Das Ehepaar Gerold (Mitte) mit Eliashiv Ben-Horin, Israels Botschafter in Bonn (r.).
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Das Ehepaar Gerold (Mitte) mit Eliashiv Ben-Horin, Israels Botschafter in Bonn (r.).

Die Geschichte der FR – Teil II

Aufstieg zum nationalen Leitmedium

  • vonWolf Gunter Brügmann
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Große Koalition und APO wirken als Katalysatoren. Die FR erhebt die linksliberale Haltung zu ihrem Grundgesetz.

In den 60er Jahren begann der Aufstieg der FR zu einem bundesweit gefragten Leitmedium des kritischen Geistes und des sozialen und kulturellen Aufbegehrens für eine demokratischere Gesellschaft. Katalysatoren waren die Große Koalition von CDU und SPD ab 1966, die Politik des Verteidigungsministers Franz Josef Strauß (CSU) und dann ab 1968 die Studentenbewegung. Besonderen Anteil hatte daran auch der stellvertretende Chefredakteur Karl Hermann Flach, der bis heute als Symbolfigur für den sozialliberalen Aufbruch der FDP gilt.

Karl Gerold hatte den damals 33-jährigen Liberalen 1962 in die FR geholt, wo Flach im Einvernehmen mit Gerold das Label linksliberal entwickelte und zum Mentor der zweiten Redakteursgeneration wurde, von der Roderich Reifenrath und Karl Grobe zu den Ältesten gehörten und von der der Autor der Jüngste war.

Flach gehörte in Rostock zum Kreis um den Radikalliberalen Arno Esch, dem vom Sowjetischen Militärtribunal 1949 der Prozess gemacht wurde: Von 14 Angeklagten wurden acht zum Tode verurteilt; andere erhielten bis zu 25 Jahre Haft, einige in den berüchtigten Gulags Sibiriens. Flach konnte fliehen, studierte in Westberlin Politische Wissenschaft und wurde Wirtschaftsredakteur.

Als Bundesgeschäftsführer der FDP hatte Flach 1961 unter Erich Mende den Bundestagswahlkampf gemanagt, aber zwischen 1959 und 1962 auch versucht, die FDP für eine sozialliberale Koalition mit der SPD eines Willy Brandt zu öffnen. Nach Differenzen mit dem Ritterkreuzträger Mende, vor allem weil die FDP wieder in ein Kabinett Adenauer eintrat, wechselte Flach zur FR.

1971 kehrte Flach als Generalsekretär der FDP unter Walter Scheel in die Politik zurück und veröffentlichte sein Buch „Noch eine Chance für die Liberalen“, in dem er einen modernen Liberalismus entfaltete und eine Reform des Kapitalismus gegen die immer größer werdende Ungleichheit verlangte. Dazu gehörte auch, dass er Umweltschutz Vorrang vor Gewinnstreben zuerkannte. Flach: „Der Kapitalismus als vermeintliche logische Folge des Liberalismus lastet auf ihm wie eine Hypothek. Die Befreiung des Liberalismus aus seiner Klassengebundenheit und damit vom Kapitalismus ist daher die Voraussetzung seiner Zukunft.“

Ein Strauß mit Strauß

Wegen des Führungsanspruchs für Deutschland in Europa, den er beim damaligen CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß ausmachte, schlug FR-Herausgeber Karl Gerold 1970 so zu: Strauß habe sich „zu einem richtigen Neofaschisten zurückentwickelt. Wer Ohren hat zu hören, der höre: Hier spricht der Hitler, der dasselbe wollte und der in unsere Zeit durch Strauß am Leben ist.“

Von München aus habe sich der „blutschaumschlagende Hitler“ seinen Weg nach Norden gebahnt. „Heute drängen sich von dort die Reaktionäre ebenso nach vorne.“ Strauß sei „zu genau derselben lüsternen Symbolfigur aller nationalistisch aggressiven Kräfte geworden wie es seine blutverschmierten Vorgänger auch waren.“

Strauß klagte erfolgreich auf Unterlassung. Doch ein Jahr später wiederholte Gerold diese Meinung nur geringfügig anders formuliert. Weil er Straußens Ehre angegriffen habe, wurde er zu einer Strafe von 1200 Mark verurteilt. Das focht Gerold nicht an, im Gegenteil, er fühlte sich dadurch geehrt. Wolf Gunter Brügmann

Roderich Reifenrath, der 1966 bei der FR begonnen hatte, ab 1986 stellvertretender Chefredakteur und von 1992 bis 2000 Chefredakteur war: „In zehn aufregenden Jahren in der Redaktion sorgte Flach für Ausgleich während der Aufbruchsphase, in der allerorten scharf und erregt diskutiert wurde – vor allem in den Arenen der 68er-,Revolutionäre‘, deren Rolle und Funktion für die Gesellschaft von der FR bereits sehr früh erkannt wurde. Der eher sanfte, zum druckreifen Vortrag befähigte Liberale konnte auch in schwierigen Momenten wirkungsvoll sachlich bleiben und bestimmte damit letzten Endes nicht nur im Kleinen Zirkel das Debattenklima, sondern häufig auch die Stoßrichtung in hektischen hausgemachten Vollversammlungen.“ Und: „Er verlor auch in aufgeheizten Auseinandersetzungen selbst dann nicht die Contenance, wenn er als Scheißliberaler angegiftet wurde.“

Thomas Schmid, ein Studentenbeweger der ersten Stunde, der es bis zum Herausgeber von Springers „Welt“ brachte, erinnert: „Als die Studentenbewegung ihren Dreh ins Kommunistische nahm, kam Flach immer wieder auf den Campus, rief auf Diskussionen und Teach-ins in aussichtsloser Lage zur Mäßigung und zur Vernunft auf.“

FR-Redakteurin Jutta Roitsch, die mit dem Thema Bildungspolitik zu einer FR-Marke wurde: „Flach war nicht nur der ruhende, intellektuelle Pol der Redaktion, sondern auch der einzige Mensch in der FR, den der gefürchtete, unbeherrschte und schwer kranke Gerold ertrug und respektierte. Von ihm duldete er Widerworte und akzeptierte, dass seine flammenwerfenden, teilweise grauslich-emotionalen Rundumschläge von Flach in die lesbare Form eines Leitartikels gebracht wurden: Flach verzog sich dafür oft auf die Herrentoilette, um Gerolds Daueranrufen aus seinem Schweizer Haus zu entgehen.“ Und: „Er schützte widerständige Geister, ermunterte die Jungen zu entschiedenen Kommentaren.“ Das durfte auch der Autor positiv erfahren.

Zum Autor

Wolf Gunter Brügmann war von März 1968 bis Februar 2010 für die FR tätig. Von 1984 bis 1994 leitete er die Nachrichtenredaktion.

Bei einem Sit-in 1971 beschworen Redaktionsmitglieder Flach vergeblich, er möge doch in der FR bleiben. Immerhin sagte Flach später: „Die Jahre bei der Rundschau waren die schönsten Jahre meines Lebens.“

Stärker als die meisten Zeitungen war die FR gegen Aufrüstung, ergriff gegen den Vietnamkrieg Partei, warb für die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze, und früher als andere schrieb sie DDR ohne Anführungszeichen. In der Innenpolitik war die FR auf drei Säulen stark: Rechtspolitik, Bildungspolitik, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Und wer gut über Gewerkschaften Bescheid wissen wollte, kam an der FR nicht vorbei. Weitere Stärken waren innerparteiliche, innergewerkschaftliche und innerkirchliche Demokratie. Die Auslandsberichterstattung widmete sich vor allem der Friedenspolitik zur Überwindung des Kalten Krieges sowie der „Dritten Welt“, insbesondere Afrika, und Entwicklungspolitik.

Nachrichtenchef Horst Wolf und dann ab 1969 sein Nachfolger Hans-Michael Rathert sorgten dafür, dass allerorts Studenten mit journalistischen Ambitionen oder junge Journalisten über Demos und Teach-ins berichteten. Rathert entwickelte auch die „Kästen“ Im Wortlaut, Im Blickpunkt, Im Hintergrund, Im Porträt, Nachrichtenfeature und führte damit in der deutschen Presse die Form der News Analysis aus der angloamerikanischen Presse ein.

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