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Fachleute sehen viele Fehler in der Corona-Politik. Vor allem beim Umgang mit den Schulen.
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Fachleute sehen viele Fehler in der Corona-Politik. Vor allem beim Umgang mit den Schulen.

Corona

Corona-Bilanz für Hessen: Schlechte Noten für Covid-Politik

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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Die Schulen hätten offen bleiben können, sagen Experten bei einer Diskussion in der Landesärztekammer. Auch habe sich in der Bevölkerung eine Vollkasko-Mentalität entwickelt.

Wenige Eltern treibt derzeit wohl mehr um als die Sorge, wie es mit der Schule weitergeht. Auch die Zuhörerin bei der Diskussion des Vereins „Bad Nauheimer Gespräche“ am Freitagabend im Gebäude der Landesärztekammer in Frankfurt fragt sich: „Was ist, wenn die Stimmung kippt und die Politik wieder denselben Fehler macht?“. Derselbe Fehler – das wären erneute Schulschließungen, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. Mit einschneidenden Folgen für die Entwicklung der Kinder. Dabei wäre dieser Schritt gar nicht nötig gewesen. Das haben zuvor mehrere Redner auf dem Podium glaubhaft versichert.

Es sind Leute mit Expertise. Manche von ihnen haben sich mit ihren öffentlichen Äußerungen keine Freunde gemacht. Etwa der Infektiologe René Gottschalk, der gerade seinen Ausstand als Frankfurter Gesundheitsamtsleiter gefeiert hat. „Kinder stecken sich zu Hause an, nicht in der Schule“, zitiert er aus einer Untersuchung der Kollegin Ursel Heudorf vom Frühjahr vergangenen Jahres. Seitdem stehe fest: Kinder nach Hause zu schicken, sei „völlig absurd“. Und schlecht platzierte und gewartete Luftfilter kontraproduktiv. „Ich hoffe, dass dieser Kelch an uns vorübergeht.“

In den sozialen Medien erntet Gottschalk für solche Aussagen einen Shitstorm. Auf dem Podium erhält er Rückendeckung: Er habe schon vor einem Jahr publiziert, dass überwiegend Erwachsene das Virus in Kitas und Schulen trügen, sagt Hans-Iko Huppertz vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie. Gute Hygienekonzepte und regelmäßiges Lüften reichten aus, um die Schulen offen zu halten. Plus Impfen des gesamten Personals. Da kann er richtig sauer werden. „Einige wenige Verweigerer beschmutzen den Ruf der ganzen Lehrerschaft“, sagt der Kinder- und Jugendarzt aus Bremen. „Sie gefährden die Kinder.“

Und zwar vor allem jene, die aus weniger gut situierten Verhältnissen kämen. „Die werden einen Absturz erleben.“ Der monatelange Unterrichtsausfall habe der Integration einen Bärendienst geleistet, seelische Probleme hervorgerufen. Schule sei im Übrigen mehr als Wissensvermittlung. „Soziale Fähigkeiten entwickeln sich dort, man lernt im Team nachzugeben oder sich durchzusetzen.“ Alles Aspekte, die die Politik sträflich vernachlässigt habe.

Erst jetzt, wo ohne sie die Herdenimmunität nicht erreichbar zu sein scheine, habe Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sein Herz für die Kinder entdeckt; sich sogar entgegen der Empfehlung der Ständigen Impfkommission(Stiko) für die Impfung ab zwölf Jahren ausgesprochen. „Mit der gleichen Verve hätte er besser die Impfung aller Lehrer und Erzieher gefordert.“

Der Pädiater steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Alle auf dem Podium und auch die meisten im Saal und der per Videokonferenz Zugeschalteten sind unzufrieden mit dem Pandemiemanagement. Bei der Diskussion geht es aber um mehr, als der Politik die Leviten zu lesen.

Es geht auch darum, dass Risiken der Preis der Freiheit sind. Um die „Vollkaskomentalität“ der Deutschen, „die in den letzten eineinhalb Jahren ein Rundum-sorglos-Paket erwartet haben“, wie Uwe Volkmann beobachtet hat, Rechtswissenschaftler im Lehrstuhl für Öffentliches Recht und Rechtsphilosophie der Goethe-Universität Frankfurt.

Auch die Rolle der Gesundheitsämter ist Thema. Politik zwinge sie dazu, jedem einzelnen Infizierten nachzufahnden, so dass sie sich nicht genug dem Schutz der Alten und anderer vulnerabler Gruppen widmen könnten, sagt Gottschalk.

„Ein Umsteuern ist ohne Gesichtverlust nicht mehr möglich“, urteilt Matthias Schrappe, Infektiologe und ehemaliger Leiter des Instituts für Patientensicherheit. Nicht nur er hofft, dass die neue Regierung nach der Bundestagswahl die alten Pfade verlässt. Dass sie „wissenschaftlich tragfähigere“ Entscheidungen fällt. Und Praktiker aus den verschiedensten Fachrichtungen mit heranziehe, statt einseitig nur auf die Virologen zu hören.

Die Veranstaltung des Förderkreises Bad Nauheimer Gespräche hat das Ziel, den Blick wieder zu weiten. An dem Abend zur Corona-Zwischenbilanz kommen in der Tat mehrere Perspektiven zur Sprache. Mit dem Vizepräsident des Landtags, Jörg Uwe Hahn, sitzt auch ein Vertreter der Politik auf dem Podium. Wenn auch von der FDP, die in Bund und Land keine Regierungsverantwortung hat. Hahn stimmt dem Rechtsphilosophen Volkmann zu: Der Umgang mit der Pandemie sei eine gesellschaftliche Frage. „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es nicht immer nach vorne geht.“

Das Publikum möchte wissen, was das Podium von der Idee halte, Unentschlossene mit einer Impfprämie zu ködern. Nichts, lautet die einhellige Antwort. Das Ziel, die Herdenimmunität, werde mit Aufklärung und Impfangeboten in den Brennpunkte am besten erreicht, sagt Pädiater Huppertz. Die Debatte sei kontraproduktiv, warnt Schrappe. „Die Leute warten dann ab.“

Edgar Pinkowski, Präsident der Landesärztekammer, setzt ebenfalls auf niedrigschwellige Angebote. Er fordere die Landesregierung seit geraumer Zeit auf, eine Informationskampagne zu starten. „Die Leute werden permanent verunsichert.“ Das schüre Ängste vor dem Virus. „Respekt wäre besser.“

Der Kammerpräsident wünscht sich auch eine Versachlichung der Diskussion. „Wer kritische Fragen stellt, wird gleich in eine bestimmte Ecke gestellt.“ Auch Meinungen gegen den Mainstream seien berechtigt. „Ich wünsche mir einen respektvolleren Umgang.“

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