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Büdingen nach dem Hochwasser: „Als ob Einbrecher da gewesen wären“

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Von: Peter Hanack

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Die Türen klemmen noch immer in Sylvia Kleudgens Café „Zum alten Kännchen“ am Marktplatz.
Die Türen klemmen noch immer in Sylvia Kleudgens Café „Zum alten Kännchen“ am Marktplatz. © Monika Müller

Ein Jahr nach der Überflutung präsentiert sich Büdingens Altstadt weitgehend aufgeräumt. Das Gefühl von Sicherheit aber ist weg.

Am 29. Januar 2021 stand das Wasser in den Altstadtstraßen von Büdingen meterhoch. Und natürlich nicht nur in den Straßen, sondern auch in den Wohnzimmern, Küchen, Kellern, Geschäften, Gaststätten, der Marienkirche, dem Heusonmuseum, der Touristen-Information. Als das Wasser ging, hinterließ es bergeweise durchweichtes Mobiliar, verwüstete Wohnungen und einen feinen braunen Schlamm, der in jede Ritze gekrochen war. Heute, ein Jahr danach, ist von der Katastrophe – ausgelöst durch anhaltende Regenfälle verbunden mit der Schneeschmelze – kaum mehr etwas zu sehen. Der Schock aber sitzt tief, und noch immer sind nicht alle Schäden behoben.

Erst Lockdown, dann Wasser

„Es war kein schönes Jahr“, bilanziert Sylvia Kleudgen. Sie hatte zusammen mit ihrem Mann im Juli 2020 direkt am historischen Marktplatz ein Haus gekauft und dort „Das alte Kännchen“ eröffnet. Erst kam der Corona-Lockdown, das Café musste schließen, dann kam das Wasser. Inventar, Heizung, Strom – alles kaputt. „Von den 17 Türen, die sich durch die Nässe verzogen haben, sind noch immer nicht alle repariert“, erzählt sie. Ein paar Tage nach der Flut seien in dem Fachwerkhaus die Lehmwickel „von der Decke geklatscht“. Das ganze Erdgeschoss musste entkernt werden. Monate hat es gedauert, bis Strom und Heizung wieder liefen. Auf 140 000 Euro beziffert die 49-Jährige den Schaden, immerhin sei das meiste versichert. Im März soll alles fertig sein, dann soll „Das alte Kännchen“ wieder eröffnen.

Nicht weit davon hat Helga Fink ihren kleinen Laden. Im „Pünktchen“ gibt es Kissen, Keramik und anderes, das das eigene Heim wohnlicher macht. Vor einem Jahr stand die heute 70-Jährige vor den ausgeräumten Regalen, die Wände ihres Geschäfts nass bis über die Hüften, während Nachbarn und andere Helfer:innen die aufgequollenen Holzbohlen vom Boden rissen. „Ich mache auf jeden Fall weiter“, hatte sie tapfer verkündet. Und ihr Versprechen gehalten.

Überwältigende Hilfsbereitschaft

„Irgendwie ist es jetzt heller und großzügiger geworden“, versucht eine Kundin der Katastrophe und der damit verbundenen zwangsweisen Grundsanierung etwas Gutes abzugewinnen. Sie war dabei, als alle gemeinsam eine Menschenkette bildeten, um die empfindlichen Waren ein Stockwerk höher vor dem Wasser zu retten. „Die Hilfe war einfach überwältigend“, sagt Helga Fink. „Die Menschen schickten Briefe und Blumen, um uns Mut zu machen“, berichtet sie.

Überhaupt, die Hilfsbereitschaft und das Miteinander. Das hat auch Wiebke Mayer so erlebt, die als Sekretärin in der evangelischen Kirchengemeinde arbeitet und damals am Stand vor dem Gemeindebüro Kaffee ausschenkte und Imbisse verteilte. Im Gemeindehaus gibt es das Café „La Porta“, das dreimal die Woche geöffnet hat. Die Gemeinde hat eine Wirtin angestellt, um eine Anlaufstelle für die Büdinger:innen zu schaffen, wo man für wenig Geld einen Kaffee trinken und zusammensitzen kann. Und reden.

Sicherheiten weggebrochen

„Bei vielen ist schon so etwas wie ein Trauma geblieben“, erzählt Wiebke Mayer. Die Pfarrer hätten zahlreiche Gespräche führen müssen, vielen seien „die Sicherheiten weggebrochen“, sagt die 47-Jährige. Mit dem Wasser sei es gewesen „wie wenn ein Einbrecher da gewesen wäre“.

Dieses Gefühl kennt auch Sylvia Kleudgen. „My home is my castle“, das sei „raus aus dem Kopf“. „Wenn es mal wieder länger regnet, werden hier alle in der Altstadt ziemlich nervös“, sagt sie. „Da schaut man dann, ob sich schon die Kanaldeckel wieder heben.“ Sie weiß aber auch, wie es ist, nachhaltig beeindruckt zu sein von der Mitmenschlichkeit – als beispielsweise „wildfremde Menschen in Gummistiefeln an die Tür geklopft haben und fragen, wo sie anpacken könnten“. Aus der Katastrophe heraus ist das Bündnis „Kopf über Wasser“ entstanden, das immer noch Menschen unterstützt, die Hilfe benötigen.

Gedenkgottesdienst am Jahrestag

Bei längst nicht allen haben die Versicherungen schon gezahlt, viele sitzen noch immer auf einem Berg von Schulden. Immerhin gab es über die Versicherungsleistungen hinaus Nothilfen. Die Stadt zahlte Soforthilfen aus, schichtete im Haushalt Mittel für weitere Unterstützung um. Das Regierungspräsidium Darmstadt zahlte in 50 Fällen Beihilfen von insgesamt 510 000 Euro. Vier Sportvereine erhielten zusammen 150 000 Euro.

Am heutigen Jahrestag der Katastrophe lädt das Hilfsbündnis „Kopf über Wasser“ für 17 Uhr zum Gedenkgottesdienst in die evangelische Marienkirche ein. Die Einladungen dazu hängen in vielen Schaufenstern. Es wird wohl voll werden, soweit Corona das erlaubt.

Was aber, wenn das Wasser noch einmal kommt, der Seemenbach wieder überläuft? „Das werden viele Geschäfte nicht überstehen, und auch nicht die Menschen, die hier wohnen“, sagt Helga Fink. Immerhin, nun soll ein Hochwasserrückhaltebecken gebaut werden. Start ist 2025.

Siehe Interview „Die Gefahr ist nicht gebannt“

Es ist kaum noch etwas zu sehen vom Wasser, das hier vor einem Jahr meterhoch stand. Die Schäden in Büdingens Altstadt aber sind immens, der Schock sitzt tief.
Es ist kaum noch etwas zu sehen vom Wasser, das hier vor einem Jahr meterhoch stand. Die Schäden in Büdingens Altstadt aber sind immens, der Schock sitzt tief. © Monika Müller
Ins Heuson-Museum muss ein neuer Boden rein.
Ins Heuson-Museum muss ein neuer Boden rein. © Monika Müller

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