Gastbeitrag

Auf Kritik, Korrektur und Kompromiss setzen

Von Johannes zu Eltz, katholischer Priester und Stadtdekan in Frankfurt.

Hessen, was wird aus Dir? 75 Jahre bist Du nun alt, und meine 63 habe ich überwiegend in Deinen Grenzen verbracht: Eltville, Herborn, Limburg, Wiesbaden, Frankfurt. Wenn ich das geschichtlich betrachte, so richtig „hessisch wie gewachsen“ ist davon eigentlich gar nichts. Der Rheingau gehörte seit der Veroneser Schenkung 836 zu Mainz; Limburg mit dem Georgsstift von 960 zu Trier; Herborn und Wiesbaden waren nassauische Residenzen und Frankfurt eine freie Reichsstadt.

Historische Zufälle haben Dir diese Landesteile zufallen lassen: die Zertrümmerung des alten Reiches im frühen 19. Jahrhundert, der preußisch-österreichische Krieg 1866 mit Nassau und Frankfurt auf der Seite der Verlierer sowie die Desavouierung der Reichsidee nach dem 1. Weltkrieg und ihr endgültiges Scheitern mit dem Evil empire der Nazis. Als Du auf den Plan tratest, war die Zeit günstig für ein heterogenes Hessenland im deutschen Bundestaat. Die Leute waren mit Überleben und Wiederaufbau beschäftigt und hatten keinen Sinn dafür, dem Kunststaat mit neu gezogenen Grenzen die Legitimation zu bestreiten.

Aber Integrationsleistungen waren dennoch zu vollbringen, und die Herausforderung war vor allem in den ersten Jahren gewaltig: die Heimatvertriebenen aus dem deutschen Osten mit der kulturellen und konfessionellen Diversität im Gefolge. Was gut gegangen ist, ging mit Rechtlichkeit, Geduld und Augenmaß; wo Integration misslang, waren immer Geschichtsblindheit, Etatismus und der Hochmut der Planer mit im Spiel.

Die B42 am Eltviller Rheinufer, die Rahmenrichtlinien des Kultusministeriums, die Stadt Lahn aus Gießen und Wetzlar und der Rheingau-Taunus-Kreis mit seinen Autokennzeichen sind Stichworte. Warum hat Hessen aus solchen Konflikten heraus wieder in die Spur gefunden? Warum behauptet das Land nicht mehr nur, vorne zu sein, sondern ist es auf vielen Feldern tatsächlich? Ich würde sagen, weil man in Hessen gerne babbelt und sich ungern den Mund verbieten lässt, auch von Herrschenden nicht, und deshalb, wenn es gut geht, Kritik, Korrektur und Kompromiss die landestypischen „drei K“ sind.

Hessen, Du bist das, was ich meine liebe Kirche auch gerne sein sähe, nämlich ein lernendes System, zusammengesetzt aus lauter liebenswerten und fehlbaren Menschen. So hast Du Zukunft – ad multos annos!

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare