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Psychische Gesundheit

„Wir müssen stark aufpassen“: Fachleute warnen vor psychischen Corona-Folgen für Kinder

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Die Auswirkungen der Corona-Pandemie bekommen auch Kinder zu spüren. Psychische Probleme können die Folge sein. Eine Expertenrunde fordert nun mehr Unterstützung für Familien.

Wiesbaden – In der Anfangsperiode der Corona-Krise, sagt Kinder- und Jugendarzt Ralf Moebus, waren die Kinder verängstigt. „Sie hatten Sorgen, dass sie ihre Angehörigen anstecken.“ Das besserte sich, als klar wurde, dass sie nicht Treiber:innen der Pandemie sind. In den Monaten danach waren es „unklare Schmerzen“, mit denen die Kleinen unter anderem auf die monatelange Belastung durch Lockdown und Co. reagierten.

Niedergeschlagenheit, unangepasstes Sozialverhalten, Essstörungen, Antriebslosigkeit, morgens nicht aus dem Bett kommen, exzessiver Medienkonsum: Auswüchse der Pandemie, die bis heute vielen Eltern große Sorgen machten. Den meisten Kindern gelang es, nach Wiederöffnung der Schulen an das alte Leben anzuknüpfen. Aber längst nicht alle suchen die sozialen Kontakte. Sie bleiben in ihrem Kokon gefangen. Die psychosozialen Belastungen haben sie so stark getroffen, dass sie krank geworden sind.

Coronavirus: Expertenrunde diskutiert psychische Folgen für Kinder

Überproportional betroffen ist der Nachwuchs aus schwierigen sozialen Verhältnissen, der in engen Wohnverhältnissen lebt und dessen Erziehungsberechtigte voll und ganz damit beschäftigt sind, den Alltag zu meistern. Eine Entwicklung, die schon vor der Pandemie zu beobachten war, durch diese aber verstärkt und sichtbarer wurde. „Das ist der Brennglaseffekt“, sagt Martina Pitzer, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie und Klinikdirektorin an der Vitos-Klinik Rheinhöhe in Eltville.

Das Coronavirus hat in den vergangenen anderthalb Jahren Kindern und Jugendlichen viel abverlangt.

Moebus und Pitzer sitzen am Dienstag am runden Tisch. Gastgeberin ist die Landesärztekammer Hessen, die den Fokus auf die seelischen Folgen der Jüngsten richten will. In der Expert:innenrunde außerdem dabei: Volkmar Heitmann, Vorstandsvorsitzender des Landeselternbeirats Hessen, und Daniel Schröder, Regionalleiter des Kinderprojektes Die Arche in Frankfurt. „Psychische Folgen von Corona: Wie Kinder und Jugendliche die Krise bewältigen können“ lautet der Titel. Und am Ende stimmen alle darin überein, dass die Antwort eine andere sein muss als eine Aufholjagd beim Schulstoff. Und dass befristete Projekte wenig hilfreich sind. Mehr Schulsozialarbeiter:innen seien nötig, mehr Kinder- und Jugendpsychiater und -psychologen. „Ich wünsche mir von der Politik mehr Mut, den Kindern in den Schulen ein gutes Lernfeld zu geben“, sagt Schröder.

Einfluss der Corona-Pandemie auf Kinder: Psychische Auswirkungen sind noch nicht absehbar

Das Thema hat viele Facetten und die Folgen der Pandemie für die seelische Gesundheit der Bevölkerung sind noch lange nicht absehbar. Da sind die Säuglinge, die noch nie einen Arzt oder eine Ärztin ohne Maske gesehen haben. Da sind die fehlenden einheitlichen Regeln an den Schulen, die die Akzeptanz der Hygieneregeln schwächen. Schulkinder müssen sich zweimal pro Woche testen, erwachsene Berufstätige nicht. Wo bleibt da die Logik?

Manchmal sind die Deutschkenntnisse während des Lockdowns verloren gegangen, müssen die Grundrechenarten ein zweites Mal erlernt werden. „Wir haben eine deutliche Zunahme an Essstörungen und an Schweregraden der Krankheitsbilder“, sagt Psychiaterin Pitzer. Was auch daran liegen könne, dass die Einweisung in eine Klinik während der Pandemie später erfolgte. Corona alleine sei für eine psychische Störung nicht verantwortlich zu machen. „In der Regel sind immer mehrere Belastungsfaktoren verantwortlich.“

Unterstützung während der Pandemie: Psychiaterin fordert mehr Hilfe für Eltern und Kinder

Unterstützung im Alltag, bei der Schularbeit, Beratung der Eltern. Was in der Vitos-Klinik zur multiprofessionellen stationären Behandlung gehört, ist ein Ansatz, den auch die Arche verfolgt, die in Frankfurt rund 300 Familien betreut. Am wichtigsten war selbst während des strengsten Lockdowns, den persönlichen Kontakt aufrechtzuerhalten, dem Kind das Gefühl zu geben, gehört zu werden, sagt Schröder. „Wir haben uns durch die Pandemie nicht aufhalten lassen.“ Per Whatsapp oder Videokonferenzen sei es gelungen, ein wenig Normalität aufrechtzuerhalten. Und es sei sogar etwas Positives erwachsen: „Das Vertrauen der Eltern in unsere Arbeit ist gestiegen.“

Was sind die Folgerungen? Ein Weiter-so dürfe es nicht geben, sagt Peter Zürner, Internist, Arzt für Psychotherapeutische Medizin und Physikalische Therapie und Präsidiumsmitglied der Landesärztekammer. „Es besteht Handlungsbedarf.“ Elternvertreter Heitmann fordert eine Verstärkung der Schulsozialarbeit und Sensibilisierung des Lehrpersonals, damit Verhaltensauffälligkeiten früh erkannt werden. Außerdem bräuchte es kleine Klassen sowie Konzepte für digitalen Unterricht.

Psychiaterin Pitzer wünscht sich mehr Unterstützung für die Familien und um das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken. „Wir müssen stark aufpassen in den nächsten Jahren“, sagt Moebus und erinnert nochmals an die Säuglinge, die ihn als Arzt nur mit Maske kennen. „Wir müssen Schulen viel, viel besser personell ausstatten“, sagt Schröder. Und zwar jene mit Kindern aus benachteiligten Familien.

Kinder- und Jungendbetreuung während Corona-Krise: Das fordert die Expertenrunde

Aufsuchende Schulsozialarbeit könne als Brücke dienen, etwa zur medizinischen Versorgung. Knackpunkt: Es gibt zu wenig Kinder- und Jugendärzt:innen, zu wenig Kinder- und Jugendpsychiater:innen und -psychotherapeut:innen. Ein Problem, das angesichts der langen Studienzeit nicht von jetzt auf gleich lösbar ist, wie Moebus einräumt. „Wir brauchen viel mehr Studienplätze“, lautet die Forderung des niedergelassenen Kinder- und Jugendarztes aus Bad Homburg, der auch Vorsitzender des Landesverbands der hessischen Kinder- und Jugendärzt:innen ist.

Auch wünscht sich Moebus eine Überarbeitung der Lernpläne an den Schulen. „Völlig überfrachtet“ seien sie mit Stoff, den man ohnehin sofort wieder vergesse. Was hingegen fehle, sei die Vermittlung lebensnotwendiger Inhalte: „Wir brauchen mehr Wissen über Gesundheit und Ernährung.“ (Jutta Rippegather)

Rubriklistenbild: © istock

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