Behindertenbeauftragte2_220
+
Rika Esser ist seit März die erste hauptamtliche Behindertenbeauftragte der hessischen Landesregierung.

Interview

„Wir müssen inklusiv aus der Krise kommen“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
    schließen

Die Landesbehindertenbeauftragte Rika Esser spricht über Barrierefreiheit und Quoten in der Arbeitswelt.

Frau Esser, Sie haben am 1. März in Wiesbaden Ihr Amt als Hessens erste hauptamtliche Behindertenbeauftragte angetreten. Zwei Wochen später kam der Lockdown. Ziemlich ungünstig, wenn man sich im Land bekanntmachen will, oder?

In der Tat war die Amtseinführung eine der letzten Veranstaltungen in diesem Haus, die noch halbwegs normal stattfinden konnten.

Wie sehr hat Sie das eingeschränkt?

Ein Amt wie meines lebt natürlich von den Kontakten, die aufgebaut und gepflegt werden müssen. Das persönliche Kennenlernen habe ich weitgehend aufschieben müssen. Dafür habe ich aber mehr Menschen, als dies in normalen Zeiten möglich gewesen wäre, am Telefon oder in der Videokonferenz sprechen können. Auf der anderen Seite habe ich mehr Zeit gehabt, mich konzeptionell in meine Aufgabe einzuarbeiten.

Wo sehen Sie Ihre Schwerpunkte?

Da würde ich gerne drei nennen. Das ist die Barrierefreiheit, für die wir, wie im Koalitionsvertrag festgelegt, ein Kompetenzzentrum einrichten wollen. Insgesamt geht es bei Barrierefreiheit um viele Dinge, zum Beispiel um leichte Sprache bei Broschüren oder Internetangebote ebenso wie um bauliche Vorgaben oder Veränderungen. Zweitens geht es mir darum, zusammen mit den Kommunen die Inklusion voranzubringen, wofür ich auch einen gesetzlichen Auftrag habe. So wollen wir dort Mustersatzungen erarbeiten und sie den Städten, Gemeinden und Kreisen zur Verfügung stellen. Und drittens will ich die Inklusion von Menschen mit Behinderungen in Arbeit und Beschäftigung befördern.

Bleiben wir gleich bei der Arbeitswelt. Wo wollen Sie anpacken?

Beim Land selbst sind wir ganz gut aufgestellt, haben eine Behindertenquote von über sieben Prozent und sind bundesweit Vorreiter. Allerdings arbeitet die Demografie gegen uns, viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit Behinderungen scheiden in den nächsten Jahren aus, sodass wir aktiv Nachwuchs suchen müssen. In der privaten Wirtschaft wird die vorgegebene Quote von fünf Prozent aber nicht überall erfüllt. Hier möchte ich die Vernetzung zwischen den verschiedenen Akteuren unterstützen.

Jetzt bringt es die Corona-Krise mit sich, dass viele Arbeitsplätze in Gefahr sind. Ist nicht zu befürchten, dass das gerade auf Kosten von Menschen mit Behinderungen gehen wird?

Bislang ist das noch nicht eingetreten, jedenfalls im Vergleich zur Gesamtentwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Aber die Furcht ist berechtigt, der Druck auf die Arbeitsplätze steigt, die Konkurrenz wird größer. Hier müssen alle gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir müssen Arbeitgeber stärker für das Thema sensibilisieren. Die Arbeitgeber sollten verstärkt auch die Fördermöglichkeiten nutzen, die es beispielsweise von der Bundesagentur für Arbeit gibt. Und diese Hilfen sollten schnell und ohne großen bürokratischen Aufwand genehmigt werden. Auch wenn es darum geht, Arbeitsplätze barrierefrei auszustatten.

Auch die von Ihnen angesprochene bauliche Barrierefreiheit kostet Geld, wenn etwa Ampelanlagen blindengerecht gemacht werden sollen oder es um Rampen und Aufzüge in öffentlichen Gebäuden für Gehbehinderte und Rollstuhlfahrer geht. Ist dafür genug Geld da, wenn jetzt vielleicht die Gewerbesteuereinnahmen wegbrechen?

Bei neuen Vorhaben kostet Barrierefreiheit gar nicht so viel, so etwa ein oder zwei Prozent. Wie sich Corona auf die Wirtschaft auswirkt, wissen wir noch nicht. Es sind ja auch Programme aufgelegt worden, um die Wirtschaft zu stützen. Da müssen wir aufpassen, dass diese Mittel so eingesetzt werden, dass wir inklusiv aus der Krise kommen.

Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen ist eines Ihrer Hauptanliegen. Wirft Corona die Bemühungen darum zurück?

Wir alle müssen Einschränkungen wegen dieser Pandemie hinnehmen. Aber natürlich, Menschen mit Behinderungen gehören in einer größeren Zahl zu Risikogruppen und sind deshalb vielleicht besonders betroffen. Kritisch war die Lage vor allem dort, wo Menschen unmittelbar persönliche Hilfe etwa zu Hause, bei der Arbeit oder in der Familie benötigen. Diese Dienste konnten von heute auf morgen erst einmal nicht mehr erbracht werden, was zu sehr schwierigen Situationen geführt hat. Da musste das Umfeld viel auffangen. Inzwischen ist davon das meiste wieder am Laufen, zum Glück.

Sie selbst haben Videokonferenzen genutzt, um mit Menschen in Kontakt zu treten. Hilft der Schub an Akzeptanz für die digitalen Techniken gerade auch Behinderten?

Da bin ich recht optimistisch. Es könnte etwa zu flexibleren Arbeitsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen führen, viele auch zuvor kritische Arbeitgeber haben feststellen können, dass beispielsweise das Homeoffice durchaus gut funktionieren kann.

Sie haben eine Zeitlang in Japan gelebt, etwas Japanisch gelernt und haben in den USA studiert. Welche Erfahrungen beispielsweise mit der Barrierefreiheit haben Sie dort gemacht?

In Japan war ich drei Monate für einen Sprachkurs. Wir waren zumeist in Tokio, sind aber auch durch das Land gereist. Mit der Barrierefreiheit war es nicht so weit her. Was ich aber als sehr angenehm empfunden habe, war, dass die Menschen nicht so geglotzt haben. In den USA war ich ein Jahr und habe gesehen, dass die Barrierefreiheit von Gebäuden schon sehr gut ist. Das hat damit zu tun, dass man dort gleich nach Ende des Zweiten Weltkriegs begonnen hatte, entsprechende bauliche Maßnahmen für die große Zahl jener zu ergreifen, die als Versehrte nach Hause kamen. Allerdings bekommt man in den Vereinigten Staaten viel schwieriger als hier eine persönliche Unterstützung. Selbst bei schwersten Behinderungen gibt es da keine 24-Stunden-Assistenz, es sei denn, man könnte sie selbst bezahlen.

Sie sind auf den Rollstuhl angewiesen, sind außergewöhnlich klein. Wie erleben Sie den Umgang mit Behinderten in Deutschland? Hat sich da in den vergangenen Jahren etwas verändert?

Ich glaube, es ist selbstverständlicher geworden, dass Menschen mit Behinderungen zum Straßenbild gehören. Aber natürlich gibt es immer noch viele, die einen Menschen mit Behinderungen nicht wirklich ernstnehmen und sich auch im Gespräch kaum davon abbringen lassen.

Auch daran werden Sie arbeiten?

Ja, auch daran.

Interview: Peter Hanack

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare