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Heute sind sie blau, aber noch genauso groß und schwer wie im Jahr 2008 in Dannenberg. In den Castor-Behältern wird strahlender Atommüll transportiert.

Castor-Transport rollt trotz Lockdown Richtung Biblis

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Weil das hessische Umweltministerium den Castor-Transport für unverschiebbar hält, rollen die Waggons trotz Lockdown gen Biblis. Der Protest dagegen dürfte sich in Grenzen halten.

Als im März die Infektionszahlen stiegen, wurde der für damals geplante Castor-Transport von Sellafield ins südhessische Biblis kurzfristig abgesagt. Nun aber soll der Sonderzug mit den sechs Behältern voll mit hochradioaktivem Atommüll rollen, Lockdown light hin oder her.

„Dieser Transport ist eine logistische Meisterleistung, er hat eine lange Vorlaufzeit, den kann man nicht schon wieder von heute auf morgen absagen“, erklärt Dietlinde Petrick aus dem hessischen Umweltministerium. Sie verweist auf internationale Vereinbarungen, die eine Rückführung des Atommülls aus der Wiederaufarbeitungsanlage im britischen Sellafield nach Deutschland regelten. Zudem sei dies im Atomgesetz so festgelegt, sagte Petrick am Donnerstag in einer Online-Pressekonferenz zum bereits begonnenen Transport.

Nach Angaben der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), die den Transport für die Kraftwerksbetreiber abwickelt, und von Atomkraftgegner:innen hat ein Schiff mit den sechs Castoren am Dienstagabend den englischen Hafen Barrow-in-Furness verlassen. Es wird am Samstag in einem norddeutschen Seehafen erwartet, wahrscheinlich wird dies Nordenham bei Bremerhaven sein (eine genaue Route veröffentlichen die Organisatoren bei solchen Transporten aus Sicherheitsgründen nicht).

Auf dem Schienenweg werden die Behälter über Hannover, Frankfurt und Darmstadt das südhessische Biblis voraussichtlich am Montag oder Dienstag erreichen. Dort sollen sie im stillgelegten Atomkraftwerk so lange gelagert werden, bis es in Deutschland ein Endlager gibt.

Gegen die Rückführung gerade jetzt gibt es erhebliche Bedenken. Die Polizeigewerkschaft GdP hat angesichts der sich verschärfenden Corona-Krise eine Absage gefordert. Von der Polizei werde erwartet, dass sie die Corona-Auflagen und den Gesundheitsschutz durchsetzen solle, sagte GdP-Vize Jörg Radek am Donnerstag dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Aus unserer Sicht ist es nicht vereinbar, dass Anfang November ein Nukleartransport von der Polizei quer durch Deutschland begleitet werden soll“, sagte Radek.

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Offizielle Angaben zu Zeitplan und Route von Castor-Transporten gibt es aus Sicherheitsgründen nicht. Um den 1. November herum soll das Schiff mit sechs Castoren aus England kommend voraussichtlich im niedersächsischen Nordenham anlegen. Mit dem Zug werden die Atommüllbehälter vermutlich über Hannover, Göttingen, Fulda, Frankfurt und Darmstadt ins südhessische Biblis gebracht. Dort sollen sie um den 4. November herum ankommen. pgh

„Es ist unverantwortlich bei der aktuellen Pandemielage, schutzintensive Castortransporte durchzuführen“, sagte auch Torsten Felstehausen, umweltpolitischer Sprecher der Linken-Fraktion im Hessischen Landtag. Ein Aktionsbündnis aus Anti-Atomkraft-Gruppierungen ruft bundesweit zu Mahnwachen auf.

Virginie Wegner, Pressesprecherin des hessischen Landeskriminalamts, räumte ein, die Sicherung des Transports sei eine „herausfordernde Situation“, die Lage sei „dynamisch“. Die Länderpolizeien und die Bundespolizei seien allerdings gut vorbereitet, es gebe ein umfangreiches Hygienekonzept. So müssten stets Mund-Nasen-Bedeckungen getragen werden, es seien „Hygienescouts“ unterwegs, um auf die Einhaltung der Regeln zu achten, eine Durchmischung der Einsatzkräfte aus verschiedenen Gruppen solle vermieden werden. Bei Übernachtungen stünden den Polizisten Einzel- und Doppelzimmer statt der üblichen Sammelunterkünfte etwa in Turnhallen zur Verfügung, sagte Wegner.

Michael Köbl, Leiter der Kommunikationsabteilung bei der GNS, berichtete ebenfalls von umfangreichen Hygienevorkehrungen, um Ansteckungen des Begleitpersonals mit dem Coronavirus zu verhindern. So seien die Mitarbeiter vor dem Einsatz im Homeoffice gewesen, die Gruppen würden getrennt voneinander eingesetzt, Schutzausrüstung müsse getragen werden. Zudem werde während des Einsatzes regelmäßig die Körpertemperatur gemessen.

Üblicherweise begleiten bundesweit mehrere Tausend Einsatzkräfte die Atommülltransporte. Ebenso groß ist üblicherweise die Zahl der Protestierenden. Dieses Mal könnte dies etwas anders aussehen.

Herbert Würth, einer der Sprecher des Aktionsbündnisses „Castor stoppen“, geht davon aus, dass weniger Menschen als sonst an die Strecke kommen, um ihren Protest kundzutun. Gerade die Älteren seien möglicherweise in Sorge um ihre Gesundheit und würden Menschenansammlungen meiden.

Ein Sprecher der Bundespolizei sagte am Donnerstag, man setze darauf, dass „das Protestpotenzial coronabedingt geringer ausfallen“ werde. Demonstrationen erwarte man eher etwas abseits der Strecke. Überhaupt sei aufgrund der Beschlüsse des Bundes und der Länder zur Eindämmung der Corona-Infektionen mit „deutlich weniger Bevölkerung auf der Straße“ zu rechnen.

Auch für die eingesetzten Beamtinnen und Beamten bedeute dies ein geringeres Infektionsrisiko. So sei vorgesehen, dass die jeweiligen Einsatzgruppen in ihrer Region verbleiben sollen. „Der Einsatz entspricht dann weitgehend dem Regeldienst“, sagte der Sprecher. „Erhöhen würde sich das Risiko allerdings, wenn es zu Störaktionen kommen sollte.“ Bisher war dies bei Castor-Transporten ebenfalls üblich.

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