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Sascha Schultheis bei der Arbeit. Foto: Privat
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Sascha Schultheis bei der Arbeit.

Pflege in Coronazeiten

Altenpflegehelfer: „Wir fühlen uns komplett alleingelassen“

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Ein Hanauer Altenpflegehelfer berichtet über seinen harten Alltag in Zeiten der Corona-Pandemie, seine Trauer um Bewohner:innen und seine Wut auf Querdenker.

Sascha Schultheis arbeitet als Altenpflegehelfer in Hanau. Der 35-Jährige wünscht sich mehr Anerkennung für seinen Beruf und härtere Strafen für „Querdenker“.

Nach der „Querdenker“-Demo am vergangenen Wochenende in Kassel mit mehr als 20 000 Menschen haben Sie auf Instagram ihren Emotionen Luft gemacht. Für diesen Sonntag ist noch eine „Querdenker“-Demo in Darmstadt geplant. Was machen diese Demos physisch mit einer Pflegekraft?

Zunächst war ich unheimlich wütend. Dann folgte ein Gefühl der Hilflosigkeit und der Trauer. Durch solche Aktionen dieser sogenannten Querdenker wird unser Beruf mit Füßen getreten. Ich habe Menschen, die bei uns im Heim an Covid-19 erkrankt waren und starben, das letzte Mal die Augen schließen müssen. Ich selbst habe seit Monaten kaum noch privat soziale Kontakte, um mich und andere zu schützen. Diese Corona-Leugner trugen von Anfang an keine Masken – und die Polizei stand nur daneben. Meines Erachten hat da ein absolutes Politik- und Polizeiversagen stattgefunden. Wir fühlen uns in der Pflege komplett alleingelassen von der Regierung. Ich erwarte, dass gegen solche „Querdenker“ gerade zu Beginn der dritten Welle härter vorgegangen wird und sie nicht weiter mit Samthandschuhen angefasst werden: hohe Geldstrafen, und wenn das alles nicht hilft, sollten Haftstrafen folgen. Diese Menschen gefährden das Leben anderer Menschen.

Im Dezember vergangenen Jahres gab es in dem Altenheim, in dem Sie arbeiten, einen Corona-Ausbruch. Viele Bewohner und Bewohnerinnen starben. Wie haben Sie das verkraftet?

Ich kannte viele Bewohner und Bewohnerinnen über Jahre hinweg. Natürlich versucht man als Pflegekraft, eine gewisse Distanz zu wahren, aber trotzdem sind es eben sehr persönliche Bindungen. Es war erschreckend, den Verlauf der Krankheit an ihnen zu beobachten. Menschen, die noch relativ fit waren, die dann so abrupt abgebaut haben: Von selbstständigen Personen, die ab und an etwas Hilfe benötigt haben, sind sie zum kompletten Pflegefall geworden. Und wir konnten nur noch daneben stehen und Sterbebegleitung machen. Das war schwer zu ertragen. Mittlerweile sind zum Glück alle Bewohner und Bewohnerinnen bei uns im Heim geimpft worden.

Im Januar sind Sie selbst an Covid-19 erkrankt. Wie geht es Ihnen heute?

Obwohl ich einen relativ milden Verlauf hatte, merke ich immer noch die Folgen. Schon Treppensteigen erschöpft mich. Auf der Arbeit habe ich nicht mehr diese 100-prozentige Leistungsfähigkeit wie vorher. Und ich benötige viel mehr Schlaf. Ich schlafe zehn bis zu zwölf Stunden. Und selbst dann wache ich noch müde und schlapp auf.

Haben Sie zwischendurch daran gedacht, Ihren Beruf aufzugeben?

Ich hatte schon Momente des Haderns und mich gefragt: Will ich weiter in diesem Pflegesystem bleiben, das so immens belastend ist und so wenig Unterstützung von draußen bekommt? Man ist natürlich in der Pflege sowieso schon psychisch stark belastet, aber durch Corona ist es noch extremer.

Was muss sich denn Ihrer Meinung nach ändern?

Der Beruf muss attraktiver gemacht werden. Das fängt damit an, Ausbildungsgehälter und Löhne zu erhöhen, aber auch den Pflegeschlüssel zu ändern: Also, dass pro Bewohner mehr Personal eingesetzt werden kann. Und ganz wichtig gerade jetzt: Nicht nur über die Pflege reden, sondern mit der Pflege reden. Es fehlen Vertreter:innen der Pflege, die oben in der Politik mitreden können. Mein Team und ich laden Gesundheitsminister Jens Spahn herzlich dazu ein, dass er uns einen Tag bei der Arbeit zuschaut und sieht, wie hart der Alltag als Pflegekraft wirklich ist.

Und was wünschen Sie sich von der Gesellschaft ?

Mehr Eigenverantwortung. Ich erwarte von niemanden, dass er sich komplett einschränkt und alleine zu Hause sitzt. Dieser Punkt wird langsam unrealistisch. Aber ich wünsche mir, dass die Leute sich in kleinen Gruppen, am besten mit denselben Personen, treffen. Wichtig wäre auch, dass ihnen klar wird, dass Schnelltests keine absolute Sicherheit sind. Also, wenn Leute zum Aldi rennen und sagen, „ich bin sicher und treffe mich mit anderen ohne Maske“, gefährdet das uns alle. Auch etwas Eigeninitiative wäre schön: Vielleicht bei einem Heim in der Nähe einfach mal einen Kuchen oder Blumen vorbeibringen. Viele Kolleginnen und Kollegen würden sich darüber sehr freuen. Vergangenes Jahr hatten wir noch diese Applauswelle. Das war schön und hat mich auch teilweise etwa aufgebaut. Aber mittlerweile ist die Anerkennung von draußen sehr gering geworden. Es geht jetzt eher sogar in Richtung Neid. Also, dass ich mir auch schon im Bekanntenkreis anhören musste: „Warum bekommen Pflegekräfte schon die Impfung? Ich will aber auch.“

Sie sollten eigentlich in dieser Woche geimpft werden. Aber Sie mussten wieder gehen, warum?

Ich musste schon relativ lange der Impfung hinterherrennen. Denn da ich Anfang dieses Jahres Covid-19 hatte, wurde mir wie anderen Kollegen eben gesagt, dass wir ein halbes Jahr warten müssten. Denn man geht aktuell davon aus, dass Menschen, die schon Covid-19 hatten, einen „wahrscheinlichen“ Schutz hätten. Aber eben so ganz sicher ist das nicht. Und was ist mit der Mutation? Ich bekam dann doch spontan einen Termin im Impfzentrum, aber wurde dann mit der gleichen Begründung wieder abgewiesen. Obwohl ich bei der Anmeldung schrieb, dass ich Covid-19 hatte. Jetzt soll ich erst im Juli geimpft werden. Das ist ein Unding, dass uns als Pflegepersonal, das so nah an Menschen dran ist, die Impfung verweigert wird.

Warum haben Sie sich entschieden, im Pflegeberuf zu bleiben?

Ich habe den Beruf angefangen, weil es eine Herzensangelegenheit war, ich der Gesellschaft etwas zurückgeben wollte. Und ja, es ist gerade in Pandemiezeiten sehr hart, aber ich will nicht aufgeben. Ich will weiter für die Bewohner:innen da sein. Wenn ich beide Impfungen habe, habe ich fest vor, an meinen freien Tagen ehrenamtlich Kolleg:innen auf den Covid-Stationen zu unterstützen.

Interview: Kathrin Rosendorff

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