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270 000 Unterkünfte für Flüchtende: „Die Resonanz zur Hilfe ist überwältigend“

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Von: Peter Hanack

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Menschen aus der Ukraine mit ihren Habseligkeiten: Auch in Hessen benötigen Tausende dringend ein Bett für die Nacht.
Menschen aus der Ukraine mit ihren Habseligkeiten: Auch in Hessen benötigen Tausende dringend ein Bett für die Nacht. © dpa

Lukas Kunert hat einer Initiative für Flüchtlinge aus der Ukraine gestartet. Im Interview spricht er über Menschen, die Menschen aus dem Kriegsgebiet bei sich aufnehmen.

Sonst sammelt er Geld für solidarische Projekte. Jetzt hat Lukas Kunert ein Projekt aufgezogen, das Kriegsflüchtlingen zu einer Unterkunft auf Zeit verhelfen soll. Mit dem Erfolg hätte er selbst nie gerechnet, sagt er.

Herr Kunert, wie viele Betten haben Sie bislang für Ukraine-Flüchtlinge angeboten bekommen?

Wir liegen aktuell bei etwas mehr als 270 000 Betten. Das Besondere daran ist, dass dahinter 120 000 Menschen stehen, die ihre Wohnungstür öffnen für Menschen, die sie nicht kennen und die sie dennoch willkommen heißen.

Haben Sie das erwartet?

Nein, wir sind wirklich überwältigt von dieser Resonanz und berührt, dass hier so eine menschliche Geste gegen diesen Wahnsinnskrieg gesetzt wird.

Wie kommen denn die Flüchtenden und die angebotenen Übernachtungsmöglichkeiten zusammen?

Das ist total simpel. Auf unterkunft-ukraine.de können die Flüchtenden ihren Bedarf eintragen und die Gastgebenden ihre Angebote.

Ich könnte also sagen, ich habe da eine Dachgeschosswohnung, da könnten zwei Erwachsene und vielleicht noch zwei bis drei Kinder für eine Zeit unterkommen.

Dann würden wir diesen Datensatz nehmen und auf der anderen Seite beispielsweise eine Familie suchen, die drei, vier oder fünf Köpfe hat und in der Nähe von Frankfurt unterkommen will. Wir würden uns dann bei Ihnen melden und fragen, ob das für Sie in Ordnung wäre. Falls ja, würden wir Sie direkt miteinander verbinden, damit Sie alles weiter absprechen können.

Wie lange müsste ich diese Familie dann aufnehmen?

So lange, wie Sie sich das vorstellen können. Es ist uns wichtig, dass Sie sich selbst fragen, was traue ich mir zu?

Auf was muss ich mich dabei einstellen? Diese Menschen haben ja schlimme Dinge erlebt, sind vielleicht traumatisiert, haben Angst um Angehörige, trauern.

Erst einmal sollten Sie diese Menschen in Empfang nehmen, ihnen ein herzliches Willkommen bereiten. Dann aber müssen Sie auch schauen, wie viel Zeit können Sie aufwenden für Gespräche oder Hilfen, und wo schaffe ich eine Grenze sowohl für diese Menschen, dass die auch einmal die Tür zumachen und für sich selbst sein können. Man muss auch Distanz halten können und sagen, dieser Schmerz, den ich sehe, das ist nicht mein eigener, sondern der dieser Person.

HIlfe Anbieten

#Unterkunft Ukraine vermittelt Übernachtungsmöglichkeiten für Flüchtlinge. Daran beteiligt sind eine wachsende Zahl von Firmen, Organisationen und Initiativen.

Wer Betten anbieten möchte oder sucht, bekommt viele Informationen unter unterkunft-ukraine.de

Das Land Hessen gibt Informationen zu Unterkünften unter 0800 / 110 3333 und ukraine@hmdis.hessen.de pgh

Es ist also mehr, als ein Zimmer über AirBnB zu vermieten. Ich muss auch Persönliches einbringen und zugleich eine Distanz halten können.

Es ist eine persönliche Entscheidung, was traue ich mir zu. Es ist völlig in Ordnung zu sagen, ich nehme jemanden für vier Wochen auf, und dann ist es auch genug. Das ist das, was ich leisten kann.

Jetzt kann ich aber kein Ukrainisch.

Die allermeisten Ukrainer:innen sprechen Russisch, viele von ihnen sind sehr gut ausgebildet, sprechen weitere Sprachen, Englisch, Französisch, Spanisch. Wir achten darauf, dass sprachliche Verständigung möglich ist. Dafür findet sich immer ein Weg.

Warum tun Sie das? Wie kamen Sie dazu, diese Initiative Ukraine-Unterkunft ins Leben zu rufen?

Meine Frau und ich sind am vergangenen Donnerstag aufgewacht, und dann lasen wir die Nachrichten und waren geschockt. Meine Frau stammt aus Russland, wir haben uns in der Ukraine kennengelernt, die Familie lebt in Russland, der Ukraine und Moldawien. Nach dem ersten Schock war uns klar: Wir müssen etwas tun. Auch wenn es nur eine Geste ist, so ist es auch eine Tat und hat eine Wirkung. Beim Mittagessen rief unser Mitgründungskollege Falk Zientzan und fragte: Wollen wir Unterkünfte für Menschen aus der Ukraine organisieren? Alle haben genickt. Keine vier Stunden später waren wir online, und die ersten Menschen trugen sich ein.

Wieso können Sie das?

Wir haben eine einfache Möglichkeit geschaffen sich einzutragen, mit einer ganz simplen Datenbank. Dafür braucht man kein großes technisches Wissen. Jetzt arbeiten wir mit vielen Partnern an einer sicheren, langfristigen und partnerschaftlichen Lösung.

Sie sind Gründer, Miteigentümer und Geschäftsführer von elinor. Was tun Sie da?

Wir haben das 2018 gegründet. Was wir tun, ist, es Menschen zu ermöglichen, gemeinsam Geld zu verwalten, ohne dass sie eine Organisation oder ein Unternehmen gründen müssen. Das beginnt bei der Klassen- oder Mannschaftskasse und geht bis zu großen Bewegungen wie „Fridays for Future“. So hatten wir auch einen der größten Kunst-Nothilfe-Fonds in der Corona-Pandemie. elinor ist, so würde ich es definieren, eine Solidarplattform.

Ist der Erfolg von Ukraine-Unterkunft ein Hoffnungszeichen, dass unsere Gesellschaft doch nicht so egoistisch ist, wie es immer heißt?

Es gibt sehr viele Menschen, die an das Menschliche anknüpfen wollen. Das ist, was wir sehen. Menschen finden eine menschliche Antwort auf eine so unmenschliche Tat, einen Krieg anzufangen.

Interview: Peter Hanack

Lukas Kunert (30) hat gemeinsam mit seiner Frau und Falk Zientzan das Hilfsprojekt „#Unterkunft Ukraine“ gestartet. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Start-ups elinor. Kunert lebt mit seiner Familie in Sonnerden bei Gersfeld in der hessischen Rhön.
Lukas Kunert (30) hat gemeinsam mit seiner Frau und Falk Zientzan das Hilfsprojekt „#Unterkunft Ukraine“ gestartet. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Start-ups elinor. Kunert lebt mit seiner Familie in Sonnerden bei Gersfeld in der hessischen Rhön. © ©2017 Hannes Kutza

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