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Christina Marx ist Sprecherin der Aktion Mensch. Foto: Aktion Mensch
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Christina Marx ist Sprecherin der Aktion Mensch.

Frauen

Aktion Mensch: „Frauen mit Behinderung sind doppelt diskriminiert“

Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch, spricht über die Verliererinnen am Arbeitsmarkt und die Corona-Krise: Denn Frauen mit Schwerbehinderung werden viel schlechter bezahlt und haben kaum Aufstiegschancen.

In einer von der Aktion Mensch beauftragten Studie hat sich das Sinus-Institut mit der Situation von Frauen mit Schwerbehinderung am Arbeitsmarkt beschäftigt. Neben bestehenden Forschungsarbeiten wurden Daten des sozio-ökonomischen Panels ausgewertet und Tiefeninterviews mit elf erwerbstätigen Frauen mit Schwerbehinderung geführt.

Ergebnis der Studie: Frauen mit Behinderungen sind am wenigsten in den Arbeitsmarkt integriert. Nur 39 Prozent von ihnen sind erwerbstätig, viele davon in Teilzeit. Sie sind mit fast 700 Euro weniger Nettogehalt als ihre männlichen Pendants am schlechtesten bezahlt und haben kaum Aufstiegschancen.

Die FR sprach mit Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch, über die Benachteiligung der Frauen und Möglichkeiten, dem entgegenzuwirken.

Frau Marx, warum sind Frauen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt so benachteiligt?

Frauen mit Behinderung sind doppelt diskriminiert. Einmal aufgrund ihrer Beeinträchtigung — Menschen mit Behinderung haben es generell schwerer auf dem Arbeitsmarkt — und dann auch aufgrund ihres Geschlechts. Frauen verdienen weniger, sind öfter in Teilzeit, und sind seltener in Führungspositionen als Männer. Viele Frauen mit Behinderung fühlen sich unter Druck, ständig beweisen zu müssen, dass sie ihre Tätigkeit genauso gut erfüllen können wie vergleichbar qualifizierte Menschen ohne Behinderung. Das führt zu einer enormen Stressbelastung.

Warum arbeiten erwerbstätige Frauen mit Schwerbehinderung oft unter ihren Fähigkeiten?

Das hat Gründe auf Arbeitgeber- und auf Arbeitnehmerseite. Auf Arbeitgeberseite sehen wir, dass oftmals noch viele Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderung existieren, gerade was Leistungsfähigkeit angeht. Sie haben Angst, dass Menschen mit Behinderungen öfter krank sind, oder ihren Job nicht so gut machen wie Menschen ohne Behinderung, was unseren Studien zufolge jedoch nicht der Realität entspricht. Manche fürchten den besonderen Kündigungsschutz und stellen daher keine Menschen mit Behinderung ein.

Und die andere Seite?

Auf Arbeitnehmerinnenseite stellen wir durch die Befragung fest, dass viele Frauen bereits im Bewerbungsprozess aufgrund ihrer Behinderung Diskriminierung erfahren. Daher verschweigen viele Frauen aus Vorsicht ihre Behinderung in den Bewerbungsunterlagen, obwohl sich das negativ auf ihre Rechte auswirken kann. Diejenigen die einen Arbeitsplatz gefunden haben, leben oft mit der Angst, diesen wieder zu verlieren, weil sie meinen, den Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Frauen mit Behinderung sind auch viel öfter als Männer mit Behinderung zusätzlich mit Familienarbeit belastet. Das heißt, dass sie neben der Arbeit die Betreuung der Kinder oder die Pflege von Angehörigen übernehmen müssen. Das führt dazu, dass sie flexiblere Modelle für die Arbeitszeit brauchen, und oft in Teilzeit gehen, weil sie sonst nicht alles unter einen Hut bringen können.

Zur Person

Christina Marx (50) ist Sprecherin der Aktion Mensch .
Die Sozialorganisation setzt sich für eine inklusive Gesellschaft ein.

Gibt es Unterschiede zwischen Frauen mit einer angeborenen Schwerbehinderung und jenen, die später erkranken?

Ja, auf jeden Fall. Frauen, die mit einer Behinderung geboren sind, haben es noch mal schwerer, um es mal ganz platt zu sagen. Wer im Laufe des Lebens eine Behinderung erwirbt, hat grundsätzlich eine ganz normale Schullaufbahn an der Regelschule durchlaufen, einen Berufs- oder Studienabschluss erworben, und vielleicht auch schon im Job Fuß gefasst, bevor eine chronische Erkrankung, ein Unfall oder Ähnliches zur Schwerbehinderung führte. Menschen mit angeborener Behinderung hingegen durchlaufen vielfach Sondersysteme, das heißt sie besuchen eine Förderschule und haben einen niedrigeren Schulabschluss. Das erschwert den Übergang in den ersten Arbeitsmarkt.

Was für Langzeitfolgen wird die Krise für Menschen mit Schwerbehinderung mit sich bringen?

Wir untersuchen die Situation am Arbeitsmarkt von Menschen mit Behinderung schon seit mehr als acht Jahren, und bisher hat sich die Situation stetig gebessert. Die Arbeitslosenquote ist seit 2013 ständig gesunken. In der CoronaKrise haben wir erlebt, wie viele Menschen ihren Job verloren haben, darunter auch viele mit Behinderung, weil sie oft nur einen befristeten Arbeitsvertrag haben. Viele arbeiteten in der Gastronomie, also einer Branche, die sehr stark betroffen ist. Die Anzahl der arbeitslosen Menschen mit Schwerbehinderung ist im Vergleich zum Vorjahr um rund 13 Prozent gestiegen, auf den höchsten Wert seit 2016. Wir wissen aus unserer Langzeitbeobachtung, dass es für Menschen mit Behinderung schwerer ist, wieder in den Job zurückzukommen. Das heißt, sie sind im Durchschnitt 100 Tage länger arbeitslos als Menschen ohne Behinderung. Von daher sind die Folgen für Menschen mit Behinderung noch viel gravierender.

Was können Unternehmen tun, um den Arbeitsmarkt inklusiver zu gestalten?

Insbesondere in der freien Wirtschaft brauchen wir einen Bewusstseins- und einen Kulturwandel, der die individuellen Stärken, die Motivation und Qualifikationen von Bewerber:innen in den Fokus rückt. Wir müssen einen chancengerechten Arbeitsmarkt schaffen, der Genderfragen und Fragen von Behinderung gleichermaßen berücksichtigt. Kurz und einfach gesagt: Unternehmen müssen Menschen mit Behinderung beschäftigen, und sie fair entlohnen.

Gibt es konkrete Verbesserungsmöglichkeiten?

Wird bereits in Stellenausschreibungen auf gelebte Diversität, flexible Arbeitsmodelle und Unterstützungsmöglichkeiten hingewiesen, sind die Hemmschwellen für Menschen mit Behinderung sehr viel niedriger, sich tatsächlich zu bewerben. Außerdem sollten Unternehmen das Thema Barrierefreiheit vorantreiben, was letztendlich allen Mitarbeiter:innen nützt. Es gibt auch viele Unterstützungsmöglichkeiten von der öffentlichen Hand, die vielfach nicht bekannt sind, die vermehrt von Unternehmen genutzt werden sollten. Dazu zählen beispielsweise Lohnkostenzuschüsse oder die Übernahme von Kosten für die Ausstattung eines barrierefreien Arbeitsplatzes.

Interview: Clara Meyer-Horn

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