die junge Berlinerin das, was sie empfindet, wenn sie durch den mit Stacheldraht besetzen Zaun auf die Schneise schaut, die die Baufirmen mit schwerem Gerät für den Lückenschluss der Autobahn 49 in den intakten Mischwald rissen. Kameras und Lichtmasten sichern die Baustelle, in einem roten Auto sitzen zwei Aufpasser, zur Unterstützung fährt gelegentlich eine Polizeistreife vorbei.

Elke ist sauer. „Das hier ist unser Trinkwasser“, sagt die 53-jährige Hombergerin und stapft mit dem Wanderschuh auf den weichen Boden. Die Region drohe zu verdursten, im vergangenen Sommer seien im Vogelsberg wieder Dörfer trockengefallen. „Das hier ist ein ganz spezieller Wald, er hat viel Feuchtigkeit.“

Das ganz Besondere an diesem Fleck hat auch Marcel immer wieder hierhergezogen. Der freie Fotograf steht mit einer Spendenkiste unterm Arm am Infopoint und sammelt für „Das Danni Bilder-Buch“. Ein mehr als 170-seitiges Werk mit Fotos, die in der Zeit von Juni bis zum Dezember entstanden. Dazwischen Texte der Waldbewohner über ihr Leben. Das Buch ist fertig. Der Widerstand geht weiter. Dem Klimacamp sollen weitere folgen. „Möglichst noch in diesem Jahr“, sagt Nono. Und dann gibt es noch das Projekt Gasthaus Jakob. Es hat sich ein Verein gegründet, der das Gebäude kaufen und betreiben will. Als „Zentrum für Kultur, Bildung, Regeneration, Kommunikation und für Nachhaltigkeit“. Ein Treffpunkt für die Menschen aus der „Wald statt Asphalt“-Bewegung wie aus der Umgebung, besonders dem Dorf selbst.

https://wald-statt-asphalt.net

In den Bäumen wird für zukünftige Aktionen trainiert.

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