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Corona in Hessen: Boostern ohne Orientierung

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Von: Jutta Rippegather

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Wann ist der geeignete Zeitpunkt für den zwiten Booster? dpa
Wann ist der geeignete Zeitpunkt für den zweiten Booster? dpa © dpa

Widersprüchliche Empfehlungen lösen Chaos in den Praxen aus. Die wahren Inzidenzen sind unbekannt.

Verunsicherung sei ein zu schwaches Wort für das, was er derzeit in seiner Praxis beobachte. „Die Leute sind irre“, sagt Christian Sommerbrodt, Hausarzt in Wiesbaden. Grund sind die sich widersprechenden Empfehlungen zur zweiten Booster-Impfung. Der Beratungsaufwand in der Gemeinschaftpraxis in Wiesbaden sei enorm. Noch einmal verstärkt worden durch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD), der jüngst allen Altersgruppen zur zweiten Auffrischung geraten hat. Wohingegen die Ständige Impfkommission (Stiko) an der Empfehlung für über 70-Jährige festhält. „Wofür haben wir die dann“, fragt Sommerbrodt, Vorstandsmitglied im Hessischen Hausärzteverband. Und warum Lauterbach die Stiko nicht anders ausgestaltete, wenn er der Auffassung ist, dass das ehrenamtlich besetzte Gremium zu langsam arbeitet. „Die könnten gerne schneller agieren in der Pandemie.“

Ratlose Bürgerinnen und Bürger

Es ist wie so oft in Coronazeiten: Wieder gibt es viele Meinungen, viele Expert:innen – eine Kakophonie, die Normalbürgerinnen und -bürger ratlos zurücklässt. Wobei: Einige Wochen war die Marschrichtung klar. Die Stiko empfiehlt den Doppel-Booster für ältere Menschen ab 70 Jahren, Immungeschwächte sowie Bewohner:innen und Personal in medizinischen Einrichtungen und Pflegeheimen. Die anderen könnten abwarten, bis im Herbst der auf die neuen Varianten angepasste Impfstoff zur Verfügung steht. Vor einer Woche senkte die EU die Altersgrenze angesichts steigender Infektionszahlen auf über 60 Jahre ab. Das toppte dann am Donnerstag Lauterbach mit der zweiten Auffrischung für alle – womit er überwiegend auf Kritik stieß.

Ein Kommunikationsdesaster, das Sommerbrodt und vielen anderen Kolleg:innen besagte Mehrarbeit beschert. Er muss erklären, dass die Stiko der Orientierungspunkt ist. Wer gesund ist und unter 70 Jahre alt, wäre im seltenen Fall eines Impfschadens nicht haftpflichtversichert. Denn: „Eine Ministermeinung ist keine rechtliche Empfehlung.“

Außer in den Praxen sind Booster auch in den Impfstellen der Gesundheitsämter erhältlich. „In aller Regel werden auch Personen unter 70 geimpft – zwar mit dem Hinweis, dass es von der Stiko bislang nicht empfohlen wurde, aber auf Wunsch und mit ärztlichem Einverständnis ist das möglich“, sagt Benjamin Donath, stellvertretender Pressesprecher im hessischen Gesundheitsministerium. Minister Kai Klose (Grüne) empfehle auch unter 70-Jährigen, sich wegen einer zweiten Auffrischimpfung ärztlich beraten zu lassen.

Ratlose Bürgerinnen und Bürger

Denn Corona ist noch lange nicht vorbei. Die Hospitalisierungsinzidenz-Tageswerte steigen. Am Freitag waren 103 Betten auf hessischen Intensivstationen mit Covid-Fällen belegt (aktuellere Zahlen des Robert-Koch-Instituts lagen am Montag nicht vor). Eine Woche zuvor waren es 95. Die hessenweite Sieben-Tage-Inzidenz lag bei knapp 1019 – Zahlen mit wenig Aussagekraft, meint Sommerbrodt. Die wahre Zahl der Infizierten sei mindestens doppelt so hoch. Viele beließen es bei einem positiven Schnelltest und begäben sich dann in Quarantäne. Was auch daran liege, dass Bund und Land unterschiedlich damit umgehen. Im Bund ist er nur empfohlen, laut Landesverordnung soll ein positiver Schnelltest durch einen PCR-Test bestätigt werden. Nur dieser fließt in die Statistik ein.

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