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Lernen im Zeichen des Kreuzes? Trotz Missbrauchsskandal sind katholische Schulen gefragt. epd
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Lernen im Zeichen des Kreuzes? Trotz Missbrauchsskandal sind katholische Schulen gefragt. epd

Kirche und Schule

Katholische Schulen sind gefragt, trotz des Missbrauchskandals. Warum ist das so, Herr Stammberger?

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Ralf Stammberger, Bildungsdezernent im Bistum Limburg, spricht über schwindende Mitgliederzahlen der Kirche, die Nachfrage nach katholischen Schulen und seine Hoffnung auf mehr Corona-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen.

Der Kirche laufen die Mitglieder weg, der Missbrauchsskandal ist alles andere als bewältigt, dennoch sind katholische Schulen gefragt. Wir haben den Bildungsdezernenten des Bistums Limburg gefragt, wie das zusammenpasst.

Herr Stammberger, was macht eine katholische Schule aus?

In der staatlichen Schule haben wir den Religionsunterricht, da ist das ein Fach unter vielen wie Mathematik, Erdkunde oder Englisch. Eine katholische Schule hat den Anspruch, insgesamt von christlichen Werten geprägt zu sein und ein christliches Menschenbild zu vermitteln. Aber natürlich machen wir dort keinen anderen Matheunterricht als die staatliche Schule.

Wo sieht man diesen Anspruch? Daran, dass in jedem Klassenraum ein Kreuz hängt und morgens vor Unterrichtsbeginn gemeinsam gebetet wird?

Ich weiß bislang nicht mal, ob das morgendliche Gebet tatsächlich an jeder unserer Schulen zum Tagesablauf gehört. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einer Mutter, die selbst aus der Kirche ausgetreteten ist, ihr Kind aber auf eine katholische Schule schickt. Sie sagte mir, dass ihr das, was ihr als Mitmenschlichkeit wichtig sei, das, was wir als Kirche unter Nächstenliebe verstehen, wichtig sei und sie wolle, dass ihrem Kind das vermittelt werde. Wenn selbst Menschen, die mit der Institution Kirche nicht viel anfangen können, diesen Geist, diese Haltung an unseren Schulen schätzen und suchen, die sie sonst nicht so finden, dann hat eine katholische Schule ihren Auftrag erfüllt.

Das ist doch ein Alarmzeichen, oder? Wenn christliche Werte wie Nächstenliebe sich emanzipieren von der Institution Kirche.

Genau in diesem Spannungsverhältnis stehen wir. Menschen spüren, dass es da etwas gibt, das sie wertvoll finden. Zugleich ist Kirche in einer fundamentalen Krise, in der Menschen sagen, diese Werte sind bei euch nicht spürbar.

Die Krise der christlichen Kirchen gerade in Deutschland zeigt sich in der großen Zahl von Kirchenaustritten. Ist diese Abwendung von Kirche auch bei den Anmeldezahlen für Ihre Schulen erkennbar?

Nein, die Nachfrage ist nach wie vor hoch. Wobei ich anmerken will, dass es schwierig ist zu unterscheiden, ob die Nachfrage nun tatsächlich der christlichen Schule gilt oder ob einfach eine Privatschule gesucht wird, weil man sein Kind dort vielleicht in einem geschützteren Raum aufgehoben sieht. Die Nachfrage nach Privatschulen insgesamt steigt ja, weil viele mit dem staatlichen Schulsystem unzufrieden sind.

Das ist kurios. Menschen kehren der Kirche wegen des Missbrauchsskandals in großer Zahl den Rücken, schicken aber ihre Kinder in unverminderter Zahl in kirchliche Schulen und Kitas. Erstaunt Sie das auch?

Sexueller Missbrauch in der Kirche erschüttert mich zutiefst und als Bistum ist es uns wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche im Raum der Kirche sicher und geschützt entfalten können. Daran arbeiten wir intensiv. Wir haben uns im Bistum in einem eigenen Projekt mit den Ergebnissen der bundesweiten MHG-Studie umfassend mit dem Thema befasst. Wir haben Präventionskonzepte für Kitas und Schulen entwickelt, qualifizieren und sensibilisieren unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend. Wir haben in den vergangenen Jahren als Kirche viel gelernt und wollen es weiter tun. Sexueller Missbrauch ist jedoch nicht nur ein kirchliches Problem. Missbrauch gibt es natürlich auch in staatlichen Institutionen wie der ganzen Gesellschaft.

KIRCHE UND BILDUNG

22 katholischen Schulen gibt es im Bistum Limburg, von denen sechs in Trägerschaft der Sankt Hildegard-Schulgesellschaft sind, deren alleiniger Gesellschafter das Bistum ist. Dort sind etwa 450 Lehrkräfte für rund 5000 Schüler:innen zuständig.

Rund 300 katholische Kitas mit etwa 4500 Mitarbeitenden gibt es im Bistum, etwa 20 000 Kinder werden dort betreut.

Die Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt wird gemeinsam mit dem Jesuitenorden, die katholische Hochschule in Mainz gemeinsam mit rheinland-pfälzischen Diözesen unterhalten.

Für den Bereich Schule und Bildung gibt das Bistum jährlich 16,5 Millionen Euro aus, für die Kitas noch einmal rund . 14,5 Millionen (jeweils ohne Baukosten). pgh

Wie wollen Sie Missbrauch verhindern und Aufklärung sicherstellen?

Wir ermutigen alle, sich zu melden, wenn ihnen Schlimmes widerfahren ist oder sie davon wissen. Wir fördern eine Kultur der Achtsamkeit und treiben Aufklärung und Transparenz voran. Offenbar trauen uns Menschen auch zu, dass wir uns diesem Thema wirklich stellen und damit verantwortungsvoll umgehen. Natürlich ist das ein starker Vertrauensvorschuss, dem wir gerecht werden müssen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auch in Zukunft nicht fehlerfrei sein werden, aber dass wir permanent daran arbeiten müssen, es immer mehr zu werden.

Die Sommerferien in Hessen gehen zu Ende, der Schulstart steht bevor, es wird über Masken, Testen, Impfen und Lüfter debattiert. Gibt es angesichts von Corona Besonderheiten, die die katholischen Schulen von den staatlichen unterscheiden?

Unsere Schulen haben es recht schnell geschafft, mit Videokonferenzsystemen auf Fernunterricht umzustellen. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass wir mit rund zwei Dutzend Schulen etwas flexibler reagieren können als das staatliche Schulwesen. Aber natürlich hatten wir auch die Diskussionen um Datenschutz. Insgesamt unterliegen wir den gleichen Regeln wie die staatlichen Schulen, was etwa Maskenpflicht oder Tests angeht. Lüfter haben wir dort angeschafft, wo sich Klassenräume oder auch Lehrerzimmer nicht gut lüften lassen. Vor allem auch in den 5. und 6. Klassen, deren Kinder sich ja noch nicht impfen lassen können, wollen wir hier noch nachrüsten.

Wie blicken Sie auf den Schulstart?

Wechsel- und Fernunterricht sollten jedenfalls nicht das Ziel sein. Ich blicke interessiert auf die Diskussion um die Impfmöglichkeiten für Kinder ab zwölf Jahren. Eine höhere Anzahl Geimpfter kann sicher dazu beitragen, die Pandemie in den Griff zu bekommen. Meine Hoffnung ist, dass die Situation stabiler wird, weil mehr Kinder und Jugendliche geimpft sind. Distanzunterricht kann einfach nicht die gleiche Qualität haben wie Präsenzunterricht. Das hat mir auch meine eigene Tochter gesagt, als sie meinte: „So ganz überflüssig sind diese Lehrer wohl doch nicht.“ Die Lerndefizite kann man ja vielleicht noch ausgleichen, aber mindestens so wichtig scheinen mir die Fragen von Vereinsamung sowie der sozial-emotionalen Entwicklung.

Als Vater von drei fast erwachsenen Kindern sind Sie ja erfahren, was Schule angeht. Aber ein ausgebildeter Pädagoge sind Sie nicht. Ist das ein Vor- oder Nachteil in Ihrer Funktion?

Ich bin kein ausgebildeter Lehrer. Aber als Theologe habe ich ein wenig Religionspädagogik gelernt. Praktische Erfahrungen sammelte ich dann als Religionslehrer in Grundschulen, Hauptschulen und Berufsschulen.

Sie kennen also durchaus auch die Praxis an Schule?

Ein wenig habe ich da schon hineinblicken können, ja. Es waren jedenfalls sehr spannende Erfahrungen. Zudem bin ich ja Vater und habe meine Kinder auf ihrem schulischen Werdegang begleitet.

Was haben Sie sich als Dezernent für Bildung im Bistum Limburg für die nächsten zwei drei Jahre vorgenommen?

Es ist zu klären, wie zukunftsfähig die einzelnen Bereiche sind, für die ich zuständig bin. Das hat natürlich mit Ressourcen zu tun. Wegen Corona und sinkender Mitgliederzahlen gehen die Finanzmittel zurück. Mein Ziel ist es, klar zu machen, dass wir als Kirche mit dem Bildungsbereich einen gesellschaftlichen Mehrwert bieten können, seien es die Schulen, die Kitas oder auch die Hochschulen. Die Profilierung katholischer Einrichtungen ist dafür entscheidend. Dafür will ich mich einsetzen.

Interview: Peter Hanack

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